01. Februar 2010

Karl-Theodor zu Guttenberg Des Ministers Geschichtsprophetie

Von einem, der auch mal abhebt

Von zweierlei Art kann das akademische Vorwort sein. Oft dient es dem Dank an die Lehrer und stellt die Arbeit umständlich unter den Scheffel, damit sie desto heller erstrahle. Solches Vorwort ist das Graubrot an Deutschlands Universitäten und die Regel.

Manchmal aber schwingt das Proömium sich auf in die Höhen eines Manifests, hebt ab in den Orbit der Globaldeutung, des ein und für alle Mal und sehr zu Recht Gesagten über Mensch, Welt, Kosmos, Geschichte. Von solcher Art ist das Vorwort, mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg seine juristische Dissertation einläutete. Sie heißt „Verfassung und Verfassungsvertrag – Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“.

Wer heute, da der Verteidigungsminister heikel jettet zwischen Hindukusch und Berlin, das 2009 publizierte Bayreuther Werk noch einmal hervorholt, der begreift: Nur in der internationalen Politik konnte dieser Deutungswille eine Form finden. Zu Guttenberg erweist sich auf den zwei sentenzensatten Seiten als Meister der Verknappung.

Essenz ist hier alles: das an Spengler wie Toynbee mahnende morphologische Denken, die Melancholie, das Schaudern zwischen Schimmer, Schemen und dem „Blick nach innen“. Zu Guttenberg hebt nach einer knappen Exposition des Themas – „Europa und die USA“ – an mit dem „Schimmer der Ernüchterung“, der „kleinen wie epochalen Erschütterung“ und „mancher Tradition“, die der Nostalgie gewichen sei. Gemeint ist besagtes Verhältnis von Alter und Neuer Welt.

Dem Historiker klassischer Prägung, der wie zu Guttenberg in der Geschichte ein Gewebe erblickt aus „Kraftfeld“ und „gestaltenden Persönlichkeiten“, wird nicht bang. Er weiß, dass Geschichte ein zyklisch‘ Ding ist und dennoch immer nah am Scheitern. Europa habe seinen „Pfad“, lesen wir, „eklektisch eigen beschritten“, den Weg der Verfassung nämlich, und sei „wiederkehrend am Scheideweg“: „Kann man demgemäß und aktuell von Scheitern sprechen? Von einem großen Projekt, das im Angesicht des Hafens noch tragisch Schiffbruch erleidet? Oder vernehmen wir lediglich ein erneutes, wenngleich keuchendes historisches Durchatmen?“

Die asthmatische Rede geht vom europäischen Verfassungsvertrag, der als „Vertrag von Lissabon“ keine Verfassung geworden ist. Eine „Zäsur“ ortet zu Guttenberg, ohne zu verschweigen, dass Zäsuren wie Scheidewege, mögen sie uns auch erschüttern und ernüchtern, „traditionell paradox“ auf Kontinuität deuten: „In jeder noch so brachialen Ablehnung“ sei „immanent der Fortgang angelegt.“ Die Historie lässt sich nicht betrügen, sie geht über den Menschen hinweg. Der Historiker ist in zu Guttenbergs Perspektive ihr rückwärtsgewandter Prophet, nicht ihr Gestalter.

Alles bleibt sich gleich im Haus der Sprache, das hier ein Haus des ganzen Seins sein soll. Wer Geschichte studiert, wie sie hier studiert wird und wie sie etwa im Kaiserreich überall gelehrt worden ist, der steht immer kurz davor zu verzweifeln und zweifelt dann eben nicht. Ihm bleibt das Los auferlegt, noch in den Adverbien, die „demzufolge“ heißen und „indes“ und „gleichwohl“ und „nunmehr“, dem Einst die Treue zu halten.

Zu Guttenberg weiß: Beitragen kann er nur „eigenes Gemurmel“, entstanden trotz „intellektuell dürftigerer Alltagserlebnisse“. Im Winter 2008, als er das Vorwort schrieb, war er bekanntlich Generalsekretär der CSU, zuvor Vorsitzender des CSU-Bezirksverbandes Oberfranken.

Wenn es abschließend heißt, der Verfasser habe eine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“ einschließlich einer „beklagenswerten Eitelkeit“, dann ist dieses Bekenntnis mehr als eine Captatio benevolentiae. Karl-Theodor zu Guttenberg müssen wir einen Aphoristiker und Geschichtsmorphologen nennen, den Kairos suchend, Kairo findend.

Literatur

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