01. Februar 2010

Staat und Geschichtsschreibung Über Sinn und Unsinn von Geschichtspolitik

Grundsätzliches in neun Punkten

1. Die Verfechter des Konzepts deutscher Geschichtspolitik haben wohl recht damit, dass Personen wie Erika Steinbach es den (heutigen) Betreibern deutscher Geschichtspolitik schwer machen, die von ihnen entworfenen Bilder von der Geschichte, zumal der Deutschen, so in den Köpfen der Menschen zu verankern, dass nicht einmal mehr auch nur der leiseste Zweifel an ihnen aufkommen kann. Ob freilich – wie sie zum Teil behaupten – der neue deutsche Außenminister mit seinem kategorischen Auftreten gegenüber der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen einen Durchbruch in der deutschen Geschichtspolitik erzielt hat, erscheint so sicher dann nun doch nicht.

2. Im Übrigen stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt wünschenswert ist, dass durch Geschichtspolitik den Menschen ein von anderen, das heißt letztlich staatlicherseits vorgefertigtes Bild von der Geschichte vermittelt wird. So ehrenwert die Bemühungen, mit Hilfe von Geschichtspolitik auf das Bewusstsein und das Urteil der Menschen Einfluss zu nehmen, auch immer sein mögen, der Erkenntnis der historischen Wahrheit, die – wenn überhaupt nur durch die Erkenntnissuche und den Wettstreit freier und unabhängiger Historiker und die ergebnisoffene Diskussion zwischen ihnen herausgefunden werden kann, dient sie allein schon deshalb nicht, weil es sich bei der Geschichtsschreibung um einen in ständigem Fluss befindlichen Prozess handelt, dessen Ergebnisse sich auf immanente Weise jeglicher Festschreibung entziehen. Geradezu absurd ist die Vorstellung, der Staat solle mit Hilfe der Geschichtspolitik aus den Forschungsergebnissen der Historiker jene Ergebnisse herauspicken, die fundiert und zutreffend sind, respektive sich als solche erwiesen hätten.

3. So verdienstvoll, zumindest ehrenwert es auch immer sein mag, mit Hilfe von Geschichtspolitik die Verständigung der Völker, der Sicherung des Friedens oder einem anderen hehren Ziel zu dienen, so wenig ist daran zu ändern, dass die mit der Geschichtspolitik verfolgte gute Absicht und die historische Wahrheit nicht unter einen Hut zu bringen sind. Ob es einem gefällt oder nicht, die mit Geschichtspolitik verfolgte gute Absicht steht der historischen Wahrheit von vornherein im Wege.

4. Wer sich anmaßt, aus dem Widerstreit der Historiker ein bestimmte Geschichtsbilder auszuwählen und als verbindlich zu erklären, steht insofern mit der historischen Wahrheit von vornherein auf Kriegsfuß, als er dies immer nur dadurch tun kann, dass er das historische Geschehen nicht in seiner ganzen Fülle wahrnimmt und die Forschungsergebnisse der Historiker danach auswählt, ob sie seinem politischen Anliegen dienlich sind. In diesem Lichte wird verstehbar, dass die Protagonisten der Geschichtspolitik im Dienst der guten Sache zuweilen auch auf die Ergebnisse von Historikern und die Aussagen von Zeitzeugen zurückgreifen, die die Wahrheit ganz offenkundig in ihr Gegenteil verkehren.

5. Nimmt man die in der Bundesrepublik Deutschland betriebene Geschichtspolitik in den Blick, so steht im Mittelpunkt aller Bemühungen, dem Deutschen Staat und dem Deutschen Volk die Alleinschuld für den Zweiten Weltkrieg und wenn irgendwie möglich auch für den Ersten Weltkrieg und die historischen Katastrophen des vorigen Jahrhunderts überhaupt zu geben, und die Taten anderer Staaten als zumindest verstehbare Reaktion auf die aggressive Politik des Deutschen Staates seine – weithin im Einvernehmen mit dem Deutschen Volk – begangenen verbrecherische Taten erscheinen zu lassen.

6. Indem man im Gegensatz zu jenen vor allem im Ausland anzutreffenden Historikern, die den Versailler Vertag als das Urverhängnis und den Zweiten Weltkrieg als bloße Fortsetzung des Ersten ansehen und auf die Volkstumspolitik der Tschechoslowakei und Polens gegenüber ihren deutschen Minderheiten verweisen, den deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei, respektive den Angriff auf Polen als Stunde Null betrachtet, hat man eine Messlatte zur Hand, mit deren Hilfe man das Deutschen begangene Unrecht und die an ihnen begangenen Kriegsverbrechen als nachrangig hinstellen, wenn nicht wohlverdient bezeichnen, und ihre Forderung nach Respektierung des Leids, das sie erfahren haben, als unverschämt, ja revanchistisch abtun kann.

7. Natürlich handelt es sich bei der Geschichtspolitik nicht um eine Erfindung der Bundesrepublik Deutschland und auch kein Produkt der modernen Zeit. Schon bald nach Anbeginn der Historischen Existenz des Menschen in der Frühphase des Neolithikums vor 6000 Jahren haben die politischen und gesellschaftliche Eliten in den Staaten der Welt, unabhängig davon, was für eine Staatsform sie hatten, Einfluss auf das Geschichtsbild der in diese Staaten lebenden Menschen genommen. In der Natur der Sache liegt, dass sich mit der Zirkulation der Eliten und dem Wechsel der Systeme die mit Hilfe von Geschichtspolitik den Menschen vermittelten Geschichtsbilder grundlegend gewandelt haben. Auffällig dabei ist, dass die Historiker in ihrer überwiegenden Mehrheit diesen Wandel fast immer mit den dazu passenden Forschungsergebnissen unterfüttert haben.

8. Paul Valery hat hieraus die Schlussfolgerung gezogen, dass das, was die Historiker als Geschichte ausgeben, immer nur eine Fiktion sei, und die Historiker ganz und gar nicht beschrieben, wie es gewesen ist, sondern die Geschichte unter dem Aspekt der jeweils gegeben Rahmenbedingungen und Herrschaftsverhältnisse neu erfänden. Dass es in einer Welt. die dem ständigen Wandel, wenn nicht dem ständigen Kreislauf der Eliten unterworfen ist, zuweilen auch zu einer Wiederauflage von Geschichtsbildern kommt, hat Paul Valery zumindest explizit nicht in seine Betrachtung einbezogen. Als relevanten Einwand gegen seine These vom Wesen der Geschichtsschreibung hätte er es sicher nicht angesehen.

9. So sehr der Umstand, dass die Staaten über die Jahrtausende hinweg unabhängig von ihrer Staatsform eine auf Unwahrheit beruhende Geschichtspolitik betrieben haben, ein Band der Gemeinsamkeit um sie schlingen mag, eines unterscheidet sie in dieser Hinsicht aber doch. Während in jenen Staaten, die um hehrer Ziele Willen, die von ihnen betriebene Geschichtspolitik im Widerstreit zu der von ihnen eingenommenen – das Lügen ächtenden – moralischen Position steht, steht in den Staaten, die um weniger hehrer Ziele willen Geschichtspolitik betreiben, die Verfälschung der Geschichte immerhin im Einklang mit der von ihnen eingenommenen, das Lügen im politischen Geschäft unter Umständen gutheißenden – amoralischen Position.

Internet

Homepage des Autors Prof. Rodemer


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Horst Rodemer

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