13. Februar 2010

Österreichische Konjunkturtheorie II Überkonsum und Fehlinvestitionen

Empirischer Befund

Zusammenfassend und vereinfachend lässt sich über die Österreichische Konjunkturtheorie folgendes festhalten: Zinsraten, die korrekt widerspiegeln, ob die Marktteilnehmer Konsum im Jetzt oder später bevorzugen, führen zu dauerhafter Kapitalbildung durch Verlängerung der Produktionsumwege. Durch die Verlängerung der Produktionsumwege, also kapitalintensivere Produktion, können Güter in der Zukunft günstiger angeboten werden.

Fehlinvestitionen

Dagegen leiten Zinsraten, die durch Zentralbanken oder andere Staatseingriffe beeinflusst werden, die zur Ausweitung des Kapitalstocks verfügbaren Mittel in fehlerhafte Bahnen und führen zu Fehlinvestitionen. Die Fehlinvestitionen erfolgen aufgrund eines fehlerhaften Bildes über die zukünftigen Wünsche von Verbrauchern. Es werden Produktionskapazitäten für Güter geschaffen, für die letztendlich keine echte, sondern nur eine Scheinnachfrage besteht. Da die verfügbaren Darlehen knapp sind, kommen vor allem diejenigen Unternehmer bei der Vergabe der Darlehen zum Zuge, die am meisten bieten können. Es sind die Unternehmer, deren avisierte Investitionen den größten Ertrag versprechen. Dies sind in der Regel die Unternehmer, deren Projekte am langfristigsten angelegt sind. Wenn sich die Wahrheit im Zeitablauf herausstellt, werden die geschaffenen Produktionskapazitäten als Fehlinvestitionen erkannt und müssen durch mehr oder weniger kostspielige Umwidmung anderen Aufgaben zugeordnet oder, falls dies nicht möglich ist, liquidiert werden. Unfertige Produktionsausweitungen werden abgebrochen. Kurzfristig führt die Beeinflussung der Zinsraten daher zu einer guten Konjunktur, die aber unweigerlich in einem Abschwung enden muss.

Überkonsum

Auf der anderen Seite steigt durch die angeheizten Investitionen in Produktionskapazitäten die Nachfrage nach Arbeitskraft in den Branchen, in die die zusätzlichen Mittel fließen. Das zieht höhere Löhne, ohne die die Arbeiter nicht abgeworben werden können, nach sich. In der Folge steigen auch die Löhne der Arbeiter in den konkurrierenden Branchen. Die höheren Löhne führen auch zu höherem Konsum. Mit Liquidation der Fehlinvestitionen muss jedoch das Lohnniveau wieder fallen, da die Arbeiter der Boombranchen entlassen werden. Die Ausgaben für den Konsum fallen ebenfalls auf ihr Ausgangsmaß zurück. Den Fehlinvestitionen in verlängerte Produktionsumwege steht daher im Aufschwung ein Überkonsum zur Seite. Beide sind nicht dauerhaft.

Krise der Weltwirtschaft

Es ist schwierig, die aktuelle  Krise der Weltwirtschaft richtig zu bezeichnen. Ihr Auslöser war jedenfalls die Finanzkrise von 2007, die in 2008 andauerte, in 2009 noch nicht beendet war und in 2010 fortdauert. Untrennbar mit ihr verknüpft ist der Preisverfall am Immobilienmarkt, insbesondere auf Märkten für amerikanische Wohnimmobilien. Ungezählte Verbraucher konnten ihre variablen Darlehen nicht mehr bedienen und das von den Banken getragene Risiko des Zahlungsausfalls manifestierte sich. Eine Kreditmengendeflation hat eingesetzt und wurde vondenZentralbanken und der Politik bekämpft. Versucht man, die Krise mit der Österreichischen Konjunkturtheorie zu erklären, so wird herkömmlich – und wohl bislang unwidersprochen – angenommen, dass die amerikanische Zentralbank eine Politik des billigen Geldes verfolgt hat, deren entscheidendes Merkmal die Fehlinvestitionen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt sind.

Sind Wohnimmobilien zur Selbstnutzung Fehlinvestitionen?

Diese Interpretation muss indes kritisch hinterfragt werden. Sie geht ohne weiteres davon aus, dass es sich bei den errichteten Häusern um die von der Theorie erwarteten Fehlinvestitionen gehandelt hat. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass die Hauptfunktion eines nicht gewerblich genutzten Hauses die Versorgung mit Wohnraum ist. Wohnen ist allerdings eine konsumtive Verwendung des Hauses, keine investive. Das wird klarer bei einem Vergleich zur Miete. Niemand würde bestreiten, dass die Ausgaben für eine Mietwohnung aus Sicht des Mieters Konsumausgaben sind. Nun haben die niedrigen Zinsen in den USA vor allem dazu geführt, das eher wenig bemittelte Mieter ihre Mietwohnungen gegen ein auf Kredit finanziertes Eigenheim eingetauscht haben. Sie haben die Mietzahlungen an den Vermieter durch Kreditraten ersetzt. Die Kreditraten sind nicht vollends als Investition einzuordnen. Wohnen ist Konsum, dabei spielt es keine Rolle, ob man in Mietwohnung oder in den eigenen vier Wände wohnt. Jeder Immobilieneigentümer weiß, dass der Wert des eigenen Hauses durch ständig vorzunehmende Verbesserungen und laufende Mängelbeseitigungen erhalten werden muss. Wird auf Erhaltungsaufwendungen verzichtet, so wird die Substanz des Hauses verbraucht. Sehr häufig ist der Substanzverbrauch bei Rentnern anzutreffen. Mit Beginn der Rente oder etwas später verzichten sie darauf, weiterhin notwendige Modernisierungen an ihren selbstgenutzten Wohnimmobilien vorzunehmen. Sie vererben Häuser, an denen „viel zu machen“ ist. Der Grund liegt im Abwohnen der Substanz über einen Teil der Lebensdauer des Hauses.

Einfaches und kapitalistisches Sparen

Nicht jede Vorsorge für die Zukunft ist daher Investition. Mises unterscheidet zwischen einfachem und kapitalistischem Sparen. Das einfache Sparen definiert er als Anhäufen von Genussgütern für den künftigen Bedarf. Das kapitalistische Sparen besteht in der Bildung von Kapital durch Produktion von Kapitalgütern, die reichere Versorgung in der Zukunft ermöglichen. Das einfache Sparen ist also nichts weiter als aufgeschobener Verbrauch. Kapitalistisches Sparen bildet Kapitalgüter, die der Produktion dienen sollen und nicht bloß Reservevorräte zur Verwendung in Zeiten der Not sind.

Auch selbstgenutzte Wohnimmobilien können daher Investitionen sein. Entscheidend ist die subjektive Widmung des Eigentümers. Wer etwa ein Haus in der Erwartung erwirbt, es später für mehr Geld verkaufen zu können, geriert sich als Investor. Er wird dann allerdings mindestens die erforderlichen Erhaltungsaufwendungen zu treffen haben. Der Wert des Abwohnens muss mindestens ausgeglichen werden. Anders ist es bei denen, die ein Haus kaufen, um fürs Alter vorzusorgen. Sie werden häufig zu denen gehören, die das Haus im Rentenalter verkonsumieren. Weiter sehen manche ein Haus als vor Inflation schützende Investition an. Hier steht vor allem der Schutz vor Wohnungsverlust im Vordergrund, nicht die Produktion. Es geht also um die Absicherung des eigenen Konsums. Daran ist nichts verwerfliches, da wohl kein Konsum so sicher auszurechnen ist wie Wohn- und Nahrungsbedarf. Beide begleiten den Menschen ein Leben lang. Man darf sich nur nicht der Illusion hingeben, dass es sich bei dieser Vorsoge fürs Alter um eine Investition handelt. Es handelt sich um einfaches Sparen, nicht um kapitalistisches.

Überkonsum

Der übermäßige Erwerb von selbstgenutzten Wohnimmobilien ist daher unter den Gesichtspunkt des Überkonsums im Sinne der Theorie zu subsumieren. Er steht damit den ausgeschöpften Konsumentenkrediten auf Kreditkarten zur Seite. Interpretiert auf diese Art und Weise ergibt sich ein wesentlich stimmigeres Bild der Lage. Tatsächlich ist es ja auch so,  dass die Konsumenten mit den Unternehmern um die verfügbaren Kreditmittel konkurrieren. Niedrigere Zinsen machen es vielen Konsumenten einfacher, die erforderlichen Kredite zu bekommen. Aber erst im Zusammenspiel mit den bekannten anderen Umständen konnte es zur Immobilienblase kommen. Hierzu gehört vor allem der allgemein erwartete kontinuierliche Anstieg der Immobilienpreise, ohne den die für die Kreditvergabe erforderlichen Sicherheiten nicht zur Verfügung gestanden hätten. Daneben treten die politischen Eingriffe in den Markt, die es Geringverdienern erleichtert haben, Kredite zu erlangen, etwa der Community Reinvestment Act. Schließlich gehören die finanztechnischen Innovationen auf dem Gebiet der Risikostreuung zu den unabdingbaren Voraussetzungen des Überkonsums auf den Immobilienmärkten.

Fehlinvestitionen

Verwirft man den Immobilienboom als Ausdruck der Fehlinvestitionen und ordnet ihn richtigerweise als Überkonsum ein, sind konsequenterweise Fehlinvestitionen auf anderen Gebieten zu identifizieren. Hier drängen sich zahlreiche Lösungen auf. Dabei handelt es sich jeweils um langlebige Produktionsmittel, die höchste Rentabilität versprachen. Sie stehen eng mit einem anderen Thema in Verbindung, das die Presse in den vergangenen Jahren des Booms beherrscht hat, nämlich die Globalisierung. Es überrascht, dass die Verbindungslinie zwischen Globalisierung und Kreditausweitungshausse eher selten gezogen wird. Der Boom des weltweiten Güterhandels schlägt sich in einem Boom der Werkzeuge nieder, ohne den die Globalisierung nicht denkbar ist. Ohne Schiffe und Flugzeuge lassen sich die auf den Werkbänken der Welt produzierten Güter nicht transportieren. Wenn im Goldrausch die Hersteller und Händler von Schürfwerkzeugen am meisten profitiert haben, so sind die Schiffs- und Flugzeugeigner diejenigen, die hofften, vom erhöhten Transportaufkommen der Globalisierung am meisten zu profitieren. Ein Beispiel hierfür sind die in Retrospektive illusorisch anmutenden Renditeversprechen der Initiatoren von Flugzeug- und Schiffsbeteiligungsgesellschaften, die unter deutschen Privatanlegern nicht nur wegen ihrer Eignung als Steuersparmodell beliebt waren.

Stillgelegte Schiffe und Unmengen in Bau

So befindet sich nach Zeitungsinformationen östlich von Singapur eine Art Friedhof von Geisterschiffen. Dort sollen rund 500 von ihren Eignern stillgelegte Schiffe liegen, für die es keine Waren gibt, die sie transportieren können. Den Reedereien ging es selten schlechter als heutzutage. Die Frachtraten sind im Tiefflug. Am 20. Mai 2008 markierte der Baltic Dry Index, ein Indikator für Frachtraten der Schifffahrt, mit einem Schlussstand von 11.793 Punkten ein Allzeithoch. Auf den tiefsten Stand seit 1986 sank der BDI am 5. Dezember 2008 mit einem Schlussstand von 663 Punkten, hat sich inzwischen aber wieder erholt und bewegt sich nach zwischenzeitlichem Anstiegauf über 4000 Punkte heute bei rund 2600 Punkten. Reeder gehen davon aus, dass der Abschwung erst in 4 bis 5 Jahren ein Ende finden könnte. Dass noch rund 1400 Container-Schiffe in Bau sind, macht die Markterholung nicht einfacher. Fest steht, dass die vorhandene und bestellte Tonnage die benötigte bei weitem übersteigen wird. Gerade eben hat das deutsche Wirtschaftsministerium in Seoul angefragt, ob sich die Lieferung von bestellten Schiffen verschieben lasse. In den nächsten Monaten stehen 195 Schiffe aus Korea zur Auslieferung an deutsche Unternehmen an. Dabei gibt es eine Überkapazität von 10 Prozent. Andererseits musste Korea seinen Werften mit Subventionen von 10 Mrd. Euro unter die Arme greifen.

Schwimmende Lager

Der Bedarf an Schiffen und ihrer Fracht war und ist so gering, dass Öltanker zu schwimmenden Öllagern umfunktioniert worden sind. Da die Öltanker nicht für den Transport von Fracht gebraucht wurden und gleichzeitig der Wert der Fracht gesunken war, haben die Ölkonzerne die Schiffe dauerhaft gechartert und das Öl gebunkert, statt es an den Häfen abzuladen. Es lohnt sich, das Öl auf Schiffen zurückzuhalten, um von höheren zukünftigen Preisen zu profitieren, obwohl hohe tägliche Kosten anfallen. Eine ganze Flotte soll in Scapa Flow ankern. Die Zahlen variieren, doch wird gemutmaßt, dass 80 Mio. Barrel auf Tankern gelagert sind, weil die Preise für zukünftig geliefertes Rohöl die Preise für jetzt zu lieferndes deutlich übersteigen.

Raffinerien

Merkmal der Globalisierung ist der steigende Ölbedarf von zu den Industriestaaten aufschließenden Staaten. Die vorhergesagte Entwicklung in China und Indien sollte die wichtigsten Rohstoffe zu Mangelwaren machen. Ein weltweiter Rohstoffboom war die Folge. Die Preise für Kohle und alle Basismetalle stiegen in die Höhe, der Preis für Rohöl erreichte ein Allzeithoch. Der Preis für Rohöl spiegelt die Nachfrage. Rohöl muss jedoch zunächst raffiniert werden. Mit ihren Raffinerien schreiben die großen Ölkonzerne derzeit Verluste. In Zeiten des Booms wurden die Raffineriekapazitäten zu hohen Kosten ausgebaut, zugleich ist die Ölnachfrage durch die Weltwirtschaftskrise erstmals seit Jahrzehnten gesunken. Jetzt werden sie wieder abgebaut. Die FTD berichtet, es seien im vierten Quartal des letzten Jahres in den USA 474.000 Barrel täglich an Raffineriekapazität vernichtet worden. Überkapazitäten gibt es vor allem noch in Europa. Ein BP-Manager sagte im Interview, dass man in den vergangenen Jahren stark ins Raffineriekapazität investiert habe, dagegen die Margen im Raffineriegeschäft auf ein 15-Jahrestief gesunken seien. Über Shell war kürzlich im Rahmen der Bekanntgabe der düsteren Geschäftsaussichten zu lesen, dass für zwei Anlagen in Deutschland Käufer gesucht werden. 15 % Prozent der Verarbeitungskapazität sollen so entfallen.

Ende der Krise?

Die Krise endet erst, wenn sich Konsum und Produktion auf das richtige Niveau eingestellt haben. Dazu müssen die Verbraucher ein mit den gesunkenen Gehältern zu vereinbarendes Konsumniveau finden. Die Politik muss das Fallen der Gehälter zulassen. Die auf Kredite, gleich ob für Wohnimmobilien oder Kreditkarten, zu leistenden Zahlungen gehören zum Konsumanteil. Die Sparquote der amerikanischen Konsumenten sank in den Boomjahren ins Negative. Sie spiegelt die Vorliebe für Konsumwieder, der notwendig zu Lasten der Investitionen gehen muss. Wenn die Sparquote nicht ansteigt, wird es ohne ausländische Hilfe schwer werden, die vorhandenen Produktionskapazitäten zu erhalten.

Andererseits müssen die Fehlinvestitionen abgebaut werden. Raffineriekapazitäten und Schiffbau müssen verringert werden, damit der Bestand den Realitäten angepasst wird. Die durch die Kreditmengenhausse genährten Illusionen über die Entwicklung der Weltwirtschaft müssen zerstört und die Renditeversprechungen der Globalisierung enttäuscht werden. Ein Indikator sind sicherlich die Verluste, die auf die Schiffseigner in geschlossenen Fonds noch zukommen werden. Ein anderer Indikator sind die Frachtraten. Festzuhalten bleibt: Wenn etwa die koreanische Regierung ihre Werften mittels Subventionstropf am Leben erhält, so ist das der erforderlichen Bereinigung ebenso wenig zuträglich, wie ein Bail-out von Griechenland oder der deutschen Banken.

Mehr bei ef:

Mehr online:


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Dirk Friedrich

Über Dirk Friedrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige