24. Februar 2010

Die beschwipste Ratsvorsitzende der EKD Wir können auch anders

Der Fall Käßmann und das Ende des Betroffenheitsprotestantismus

Lebten wir noch in den Zeiten Karl Millöckers oder Franz Lehárs, dann könnten wir uns jetzt alle das Bier vom Munde wischen und lachend ein neues Rollenfach willkommen heißen: die blaue Bischöfin, die beschwipste Botin. Weder der Anlass aber noch unsere Gegenwart deuten auf Operettenseligkeit. Der Fall Käßmann bietet vielmehr das Schauspiel einer Implosion, die nachhallen wird weit über die Gegenwart hinaus. An sein Ende gelangt ist, im Alkoholdunst einer Samstagnachtfahrt, die Illusion, man könne eine Institution dadurch für die Zukunft wetterfest machen, dass man deren Wurzeln nur als Sprachspiel, als Kulisse und Rhetorik ernst nimmt. Der Käßmann-Protestantismus hat sich überlebt, noch ehe er so richtig begann.

In Erinnerung bleiben wird das doppelte Nichts. „Nichts ist gut in Afghanistan“, sagte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, „nichts“ gab sie zur Antwort auf die Frage, was sie vom Papst in Sachen Ökumene erwarte. Beide Aussagen waren geprägt durch relative Ignoranz, in absolute Formen gegossen. Der Trend zum ausnahmslosen Urteilen, zur dogmatischen Verhärtung also, war errichtet auf einem Grund aus Betroffenheit. Hier wollte ein Mensch, der die erste Person Singular zum Weltstandpunkt gemacht hat, sich seiner Herzensnöte entledigen. Der Betroffenheitsjargon kehrte nun wieder in den ihrerseits zu dogmatischen Zwecken relativierenden Stimmen ihrer Kirche. Käßmann selbst, sagte die evangelische Präses Katrin Göring-Eckardt, sei „am meisten über ihr Fehlverhalten betroffen.“

Ist Betroffenheit über die erste Person Singular eine spezifisch christliche Reaktionsweise? Ist Betroffenheit der geeignete Modus, um die schon aus säkularen Gründen verantwortungslose Tat zu entschuldigen? Kann es Entschuldigung geben, wenn man nicht Schuld eingesteht, sondern Betroffenheit artikuliert? Kann eine Pastorin vom Doppelschritt aus tätiger Reue und Gebet befreit und blanko losgesprochen werden? Politiker nämlich wie Göring-Eckhardt oder Günther Beckstein sprachen die erst betrunkene, dann rasende, nun schweigende Ratsvorsitzende im Voraus frei.  Beckstein gab zu Protokoll, eine Bischöfin sei für Protestanten „keine Heilige“, Rücktrittsforderungen demnach unangebracht.

Nimmt man den Satz ernst, dann muss es sich beim Abstand vom heiligmäßen, also tadellosen Leben um das Maß halten, an dem sich evangelische Bischofswürdigkeit bemisst: Je sündiger, desto geeigneter? Je unfrommer, umso besser? Das kann Beckstein nicht gemeint haben. Dennoch führt der fatale Satz auf die schiefe Ebene. Evangelische wollen sich demnach nicht mit Schuld und Sühne und Reue lange aufhalten, der Verweis auf die Conditio humana genügt, um mit einem großen, weichen Schwamm die Verantwortlichkeit aufzusaugen. Früher hat man ein solches moralisches Laissez-faire den Katholiken vorgeworfen. Die „Papisten“ gäben sich fromm, seien aber verdorben, weshalb die Protestanten ihnen mit der Fackel der Tugend heimleuchten wollten.

Der geordnete Lebensweg, der mitunter spießige, mitunter totalitäre Hang zur Pflichtenethik war die protestantische Mitgift, als die Christenheit sich auffächerte. Nicht an Prozessionen und Spektakeln, sondern am Maßhalten und an der Selbstzucht sollte man Luthers (und Zwinglis und Calvins) Nachfahren erkennen. Davon hat sich die EKD nun offiziell verabschiedet. Die reflexhafte Vorvergebung der Delinquentin bedeutet: Auch uns kann die eigene Botschaft manchmal herzlich egal sein. Wir können auch anders.

Zu Kulisse und Rhetorik waren zuvor schon das biblische Scheidungsverbot und das biblische Fastengebot geworden. Mag die eigene Kirche auch noch so aufwendig für „sieben Wochen ohne“ werben, für 40 Tage ohne Alkohol und Autofahrt – die Chefin vom Laden kann sich dennoch ordentlich betrinken und schwankenden Schritts in die Edelkarosse setzen. Durch kaum eine andere Tat hätte die führende Repräsentantin der EKD schlagender belegen können, dass die erste Person Singular im Zweifel die biblische Moral ausstechen darf. Und der Zweifel sind so furchtbar viele.

Was folgt daraus? Was folgt aus einer Haltung, die das Wort Jesu über die Ehebrecherin – „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein!“ – grotesk missversteht als Carte blanche für Verantwortungslosigkeit und Spontanvergebung? Was folgt aus einer Denkweise, die tausend mildernde Umstände für das eigene, allseitig weich abgefederte Spitzenpersonal kennt, aber kein Wort findet, das eine Sünde als Sünde benennt und so den Weg weist vom politischen zum hier doch wohl zentralen theologischen Diskurs?

Luther hätte mit der Antwort nicht gezögert: Es ist Zeit für eine Reformation.


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