André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Margot Käßmann ist an ihren diesseitigen Prinzipien gescheitert: Die Politisierung des Lebens frisst ihre Kinder in Hannover…

von André F. Lichtschlag

… und spuckt sie womöglich in Berlin wieder aus

Die älteren Leser werden sich erinnern: Mitte der 60er Jahre war Deutschland ein weitgehend freies Land. Man genoss die Früchte des Wirtschaftswunders reichlich, gerne wurde auch mal eine Hässlichkeit diskriminiert. Ein Mann ohne Zigarre galt kaum als solcher, am Wochenende wurde zuweilen ordentlich gefeiert und gezecht, mitunter war auch der örtliche Pfarrer mit von der Partie. Anschließend ging es zu Fünft oder zu Sechst bequem zusammengefaltet im VW-Käfer nach Hause, möglichst auf Feldwegen, da der Fahrer mit mehr als zwei Promille zur Erheiterung der freifliegenden Copiloten von der Hauptstraße ferngehalten werden musste. Nicht wegen möglicher Polizeikontrollen, sein Tun war völlig legal, sondern vielmehr, weil er womöglich den einen oder anderen Zigarettenautomaten am Wegesrand mitgenommen hätte…

Dann kamen die Achtundsechziger. Plötzlich wurde mit einer Melange aus pietistischem Protestantismus und etatistischem Sozialismus alles Leben politisiert und die Politik selbst weitestgehend moralisiert. Die Folge der Parole Spaßfrei ist heute auf jeder Zigarettenschachtel sichtbar, ja der Horror hält Einzug ins Alltägliche. Und kaum nur Raucher werden schikaniert, nicht lediglich Alkohol am Steuer oder unterlassenes Anschnallen kriminalisiert.

Nun frisst die linke Revolution ihre Kinder. Im Privatleben zweifelhafte Gestalten wie Joschka Fischer, Johannes Rau, Oskar Lafontaine oder Daniel Cohn-Bendit kamen mit viel Glück noch weitgehend ungeschoren davon, Michel Friedman nicht. Margot Käßmann nun auch nicht.

Es geschieht ihnen deshalb nicht unrecht. Und wer heute die Krokodilstränen der entgeisterten Gesinnungsfreunde in den öffentlich-rechtlichen Sendern – „wer hat eigentlich die Promillefahrt heimtückisch der Presse gesteckt?“ – gelauscht hat, mag sogar ganz unchristlich einen Moment der Schadenfreude empfunden haben.

Dabei wäre doch unter uns Gebetsschwestern eine feucht-fröhliche Autofahrt der Frau Bischöfin in einer etwas entspannteren, „liberaleren“ oder „katholischeren“ Atmosphäre schlicht ihre Privatsache. Schließlich hat sie niemandem geschadet. Und eine rote Ampel mag sogar Jesus mal überschritten haben. Dass die Päpstin deutscher Protestanten diese Fahrt ins Blaue allerdings in der Fastenzeit unternahm, ist so bezeichnend wie der daraufhin mittels Telefonkonferenz erfolgte Schulterschluss der anderen Ratsmitglieder dieser Filiale. Im heimlichen Fastenbrechen der Vorsteherin am vierten Tag der gerade begonnenen vorösterlichen Abstinenzzeit sah niemand auch nur annähernd einen Grund für eine Rücktrittsempfehlung. Vermutlich geht ohnehin keiner mehr davon aus, dass die obersten Repräsentanten der Protestanz ihre biblischen Regeln noch irgendwie ernst nehmen würden.

Gescheitert ist Frau Bischöfin nicht vor ihrem abgespeckten christlichen Glauben, sondern an der Missachtung der heiligen Gebote ihrer anderen, hypermoralisierenden und entpersonalisierenden (Zivil-) Religion. Die deshalb wohl tragische Figur Margot Käßmann trat, so wird heute gemeldet, alles andere als geknickt vor die Presse. Und doch verkörpert sie ein Bild des Jammers, aus dem gesellschaftlich nur eine Umkehr folgen kann.

Andererseits mahnt das Beispiel Friedman, dass sich jene, die auf Besinnung hoffen, nicht zu früh freuen sollten. Auch Konstantin Wecker spielt heute wieder – und lauter denn je, etwa beim Einheizen der SA-Schlägerbanden in Dresden – die moralische Monstranz der Gutmenschen. Wer würde heute darauf wetten, Margot Käßmann nicht morgen bereits im Bundestag wiederzusehen? Claudia Roth, die gestern noch in einer an Margarete Schreinemakers legendärer Autobahn-Diktion erinnernden Garstigkeit meinte, „natürlich ist es richtig Mist, was Frau Käßmann gemacht hat, es ist richtig schlecht“, hat die nun Ex-Bischöfin heute bereits wenig verschämt zu ihresgleichen in die große Politik eingeladen: „Ich wünsche mir sehr, dass ihre Stimme auch in Zukunft weithin hörbar ist.“

Eva Herman bittet niemand irgendwohin zurück. Das unterscheidet die Political Correctness von traditionellen Religionen: Sprechverbote wiegen schwerer als die Gebote fürs Tun. Vor allem kommt es nun immer darauf an, wer betroffen ist.

24. Februar 2010

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