25. Februar 2010

„Geistiges Eigentum“ Doppelmoral von Politik und Wirtschaft

Daten kann man nicht stehlen

Es gibt einen Fantasyfilm, der bei den großen Kinobetreibern nicht angekommen ist und deswegen fast nirgendwo gezeigt wurde: Ink. Gerade mal 15 Lichtspielhäuser in den USA brachten den Streifen, obwohl es gute Kritiken gab.

In der guten, alten Analogwelt wäre die Geschichte jetzt zu Ende. Waren die Verleiher, die Fernsehsender oder Kinobetreiber gegen dich, dann hattest du als Filmemacher keine Chance. Im Digitalzeitalter aber ticken die Uhren anders. Jemand hat nämlich einen Mitschnitt ins Netz gestellt, und siehe da: Der Film von Jamin Winans kam beim Publikum hervorragend an. Die Zahl der Downloads explodierte und damit auch der Bekanntheitsgrad. Der Produzent war zwar nicht glücklich darüber, dass sein Film auf dem „normalen Weg“ gefloppt ist, aber jetzt bekam er wenigstens etwas. Ein Stück weit wurde der Verkauf der DVD angekurbelt, denn es gibt immer Kunden, die den Film raschel- und wackelfrei sehen oder einfach nur die Original-Scheibe besitzen wollen. Und andere hätten nie von dem Film erfahren, wenn ihnen nicht ihr Download-erprobter Nachbar von dem Film erzählt hätte. Über die Homepage baten die Macher um Spenden, wobei die deutschen Zuschauer übrigens die spendabelsten waren.  7,5 Millionen Deutsche waren letztes Jahr in Tauschbörsen unterwegs. Die Frau des Filmemachers Kiowa Winans sagte deswegen halbwegs zufrieden gegenüber gulli.com: „Klar hätten wir gerne einen US-Dollar pro Download bekommen. Aber wir sehen Filesharing genauso wenig als schlechte Sache an.“

Plattenmultis und anderen Medienkozernen gefällt das gar nicht. Sie möchten auf den Umsatz nicht verzichten, und – wichtiger noch – sie sind vor allem sauer, weil sie ihre mächtige Marktstellung verloren haben. Das Internet ist ein Vertriebskanal, über den auch kleine Außenseiter ihre Produkte an den Kunden bringen können, die vorher chancenlos gewesen wären. Das wäre alles in Ordnung, wenn sich der Staat nicht zum Handlanger dieser Konzerninteressen machen und Internetnutzer kriminalisieren würde. Immer wieder hören wir von Razzien bei Jugendlichen, die Musikdateien getauscht haben und dafür verknackt werden. Ist das in Ordnung? Natürlich nicht. Wer Dateien kopiert, richtet keinen Schaden an. Es lässt sich nicht beweisen, dass die Person, die eine Datei herunterlädt, diese kaufen würde, wenn es sie nicht zum kostenfreien Download gäbe. Also ist die Argumentation falsch, dass hier ein Geschäft nicht zustande gekommen und dadurch ein Schaden entstanden ist. Niemand zwingt die Musik- oder Filmindustrie, ihre Produkte in digitaler Form anzubieten. Sie können ja gerne zur Vinylscheibe zurückkehren oder ihre Filme per Daumenkino verbreiten, dann wird es keine „illegalen Raubkopien“ geben. Wer seine Produkte digital anbietet, der darf sich nicht darüber ärgern, wenn die Kunden von den Techniken der Digitalwelt Gebrauch machen.

Trotzdem gibt es immer neue Horrormeldungen, welche Gemeinheiten sich Regierungen und die Justiz ausdenken, um die angeblich ungesetzlichen Tauschbörsen zu verbieten. In Amerika wurde eine Frau zu 220.000 Dollar Strafe verknackt. Spaniens sozialistische Regierung hat ein Gesetz eingebracht, das eine „Kommission für das geistige Eigentum“ (richtiger wäre: für die Durchsetzung von Konzerninteressen) ermächtigt, Internetseiten zu sperren, wenn dort Downloads angeboten werden. Komischerweise ist nicht die Rede davon, dass diese Kommission auch Copyshops schließen wird, in denen jemand eine Buchseite kopiert hat, um sie einem Bekannten weiterzugeben. In Frankreich soll ein neues Gesetz dafür sorgen, dass Surfer nach dem dritten Download gesperrt werden. Und in Deutschland hat ein Gericht gerade entschieden, dass eine Frau als Inhaberin des Telefonanschlusses verantwortlich ist, obwohl sie selbst gar nichts zum Download angeboten hat. Immer wieder geht es um den offensichtlich falschen Vorwurf, jemand würde Daten klauen, wenn er sie nur kopiert beziehungsweise zum Kopieren anbietet.

Überraschenderweise hat jetzt die bayerische Verbraucherministerin klare Worte gefunden. Beate Merck (CSU) sagte: „Daten kann man nicht stehlen.“ Kommt jetzt also die Wende im staatlichen Kampf gegen illegale Downloads? Wahrscheinlich nicht. Denn die Ministerin bezog sich in ihrer klaren Aussage, die eigentlich null Interpretationspielraum lässt, nicht auf Musikdateien, sondern auf die Steuer-CD, die der deutsche Staat kauft, um an die in der Schweiz gebunkerten Vermögen heranzukommen. Eigentlich müsste den Politikern doch auffallen, dass sie hier doppelte Standards geschaffen haben und eine Käßmannsche Doppelmoral leben. Aber bevor nicht jemand 20.000 Euro bezahlt, um das führenden Unionspolitikern in einem Sponsorengespräch nahezulegen, werden die das wohl nicht mal merken.


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