20. März 2010

Krieg Psychologische und emotionale Auswirkungen

Avatar, The Hurt Locker und die Hybris liberaler Gutmenschen

Krieg ist furchtbar. Er ist zerstörerisch. Krieg wird auch deshalb immer wieder medial thematisiert. Die Liste bekannter Kriegsfilme ist lang. Die besseren unter ihnen sind nicht nur Medium für die Visualisierung von Gewalt, sondern transportieren eine Botschaft über den Krieg und seine zerstörerische Kraft. Bei den diesjährigen Oscar-Verleihungen wurden zwei Filme geehrt, die sich damit befasst haben. In Avatar geht es um den Verlust der Heimat, das Eindringen von Invasoren in die eigene Lebenswirklichkeit. Psychologisch ist das Gefühl des Verlusts von Heimat und Zuhause leicht nachvollziehbar. Der Zuschauer bezieht Stellung für die Na’vi und gegen die menschlichen Eindringlinge. Dies ist nicht nur Folge einer ethisch-rechtlichen Bewertung, sondern auch der vom Regisseur recht offensichtlich, aber wirksam geweckten Empathie des Zuschauers für die Na’vi. Die  hergestellte emotionale Verbindung lässt Mitgefühl entstehen. Mittlerweile ist Avatar zum kommerziell erfolgreichsten Film aufgestiegen, wozu sicher auch die neue Maßstäbe setzende Technik beigetragen hat.

Der erfolgreichste Film war indes mit sechs Oscars "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" von Kathryn Bigelow. Der in Deutschland nur wenig bekannte und auch international kaum erfolgreiche, gerade eben die Produktionskosten einspielende Film widmet sich dem Schrecken des Krieges aus einer gänzlich anderen Perspektive. Anders als in Avatar ist der Blick auf den Krieg ein individueller. Stehen bei Avatar die Schrecken des Krieges auf die Menschen als Kollektiv im Vordergrund, geht es in The Hurt Locker um den Menschen als Individuum und wie er als solches mit dem Krieg fertig wird. Im Mittelpunkt steht dabei ein Bombenspezialist der amerikanischen Armee, der von Afghanistan in den Irak versetzt wird, um dort seiner aufreibenden Tätigkeit nachgehen zu müssen. Der Zuschauer erhält einen Einblick in das Seelenleben eines Soldaten, der ständig unter dem Eindruck drohenden Todes steht. Die brutale Kraft des Krieges führt nicht nur zu zerbombten Gebäuden, sondern ebenso zu zerstörten Seelen. Als die Kameraden des zunächst nicht akzeptierten Bombenspezialisten ernsthaft darüber sinnieren, auf welche simple Weise sie sich dessen entledigen könnten, ist die Rationalität des todbringenden Vorhabens erschreckend nachvollziehbar. Der Krieg hat seine Unmenschlichkeit in die Köpfe der Soldaten gepflanzt. Sein Schrecken, seine Unfassbarkeit verändern den Menschen und dies in einer irreversiblen Weise. Wer den Schrecken des Krieges intensiv erlebt hat, für den ist der Rückweg in die zivilisierte menschliche Gesellschaft durch die Tür der emotionalen Gesundheit verschlossen.

Die durch den Krieg hervorgerufene emotionale Verdorbenheit ist keine Phantasie der Regisseurin. In einem Interview erklärte der amerikanische Politologe P. W. Singer, der sich mit der Zukunft des Krieges befasst, welchem immensen Stress die Piloten von Kampfdrohnen ausgesetzt sind. Größere Drohnenmodelle, die im Irak, Pakistan oder in Afghanistan operieren, werden häufig über Datenverbindungen in Stützpunkten in den USA gesteuert. Während die Piloten während ihrer Arbeitszeit Drohnen steuern, treffen sie nach Dienstschluss auf ihre Familie, mit der sie zu Abend essen oder Ausflüge unternehmen. Anders als zu vermuten wäre, sei die Nähe zur Familie keine Entlastung, sondern bewirke eine höhere emotionale Anspannung. Der Gegensatz zwischen Kriegsbeteiligung tagsüber und friedlichem Familienleben nach Dienstschluss sei so krass, dass die Beteiligten damit teilweise eher weniger umgehen könnten, als befänden sie sich in einer traditionellen Einsatzsituation.

Es ist also nicht die Gefahr um Leib und Leben allein, die emotionale Beschädigungen hervorruft. Menschen zu töten ist für Geist und Seele ungesund, auch dann, wenn es sich – wie bei Drohnenpiloten – wie ein Videospiel anfühlt. Singer befasst sich mit der Zukunft des Krieges und wie er sich durch den stetig zunehmenden Gebrauch von Robotertechnik verändert. Die Kriegsdrohnen steckten noch in den Kinderschuhen. Er prognostiziert eine rapide Veränderung und sein Hinweis darauf, dass im Tagebau bereits unbemannte Abräumlaster benutzt werden, die ein Gewicht von 700 Tonnen erreichen, lässt so einiges erahnen. Die Möglichkeiten scheinen endlos und wie Singer sagt, steckt die Industrie hier noch in den Kinderschuhen. Die Global Hawks und Predators verhalten sich zu den unbemannten ferngesteuerten Waffen der Zukunft wie ein Ford T-Modell zu einem Oberklassewagen.

Erst der Bogen und in einem viel größeren Ausmaß die Schusswaffen haben es einst ermöglicht, den Tötenden von seinem Opfer räumlich zu distanzieren. Niemand war mehr gezwungen, das Antlitz des sterbenden Feindes zu ertragen. Die unbemannten Drohnen bringen eine weitere Entkettung zwischen Täter und Opfer. Nun sind nicht mehr nur Täter und Opfer räumlich getrennt. Der Täter ist distanziert von seiner Waffe, die er als Werkzeug zum Töten einsetzt. Der Pilot einer Drohne befindet sich auf einer Militärbasis in den USA, seine Drohne im Hindukusch und die verschossene Hellfire-Rakete trifft ein Ziel viele Kilometer entfernt. Der Schrecken des Krieges wird so zu etwas Fernem und doch kann der Mensch ihm nicht entkommen. Der willentliche Akt des Tötens wird seine Spuren auf der Seele hinterlassen.

Einige Aufmerksamkeit erhielt in der vergangenen Woche die Studie kanadischer Forscher. Sie nahmen das Sozialverhalten von Kunden von Biomärkten unter die Lupe und fanden heraus, dass sich Kunden nach dem Einkauf in einem Biomarkt weniger altruistisch, sogar asozialer verhielten als eine Vergleichgruppe, die konventionell einkaufte. Wer glaubt, moralisch zu handeln, nimmt für sich in Anspruch, anschließend gegen soziale Normen verstoßen zu dürfen. Auf den ersten Blick ist dies ein harter Schlag gegen das Gutmenschentum, das aus liberalen und konservativen Kreisen so häufig  und berechtigt harte Kritik einstecken muss.

Auf den zweiten Blick muss das jedoch zum Nachdenken anregen: Liberalismus ist eine Ideologie mit ethischer Kernaussage. Die Bewahrung des Eigentums und die Achtung der Person ist richtig, die Ausübung von Zwang gegen das Individuum falsch. Auch der Liberale wähnt sich also in einer Position moralischer Überlegenheit. Führt diese Selbstverortung beim selbsternannten Guten zur Blindheit, wenn er die von ihm als gut erachteten Werte mit fragwürdigen Mitteln exportiert? Krieg ist schrecklich und ihn anderen Menschen anzutun ein Verbrechen. Jeder Kriegsbefürworter muss mit dieser seelischen Last umgehen. Wenn der Einkauf im Biomarkt von Ökos als Kompensat für weniger soziales Verhalten benutzt werden kann, so muss auch gefragt werden, ob sich die Pragmatiker unter den Liberalen der Ideologie des Liberalismus verschrieben haben, um einen Vorwand für ihre kriegerische Agenda nutzen zu können. Tatsächlich findet der pragmatische Liberale stets einen Grund, warum er in diesem Ausnahmefall im besten Fall das Eigentum anderer zerstören und im schlimmsten Fall fremde Leben nehmen (lassen) darf. Dass er sich in der Regel gegen die Anwendung von Krieg, Zwang und Gewalt ausspricht, kann ihm als liberalem Gutmenschen dabei helfen, sein asoziales Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen.

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