26. März 2010

Fünfter Akt Die Demokratie und der Neid

Parteien-Demokratie: Ein Nekrolog in sieben Akten

Nicht nur in der DDR wurde allen Schülern vermittelt, dass jedes „Ausbeutungselend“ eine einzige, verwerfliche Ursache habe: das aus dem arbeitsteiligen Wirtschaften hervorgehende Sondereigentum an den Produktionsmitteln. Folgerichtig halten die Anhänger des Vulgärkommunismus die vermeintliche Urform der menschlichen Ordnung bis zum heutigen Zeitpunkt als erstrebenswert. Sie huldigen dem Dogma der klassenlosen Gesellschaft, also der fröhlichen Gemeinschaft der Gleichen; das nennen sie folgerichtig sozialistische Demokratie (DDR) oder demokratischen Sozialismus (BRD). Die Ostdeutschen reagierten darauf mit einem Witz: Im Kapitalismus herrsche die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, im Sozialismus sei es genau umgekehrt. In diesem Witz steckt die Erkenntnis, dass eine arbeitsteilige Gesellschaft die Ungleichheit zwischen den Menschen fördert und Verschiedenartigkeit unabdingbare Voraussetzung für wirtschaftliches Gedeihen ist. Einem primitiven, gleichheitsversessenen Gedankenansatz ist solche Denkweise fremd.

Ob eine Gesellschaft sich entwickelt oder nicht, hängt davon ab, ob der allgegenwärtige Neid kanalisiert werden kann. Das Christentum hat diese schier unmögliche Leistung vollbracht. Mit dem Schwinden des Glaubens und dem gleichzeitigen Aufkommen der Instrumentalisierung des Neides im Namen der „Demokratie“ verschwindet auch die Bereitschaft, die Ungleichheiten im Leben als naturgegeben hinzunehmen. Der Marxismus ist eine Neidideologie. Wird diese zum obersten Grundsatz des Zusammenlebens erhoben, so zerfallen die fruchtbaren Strukturen einer göttlichen Ordnung, breiten sich kultureller Verfall, Neid, Armut und Gewalt aus. Es gibt wie bei allen Lebenserscheinungen keine objektive Skala, anhand derer gemessen werden könnte, ab welchem Punkt der Neid zu bohren beginnt. Im Gegenteil: Je mehr äußerliche Gleichheit hergestellt wird, desto neidischer werden die Individuen. Niemand gönnt dem anderen mehr einen noch so geringen, auch nur vermeintlichen Vorteil.

Der österreichisch-deutsche Soziologe und Publizist Helmut Schoeck. (gest. 1993) schreibt in seinem Buch „Der Neid und die Gesellschaft“ (Herder, S.82): „Es gehört aber gründliches Durchkämmen ethnographischen Materials dazu, ehe man begreift, wie wenig der Neid von bestimmten Größenordnungen bei den Unterschieden in den Lebenslagen, von kulturellen oder politischen Entwicklungsstufen abhängt. Der Neid gehört zu den unvermeidlichen Begleiterscheinungen menschlichen Gesellschaftslebens.“

Neid ist eine Folge der gewaltsam zum Ideal erhobenen Gleichheit. Niemals gab es, noch wird es eine Gesellschaft völlig Gleicher geben. Je ähnlicher die äußerlichen Lebensbedingungen, desto gehässiger werden die Gesellschaftsmitglieder untereinander (Mobbing). Es genügt dann schon, fröhlicher zu erscheinen, über besondere körperliche Vorzüge zu verfügen oder aber in gewissen Handlungen geschickt zu sein, um Ziel von Anfeindungen zu werden. Je mehr die materielle Gleichheit erreicht wird, desto eher gleiten die Angriffe ab auf die persönliche, auf die seelische und leibliche Ebene. Schoeck zitiert auf Seite 199 aus Fritz Fleiners Werk „Bundesstaatsrecht“: „Ist die Rechtsgleichheit das Lebenselement der Demokratie, so ist sie aber auch ihre Klippe. Denn sie fördert jenen Fanatismus und Neid, der die Menschen auf allen Gebieten des Lebens gleich behandeln will und die Unterschiede, die auf höherer Bildung, Erziehung, Einsicht, Tradition usw. beruhen, als undemokratisch verwirft. Das System der Demokratie verlangt nun, dass verschiedene Parteien, ihre Führer oder Sprecher abwechselnd an die Macht kommen können. Hin und wieder müssen also die einen erfolgreicher als die anderen die Konkurrenten angreifen, kritisieren und verdächtigen. Selbst wenn sich Wahlkämpfe, was unwahrscheinlich ist, einmal auf der Ebene reiner Geistigkeit mit wissenschaftlichen und logischen Begründungen abspielen sollten, geben die oft sehr bissigen und irrationalen Kämpfe und Eifersüchteleien zwischen Gelehrtenschulen und wissenschaftlichen Lagern kaum Grund zur Hoffnung, der Ton und das Niveau der Demokratie würde damit besser werden. Es wird sich immer um die willkürliche Zerstörung eines gegnerischen Standpunktes handeln. Selbst wenn er rational noch so gut angreifbar ist, wird es sich immer lohnen, ihn auch noch von der gefühlsmäßigen Seite her anzugehen. Es wäre ein Wunder, wenn der demokratische politische Prozess sich je der Benutzung des Neidmotivs enthalten würde. Seine Nützlichkeit liegt allein schon darin, dass es im Prinzip genügt, dem Neidischen das Wegnehmen, das Zerstören eines Wertes beim anderen zu versprechen, ohne in der Lage zu sein oder auch nur behaupten zu müssen, man werde ihm etwas zusätzliches geben. Der Negativismus des Neides erlaubt es selbst dem impotentesten Kandidaten, ein einigermaßen glaubwürdiges Programm aufzustellen, da jeder, einmal an der Macht, nehmen und zerstören kann. Zusätzliche Werte, Arbeitsplätze, Kapital usw. zu schaffen, erfordert ein genaues Programm. Selbstverständlich werden Kandidaten es meistens versuchen, positive Neuleistungen zu versprechen, aber oft sieht man nur zu deutlich, wie nahe unter der Oberfläche die Spekulation auf den Neid liegt.“

Fritz Fleiner (1867-1937), war übrigens Professor für Staats-, Verwaltungs- und Kirchenrecht an den Universitäten Basel, Tübingen, Heidelberg und Zürich.


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