Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Ökonomie: Das Don-Quichotte-Syndrom

von Gérard Bökenkamp

Der Kampf gegen Marktmechanismen ist ein Kampf gegen Windmühlen

Es gibt Wahrheiten, die sind wie ein geheimer Schlüssel. Wenn man diesen Schlüssel findet, öffnen sich auf einmal Türen, die bis dahin immer verschlossen waren, und hinter diesen Pforten öffnen sich Wege, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt. Probleme, die man für unüberwindbar hielt, lösen sich plötzlich auf wie ein nächtlicher Spuk. So ein Schlüssel ist das Denken in Märkten. Das Erstaunliche ist, dass man weder besonders intelligent noch besonders gebildet sein muss, um das Wichtigste zu verstehen. Wahrheiten zu entdecken ist nämlich schwer. Einmal entdeckte Wahrheiten aber zu verstehen ist einfach. Heute weiß jeder Schüler mehr als selbst die gebildetsten Männer des Mittelalters darüber, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.

Extrem komplexe Ordnungssysteme beruhen im Grunde auf wenigen einfachen Bausteinen. So wie sich aus der einfachen Struktur des Atoms die Welt der Materie erschließt, so wie sich aus der einfachen Helix des Gencodes das biologische Leben aufbaut, so ergibt sich aus den einfachen Bausteinen der Preisbildung aus Angebot und Nachfrage die komplexe Welt wirtschaftlicher Interaktion. Die Komplexität des Marktgeschehens besitzt eine ähnliche ästhetische Qualität wie die Struktur eines Kristalls oder der Aufbau einer Pflanze. Um die ganze Bandbreite zu verstehen und zu kartographieren braucht ein einzelner Mensch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, die einfachen Grundfunktionen, die der Struktur zugrundeliegen, kann man auf einer einzigen DIN-A4-Seite zusammenfassen, vielleicht sogar auf einer halben.

Viele Menschen glauben an die Kraft und daran, dass ihr Einsatz sich proportional zum erwarteten Erfolg verhält. Dass jemand aber die Wahrheit im Sinne zutreffender Voraussetzungen auf seiner Seite hat, zeigt sich gerade daran, dass er wenig Kraft benötigt, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Man kann das mit den Schildbürgern vergleichen, die versuchen, mit ihren Händen Licht in das Haus ohne Fenster zu tragen, und die sich wundern, wenn es dennoch immer dunkel bleibt. Die Einsicht in das Marktgeschehen gleicht hingegen einem Lichtschalter, den man in einer Sekunde umlegt, und plötzlich ist alles hell erleuchtet.

Darum ist auch die Vorstellung falsch, von Eliten die Rettung der Gesellschaft zu erwarten. Denn weder Bildung noch Intelligenz noch großer persönlicher Fleiß sind ein Garant dafür, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

Es ist durchaus keine Seltenheit, dass einer Hausfrau, die den Markt vom täglichen Einkauf kennt, die Zusammenhänge zwischen Angebot und Nachfrage einfacher zu vermitteln sind als Gelehrten, die sich seit Jahrzehnten mit ihren marktkritischen Theorien angefreundet haben. Lenin gehörte vermutlich zu den belesensten Politikern seiner Zeit. Dennoch war das von ihm ersonnene Wirtschaftssystem zu keinem Zeitpunkt in der Lage, auch nur rudimentäre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Unter der Präsidentschaft von Dwight D. Eisenhower wurde in den USA der Massenwohlstand erreicht, den die Kommunisten hundert Jahre lang versprochen hatten. Ganz normale Arbeiter verfügten plötzlich über Einbauküchen, Autos und Fernseher, sie konnten am Strand Urlaub machen. War Präsident Eisenhower also ein ökonomisches Genie? Von ihm wird berichtet, dass er einen Großteil seiner Zeit im Amt mit Golfspielen verbrachte. Weder intensive Lektüre noch harte Arbeit noch ein asketisches Leben, sondern die ganz einfache Erkenntnis, dass der Staat sich doch lieber heraushalten sollte, lag seinem Regierungsstil zugrunde. Seine Brillanz als Politiker lag schlicht darin begründet, dass es ihm politisch möglich war, lieber nichts zu tun.

Es wird oft beklagt, dass man mit harter Arbeit nicht reich werden könne. Aber was sind fünf Männer mit großer Körperkraft gegen einen Mann mit einem Flaschenzug? Was sind 10.000 Ochsen gegen die Spaltung der Atome? Dass die Handlungsvoraussetzungen stimmen, kann man immer daran erkennen, dass mit wenig Aufwand viel erreicht wird. Total falsch liegende Menschen kann man daran erkennen, dass enorme Kraft aufgewendet wird, um ein Ziel zu erreichen, aber am Ende immer das Argument kommt, man sei bislang gescheitert, weil man noch nicht genug Kraft aufgewendet habe. Wenn man völlig erschöpft ist und trotzdem nichts erreicht hat, dann ist man auf dem falschen Weg.

Das ist das Don-Quichotte-Syndrom: Der Kampf gegen die Marktmechanismen ist ein Kampf gegen Windmühlen. Was haben die Sozialisten dieser Erde für einen Aufwand betrieben! Wie viele dicke Bücher wurden geschrieben, wie viele Kämpfe geführt, wie viele Leute haben sich bis zum Umfallen an der Verwirklichung der Utopie abgearbeitet? Wie viele Leben wurden geopfert – und am Ende ist doch nur Murks dabei herausgekommen. Wenn Kraftaufwand über den Erfolg eines Systems entscheiden würde, dann hätte der Sozialismus seine Ziele sicher erreicht. Der Sozialismus ist eng verbunden mit der Vergeblichkeit harter Arbeit und großer Anstrengungen.

Dieselbe Vergeblichkeit beobachten wir auch beim modernen Wohlfahrtsstaat: Wenn die Arbeitnehmer und Unternehmer enorme Steuern und Abgaben leisten, immer größere Abzüge hinnehmen müssen, um das Geld aufzubringen, um „soziale Probleme“ zu lösen, es am Ende aber doch wieder nur heißt, es sei nicht genug Geld da, dann ist das der Beweis dafür, dass das Wohlfahrtssystem auf falschen Voraussetzungen beruht. Wenn eine große Zahl jahrzehntelang geschulter Ökonomen durch intellektuell extrem anspruchsvolle Modelle versucht, den richtigen Zinssatz zu ermitteln und zentral festzusetzen, und am Ende bricht durch ihre Festlegung die Weltwirtschaft zusammen, dann ist das der Beweis dafür, dass das Geldsystem auf falschen Voraussetzungen beruht.

Ein Wirtschaftssystem, das Genies, Helden und Heilige zum Fortbestehen benötigt, ist zum Untergang verurteilt. Dauerhaft gehen solche Systeme an Überkomplexität, der Unvollkommenheit des Menschen und der Erschöpfung der Kräfte zugrunde. Um sich marktkonform zu verhalten, muss niemand ein Genie, ein Held oder ein Heiliger sein. Die meisten Menschen, die sich erfolgreich am Markt bewegen, haben niemals eine Zeile von Adam Smith oder Ludwig von Mises gelesen. Das Marktsystem funktioniert nicht deshalb, weil seine Grundlagen so komplex sind, sondern weil gerade sie, die Mechanismen von Angebot und Nachfrage, so klar und so einfach sind.

Das heißt allerdings nicht, dass sie auch akzeptiert werden. Bekanntermaßen wurde ja auch lange bestritten, dass die Erde eine Kugel ist.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 101

29. März 2010

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