29. März 2010

Philosophie Freiheit ist Freiheit

Die schlimmen zwei Fehler des Isaiah Berlin

Es gibt sie, und es sind nicht wenige, die die menschliche Freiheit nicht als Lust, sondern als Last empfinden. Sie können es gar nicht erwarten, jene Verantwortung wieder loszuwerden, die der Wegbegleiter der Freiheit ist. Und deshalb suchen sie Entlastungen.

Vor allem die Politik, immer auf der Suche nach wählerstimmenfördernden Beileidseinsätzen, überrascht gerne mit Erlösungsversprechen. Ihre frohe Botschaft: Das mit der Freiheit sei gar nicht so gemeint, Selbstverantwortung sei in weiten Teilen ein Missverständnis. Man müsse nämlich unterscheiden zwischen einer positiven Freiheit (zu etwas) und einer negativen Freiheit (von etwas). Dieser Kunstgriff geht zurück auf eine Unterscheidung des Philosophen Isaiah Berlin aus dem Jahre 1958. Die für Berlin „heilige“ Freiheit ist im Kern zunächst immer das Fehlen von Zwang (Freiheit von etwas). Das heißt: Jemand kann tun und lassen, was er will.

Freiheit als Abwesenheit von Zwang ist also nicht weiter inhaltlich bestimmt. Es ist ein formaler Wert. Er liefert keine Handlungsanweisung, wie der einzelne sein Glück finden kann, keine moralische Vorschrift und keine Tugendlehre. Er bleibt ethisch neutral, in respektvoller Distanz zur je verschiedenen Lebensführung der Menschen. Das beinhaltet auch das Recht, sein Leben so zu gestalten, dass jemand unglücklich wird, ungesund lebt, gar sich selbst zerstört. Weil, wie man in Köln sagt: Jeder Jeck ist anders. Weil die Menschen eben anders sind, und ein geglücktes Leben von Temperament, Charakter und Mentalität abhängt. Eine so verstandene Freiheit zielt auf die Möglichkeit des Andersmachens, ob die Menschen sie nun nutzen oder nicht. Damit umschreibt sie den Rahmen der Möglichkeiten, ein eigenes, selbstbestimmtes Leben – nicht nur zu leben, sondern auch zu führen.

Das wirkliche Problem beginnt mit der Tatsache, dass Freiheit in gesellschaftliche Spielregeln gegossen werden muss, will man sie vom Abstrakten in das wirkliche Leben holen. Das heißt, man muss Grenzen einführen. Jede gesellschaftliche Verfassung bedeutet also eine Begrenzung der Freiheit. Das gilt für das bekannte Ende der Freiheit dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Ein „freiheitlich“ verfasster Staat verzichtet deshalb auf einen anzustrebenden Endzustand, er beschränkt sich stattdessen auf Regeln für das tägliche Miteinander. Wilfried Hinsch hat das für den institutionellen Rahmen einer Gesellschaft so formuliert: „Menschen sollten nicht gezwungen werden, Dinge zu tun, die den tiefsten eigenen Auffassungen zuwiderlaufen.“ Dem entspricht die „Goldene Regel“, die ja nicht zufällig negativ gefasst ist: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ Oder anders: Bevormunde mich nicht! Lass mich in Ruhe!

Und dann macht Berlin zwei Fehler, die er später in einem Selbstkommentar bedauerte. Der eine: Er wählt für die so beschriebene Freiheit „von Zwang“ das Beiwort „negativ“. Und erweist damit seinem eigenen Höchstwert einen Bärendienst: Wer will schon etwas „Negatives“? Zwar könnte man sich vorstellen, dass Lassen dem Machen vorzuziehen wäre, das weniger oft mehr bedeutet – aber schon das „sich begnügen“ ist wenig erotisch. Zudem ist jetzt als Gegenbegriff auch die „positive“ Freiheit erschaffen – ein inhaltlich festgelegter, gleichsam „materialer“ Begriff. Das tägliche Alltagshandeln der Menschen wird bei der „positiven Freiheit“ an einer moralischen Instanz ausgerichtet, die „Gemeinwohl“ heißen kann, „Nation“, „Rasse“, „Kirche“, „Zukunft“ oder schlicht „öffentliches Interesse“. Der Staat hat dann ein Ziel, strebt einen vordefinierten Zustand an und orientiert sich sehr weit ausgreifend am neutestamentarischen „Was immer ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen.“ Womit man sich kurzerhand selbst zum Maßstab für andere gemacht hätte. Von dieser Position kann man den Vertretern der bescheideneren negativen Freiheit zurufen: „Was wollt ihr denn mit eurer Freiheit, wenn die Lebenschancen ungleich verteilt sind, viele Menschen keinen freien Zugang zu Bildung haben oder sich gesunde Lebensmittel nicht leisten können. Diese Freiheit kann uns gestohlen bleiben!“ Nachdem sich der Applaus gelegt hat, wird der Blick frei für den Kern: „Freien Zugang haben“ heißt, etwas kostenlos erhalten zu wollen. Es läuft also wieder auf den Anspruch hinaus, die Konsequenzen der eigenen Lebensführung anderen Menschen aufbürden zu können. Und sogar noch ein Recht darauf zu haben! Es ist der Glaube, dass der Mensch zwar mit Rechten ausgestattet sei, aber nicht mit Pflichten.

Berlins zweiter Fehler war, dieser Forderung das Ehrenschild „Freiheit“ aufzukleben. Dabei hat er sich selbst immer dagegen gewandt, soziale Wünschbarkeiten mit Freiheit zu verwechseln. Natürlich gibt es soziale Verhältnisse, die die Ausübung von Freiheitsrechten erschweren. Man mag sich deshalb auch einsetzen für die Eröffnung von Lebenschancen für möglichst viele Bürger. Es wird sogar bisweilen unumgänglich sein, ein Stück Freiheit für ein Stück Sicherheit zu opfern. „Aber nichts“, so Berlin, „ist gewonnen mit der Verwirrung der Begriffe“. Und: „Ein Opfer vergrößert nicht das, was geopfert wird, nämlich die Freiheit, wie groß auch immer das moralische Bedürfnis danach oder der moralische Gewinn dafür sein mag. Alles ist, was es ist: Freiheit ist Freiheit, nicht Gleichheit oder Fairness oder Gerechtigkeit oder Kultur oder menschliches Glück oder ruhiges Gewissen.“ Die Beseitigung sozialer Übel mag ein wünschenswertes Ziel sein. Aber es ist eben keine Freiheit. Sondern vielmehr der Preis der Freiheit. Will man das soziale Übel zum Verschwinden bringen, muss man die Freiheit zum Verschwinden bringen.

Das ist der Punkt: Freiheit ist nicht teilbar, weder „positiv“ noch „negativ“ – sie hat kein Beiwort. Was mit „positiver Freiheit“ gemeint ist, das ist Unfreiheit. Und eine so umdefinierte Freiheit ist die Eintrittskarte für Millionen staatlicher Bürokraten, sich als Statthalter des „moralischen Ganzen“ aufzuspielen, Politik und Recht zu moralisieren, Vorschriften für das „richtige“ Leben zu erlassen, die Menschen zu „erziehen“ und ihr konkretes Handeln im Namen des sozial Wünschbaren zu unterdrücken. Im Namen der Moral ist schon so viel Blut geflossen, sind die fragwürdigsten Mittel geheiligt worden. Moral grenzt immer aus. Moral erhebt sich immer über den anderen. Moral sagt: Ich habe mehr Recht dazuzugehören als du! Der Entrüstete verhält sich dabei oft so, als sei er ein Opfer, ohne jedoch selbst gelitten zu haben. Er maßt sich an, für die eigentlichen Opfer die Stimme zu erheben, als hätten sie ihm das Recht dazu übertragen. In der Politik können Sie das täglich erleben. So bewegen sich alle Staaten, die Freiheit mit Gemeinwohl verwechseln, auf leisen Sohlen zur Despotie. Das ist oft nicht gleich erkennbar. Despoten treten selten mit offenem Machtanspruch auf, ihre Trümpfe legitimieren sich moralisch. Sie heißen sozial, ökologisch, bewahrend, gerecht, sicher, schützend, ethisch. Sind sie deshalb besser als diejenigen, die sie belehren und lenken wollen?

In der Folge verkommt der Staat zur Umverteilungsmaschine, in der sich jeder bedient. Vor allem aber die Umverteiler selber, denen es vorrangig um Mandate, Jobs und Einkommensquellen geht, ihre ganz normale Habgier aber nicht offen ansprechen, sondern moralisch kostümieren. Die wohlfahrtsstaatlichen Zuwendungen rechtfertigen wiederum Überwachung und Kontrolle – die in einem kaum für möglich gehaltenen Maße wuchern. Der Betreuungsstaat schafft Abhängige, erzieht zu Kindern, die an Freiheit ohne Verantwortung glauben. Bald wird es keine Wählerschaft mehr geben, die diese Entwicklung rückgängig machen kann. Wenn die Mehrheit von Transfereinkommen lebt, kann man Wahlen gewinnen, wenn man für Steuererhöhungen wirbt. Wer das Paradies auf Erden will, macht die reale Welt zur Hölle.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 101


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Autor

Reinhard K. Sprenger

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