31. März 2010

Rezension Kapitalismus ohne Verantwortung

Über das Buch von Alois Glück: „Warum wir uns ändern müssen“

Wenn Politiker Grundsätzliches zu Papier bringen, ist in der Regel Skepsis angebracht. Zunächst stellt sich die Frage, ob sie das Ganze auch selber geschrieben oder einen Ghostwriter an die Abfassung „ihres“ Buches gesetzt haben. Desweiteren darf man oft bezweifeln, ob sich die Lektüre überhaupt lohnt, weil der Autor bisher nicht unbedingt als Programmatiker hervorgetreten ist. Bei Alois Glück sieht die Sache anders aus. Der 1940 geborene Bauernsohn war vier Jahrzehente als CSU-Landtagsabgeordneter, Staatssekretär, Fraktionschef, Parlamentspräsident und Vorsitzender der Grundsatzkommission seiner Partei tätig. Glück, der zum Beispiel sehr früh das Terrain der Umweltpolitik entdeckt hat, ist seit 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

„Unsere heutige Art zu leben ist nicht zukunftsfähig“: Mit diesem Satz beginnt sein neues Buch „Warum wir uns ändern müssen“, das Wege zu einer „zukunftsfähigen Kultur“ weisen will. Glück greift hier ein Wort das Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel auf, der die Entwicklung einer solchen zukunftsfähigen Kultur als größte Herausforderung unserer Gesellschaft bezeichnet hat.

In dem ersten Kapitel seines Buches beschreibt der Autor die Ausmaße der Finanzkrise: „Viele Menschen verloren ihre Alterssicherung, ihren Arbeitsplatz und wurden in die Armut getrieben. Die Kosten des Krisenmanagements, unvorstellbar hohe Schulden, werden mehr als nur eine Generation belasten.“ Als eine der Ursachen der Krise macht er das angelsächsische Leitbild der Ordnungspolitik aus, welches zum international erfolgreichsten und wirksamsten Maßstab für politisches und ökonomisches Denken und Handeln geworden sei. Glück kritisiert einen Kapitalismus ohne Verantwortung und bringt folgendes Beispiel für die mangelnde Einsichtsfähigkeit der Banker: „So haben neun US-Banken, die 2008 mit Staatsgeldern gestützt wurden, gleichzeitig Boni im Umfang von 33 Milliarden Dollar ausgeschüttet. Fast 5.000 Mitarbeiter haben zusätzlich zu ihrem Grundgehalt je mehr als eine Million Dollar verdient (vergleiche dazu Die Welt vom 21.08.2009).“

Glück ist kein Pessimist. Er weiß die Vorteile der Moderne durchaus zu schätzen. Seine unmittelbaren Vorfahren mussten im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, im Ersten Weltkrieg und im Zweiten Weltkrieg kämpfen, in dem sein Vater auch gefallen ist. Man dürfe sich also nicht in Larmoyanz ergehen, da man heute in Frieden und Sicherheit lebe. Trotzdem ist er nicht blind für die Schattenseite unserer Wohlstandsgesellschaft. „Die Situation unseres Gemeinwesens und unseres Staats gleicht der eines Betriebs, der lange Zeit erfolgreich war und auf den ersten Blick gut dasteht. Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass die Betriebskosten und die Reparaturkosten ständig steigen und in der Tendenz den Ertrag auffressen. Darüber mogelt man sich durch ständige Verschuldung und zu geringe Zukunftsinvestitionen hinweg.“

Wenn Glück eine Welt ohne Rhythmus, einen maßlosen Modernisierungswahn und die Problemseiten der Modernisierung beklagt, dann ist er ganz nah bei Konservativen wie Alexander Gauland, die einer Entschleunigung das Wort reden. Zu Glücks kritischer Bilanz gehört auch, dass sich die Konservativen in einer Schwächeperiode befinden. Ein neues Profil eines „Konservatismus in unserer Zeit“ habe sich noch nicht herausgebildet. Doch gefragt sind nicht saft-, kraft- und sprachlose Konservative, sondern Konservative mit Gestaltungswillen und Gestaltungskraft: „Wir brauchen sie als Alternative zu der Welt der Technokraten und orientierungslosen Modernisierer.“

„Wie wollen wir morgen leben?“: Diese Frage stellt der Verfasser im dritten Kapitel seines Buches. Wie Meinhard Miegel outet sich Glück in diesen Passagen als Kritiker des Wachstumsfetischismus. Er hält qualitatives für wichtiger als quantitatives Wachstum. Glücks etwas naive Obama-Begeisterung, die im deutschen Mainstream liegt, enttäuscht dann doch etwas. Auch eine sogenannte Weltinnenpolitik kann man sich zumindest zur Zeit nur schwer vorstellen, wenn man sich der realistischen Schule der Außenpolitik zurechnet.

Der vierte Teil des Buches – überschrieben mit „Wege zu einer zukunftsfähigen Kultur“ – lässt den Leser ratlos zurück. Man kann sicher einem Großteil der Thesen, die da vertreten werden, sofort und ohne Murren zustimmen. Wer wollte sich einer solidarischen Leistungsgesellschaft, einer neuen Verantwortungskultur, mehr Innovationskraft, mehr Subsidiarität, einer neuen Sozialkultur, der aktiven Bürgergesellschaft, einer guten Familienpolitik, gelingender Integration und so weiter verschließen?

Die Partei, die früher für einen Großteil dieser Themen stand, ist die CSU. Und die CSU ist bekanntlich in einer schweren Krise. Glück beschreibt nicht, wie eine solche Politik aus einem Guss umgesetzt werden könnte. Er traut sich aber zu, wieder etwas mehr in die Tiefe zu denken und Programmatisches aufzuschreiben. Gerade dies vermissen ja momentan sehr viele Menschen, die sich von einer christlich-liberalen Regierung eine Politik mit mehr Kompass versprochen haben. Man mag ja nicht immer mit ihnen einer Meinung sein, aber trotzdem muss man feststellen: Gibt es in der heutigen Politik noch einen Alois Glück, einen Heiner Geißler, Helmut Schmidt oder Kurt Biedenkopf, also Politiker, die neben dem Pragmatischen das Programmatische nicht ganz vergessen haben?

Literatur

Alois Glück: Warum wir uns ändern müssen. Wege zu einer zukunftsfähigen Kultur. F. A. Herbig: München 2010. 224 S. ISBN: 978-3-7766-2627-8, 19,95 Euro.


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