31. März 2010

Was Sie über die Ursache der Weltwirtschaftskrise wissen sollten Die Inflationspolitik vor dem großen Finale

Wie und warum Hasardeure die Übel nachhaltig verschärften – eine österreichische Analyse

„Inflation ist eine Politik, die man nicht endlos fortführen kann“, urteilte Ludwig von Mises, einer der größten Geld- und Konjunkturtheoretiker des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich gerät die Inflationspolitik der Regierungen derzeit weltweit erheblich unter Druck. Die jahrzehntelange Politik der Geldmengenausweitung mit bis zu zweistelligen Wachstumsraten insbesondere in den USA, aber auch in Europa, bildet die alles überragende Ursache der so genannten internationalen Finanzkrise. Die staatliche Inflationspolitik ist nur möglich, weil es ein künstliches, staatliches Zentralbankmonopol gibt, das billiges Geld über den Transmissionsriemen des Teilreservebanksystem in alle Bereiche transportiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass die geldpolitischen Maßnahmen, die die Krise verursacht haben und nun ausgerechnet zur Krisenbekämpfung intensiviert wurden, nicht fortführbar sind, ohne die Währungen zu ruinieren.

Entgegen verbreiteter Auffassungen ist Inflation nicht eine allgemeine Erhöhung der Preise (Teuerung), sondern die ihr vorangehende Ausweitung der Geldmenge. Inflation bezeichnet also eine Kaufkraftänderung von der Geldseite her. Diese entsteht maßgeblich durch Kreditexpansion. Zusätzliche Kredite werden hierbei nicht aus gespartem Geld durch Konsumverzicht geschaffen, sondern durch Buchgeldschöpfung der Geschäftsbanken. Die durch nichts gedeckten inflationären Kredite erzeugen Papiergeldillusionen und schaffen monströse Konjunkturzyklen, die in Weltwirtschaftskrisen münden.

Zentralbank als gewolltes Systemdefizit

Aufgabe jeder staatlichen Zentralbank ist die Überwachung des Bankensystems und die Regulierung der Geldmenge. In einem einhundertprozentigen Reservesystem werden alle Einlagen als Reserven gehalten. Geschäftsbanken haben folglich keinen Einfluss auf die Geldmenge. Erst durch lediglich partielle Reservehaltung ist Geldschöpfung möglich – gleichsam auf wundersame Weise aus dem Nichts. Das staatliche Monopol für die Geldproduktion wurde mit der Absicht geschaffen, inflationäre Kredite zu vergeben, das heißt mit jedem ungedeckten Kredit die Geldmenge zu erhöhen. Als fadenscheinige Begründung dient ein angeblich erforderliches Schmieren des Wirtschaftswachstums mit ausreichend Geld. Tatsächlich versetzt diese Praxis die Geschäftsbanken in die Lage, ihre Aktivitäten und parallel ihre Gewinne massiv auszuweiten. Hinzu kommt, dass nur mit einem staatlichen Papiergeldmonopol die gigantischen Ausgaben des Wohlfahrtsstaates finanziert werden können, an erster Stelle Kriege und kontinuierlich ausgeweitete Sozialausgaben („Warfare and Welfare State“).

Nachdem sich Regierungen das Privileg der Geldproduktion zur Finanzierung ihrer Staatsaktivitäten angeeignet hatten, bildete zunächst noch der Goldstandard eine natürliche Hürde für Staatsausgaben und Inflation. Das Einlöseversprechen von Papiergeld in Gold wurde zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs aufgegeben und führte in Deutschland zur Hyperinflation von 1923. Der US-Dollar wurde als Weltleitwährung durch eine stark abgeschwächte Form, den Golddevisenstandard, gestützt. US-Präsident Nixon kündigte am 15. August 1971 einseitig die Verpflichtung auf, 35 US-Dollar gegen eine Feinunze Gold einzutauschen. Auch in diesem Fall bildeten steigende Sozialausgaben und die erforderliche Finanzierung des Vietnamkriegs die Ursache. Seither sind alle gesetzlichen Zahlungsmittel weltweit weder gedeckt noch knapp. Für eine Begrenzung der Geldmenge gibt es nicht einmal eine institutionelle Schranke wie den Wettbewerb, sondern lediglich Zentralbankgremien. Die Geldmenge wird heute per Knopfdruck ausgeweitet, es ist noch nicht einmal Papier erforderlich. Am Anfang des Jahres 1999 betrug die Geldmenge M3 im Euro-Raum 4,4 Billionen Euro. Bis Ende April 2009 wuchs sie um rund 116 Prozent auf 9,5 Billionen Euro an. Im gleichen Zeitraum stieg in den USA die Geldmenge M2 von 4,4 auf 8,3 Billionen US-Dollar. Auch die modernen Finanzprodukte, darunter Derivate, Schachtelkredite und Verbriefungen, sind nur mit einem staatlichen Papiergeldsystem möglich.

Systemeigenschaft Bankenrun

Unheil droht aber nicht erst mit einem Zusammenbruch der Währung. Ohne eine vollständige Reservepflicht für die Geschäftsbanken besteht die latente Gefahr eines systemgefährdenden Bankenruns. Bereits die Zahlungsunfähigkeit eines relevanten Schuldners kann eine Kettenreaktion auslösen – die Kreditpyramide stürzt zusammen wie bei jedem anderen gesetzlich verbotenen Schneeballsystem auch. Genau dieses Phänomen erleben wir derzeit; angesichts einer von der EZB vorgegebenen Mindestreservepflicht von lediglich 2 Prozent ist das nicht erstaunlich. Das bedeutet,  Geschäftsbanken müssen für Sichteinlagen in Höhe von 100 Euro nur 2 Euro in Form von Zentralbankgeld halten. Den „Rest“ – 98 Euro – können sie für neue Geschäfte verwenden. Ungemütlich wird es für die Bank, sobald mehr Kunden ihre Sichteinlagen abheben wollen als gerade verfügbar sind.

Im staatlichen Geldsystem gibt es noch einen zweiten Hebel: die niedrige Eigenkapitalausstattung der Geschäftsbanken. Als Faustregel gilt: Der Staat erlaubt den Geschäftsbanken ausdrücklich, dass sie ihre risikobehafteten Kredite und Wertpapiere nicht zu 100 Prozent, sondern nur mit etwa 8 Prozent Eigenkapital unterlegen müssen. So sind Banken in der Lage, mit einem US-Dollar Eigenkapital 12,5 Einheiten Kredit zu produzieren. Und auch hier gibt es gesetzliche Vorschriften, die diesen Hebel noch vergrößern.

Systemdefizit Wachstumspolitik

Schließlich destabilisiert geldpolitische Wachstumspolitik die Wirtschaft. Der Zentralbankzinssatz ist der wichtigste Gradmesser für die Finanzierungskosten der Geschäftsbanken und damit für die Ausdehnung bzw. Kontraktion der Geldmenge. Er liegt in Japan seit mehr als einem Jahrzehnt nahe Null, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die US-Notenbank Fed senkte ihn zwischen 2001 und 2003 von 6,5 Prozent auf 1 Prozent und beließ ihn auf diesem unverhältnismäßig niedrigen Niveau für ein Jahr, um die marktwirtschaftliche Korrektur in Form der New Economy Rezession abzumildern. Negative Realzinsen waren zeitweise die Folge. Das billige Geld suchte Anlagemöglichkeiten und fand sie auf Börsen und Rohstoffmärkten sowie insbesondere im Immobilien- und Hypothekensektor, der ein dynamisches Wachstum erlebte. Investoren spekulierten auf einen gleich bleibenden, Hunderte Milliarden US-Dollar umfassenden Geldstrom und (dadurch) weiter steigende Häuserpreise. Der künstliche, rein geldpolitisch angefachte Boom endete, als die Zentralbank die Zinsen erhöhte und viele Projekte nicht mehr bezahlbar waren. Das Wachstum der Geldmenge in Europa steht dem der USA nicht nach. Bekanntlich hat die Führung der US-Notenbank zur „Krisen“-Bekämpfung die Zinsen faktisch auf Null abgesenkt, die Bank of England und die EZB haben nachgezogen. Nun wird ein Weg gesucht, die gigantische Geldmenge „abzusaugen“, ohne dass sie in die Realwirtschaft fließt und damit für eine zusätzliche krasse Geldentwertung sorgt.

Monetäre Planwirtschaft zerstört Marktwirtschaft

Eine derartige monetäre Planwirtschaft zieht unausweichlich eine Verzerrung der gesamten Produktionsstruktur nach sich, auch zeitlich. Die geldpolitische Zerrüttung der Preisstruktur macht die Marktwirtschaft funktionsunfähig – Ressourcen werden fehlgelenkt, Arbeit und Kapital in Inflationsprojekte gesteckt, die sich nicht aufrecht erhalten lassen (Vermögenspreisinflation). Sparen und Investieren werden durch die staatliche Zinsfestsetzung aus ihrem natürlichen Verhältnis gerissen. „Keine Behörde kann im Vorhinein feststellen, sondern nur der Markt kann entdecken, was die 'optimale Geldmenge' ist“, urteilte Friedrich August von Hayek. Und sein österreichischer Kollege Gottfried Haberler betonte: „Sobald wir die Vorstellung akzeptieren, dass der Produktionsapparat aus dem Tritt gekommen ist, dass große Verschiebungen von Arbeit und Kapital erforderlich sind, um zu einem neuen temporären Gleichgewicht zu gelangen, wird deutlich, dass der Konjunkturzyklus nicht allein ein monetäres Phänomen ist, auch wenn die Geldkräfte den ganzen Ärger ausgelöst haben.“ Folglich frisst sich die Krise durch alle Bereiche der Wirtschaft, die faule, inflationäre Kredite erhalten haben: Vom Subprime-Hypothekenmarkt in den USA über die Landesgrenzen und die Branche hinaus hat sie Bonds und Hedge Fonds erfasst und ist auf Kredite für Studenten, Kreditkarten und andere Sektoren des Immobilienmarktes übergesprungen, manche Bereiche wurden auch übersprungen.

Längst stehen Wirtschaftszweige mit ungelösten oder verschleppten Strukturproblemen wie die Automobilbranche oder die Bauwirtschaft unter Druck. Der Marktprozess bestimmt Zug um Zug, welche Kredite faul und welche dauerhaft finanzierbar sind.

Eine Flutung der Märkte mit Liquidität kann kurzfristig die Krise überdecken, verhindert aber die alternativlose Bereinigung und wirkt langfristig durch die Bildung neuer Blasen krisenverschärfend. Die Kette reicht bereits von den Finanzkrisen in Japan (Immobilien und Aktien) über Südostasien, Lateinamerika und Russland bis zur New Economy und zum US-Hypothekenmarkt sowie absehbar den Staatsanleihen. Seitdem es Zentralbanken gibt ist die Geldmenge in nie da gewesenem Ausmaß vergrößert worden, hat es eine Vielzahl von Hyperinflationen und schweren Wirtschaftskrisen gegeben. Unser Geldsystem ist weltweit so instabil wie nie zuvor in der Geschichte. Inflation ist eben eine Politik, die man nicht endlos fortführen kann. Immerhin kann man sie ändern.


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