Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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Kulturkampf: Wir brauchen die Inquisition

von Edgar L. Gärtner

Gar nicht ketzerische Gedanken zum Osterfest

04. April 2010

Ef-Leser wissen, dass mir die Aphorismen von Nicolás Gómez Dávila nicht wenig bei der Wiederfindung meines Selbst geholfen haben. Ein Satz, der bei mir langes Nachdenken ausgelöst hat, ist dieser: „Das durch das 2. Vatikanische Konzil ausgelöste Gezeter hat den hygienischen Nutzen der Inquisition gezeigt.“ An diesen Satz musste ich nun wieder denken, als ich gestern in SPIEGEL online den Essay meines liberal-skeptischen Kollegen Reinhard Mohr las. Mohr vergleicht darin das Gebaren römisch-katholischer Amtsträger gegenüber orchestrierten massenmedialen Kinderquälerei-Vorwürfen mit der Verteidigung der totalitären Fiktion des Stalinismus durch Hofpoeten wie Johannes R. Becher oder Louis Aragon. Ja, er geht so weit, die Katholische Kirche mit ihrer Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensentscheidungen zum Urbild einer totalitären Institution zu erklären.

Hannah Arendt würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie das läse. Denn ihr war sehr wohl bewusst, dass es zwar einen Zusammenhang zwischen dem hierarchischen Aufbau der katholischen Kirche und ersatzreligiösen Massenorganisationen wie den kommunistischen Parteien gibt, aber nur in Form der Beziehung zwischen einem Original und einer Farce. Denn ihr war sehr wohl bewusst, dass der Katholizismus auf der Überzeugung beruht, dass es die eine Wahrheit gibt – und zwar unabhängig von menschlichem Begriffs- und Vorstellungsvermögen. Inzwischen kann die Quantenphysik immerhin zeigen, dass die Formen der Materie Manifestationen einer primär geistigen Welt sind. Die Menschen können diese Wahrheit, so sehr sie sich auch bemühen, nur in Bruchstücken erfassen und sind daher zu Demut und Gelassenheit gegenüber dem Lauf der Welt angehalten. Demgegenüber, so Hannah Arendt, beruhen totalitäre Weltbilder auf der überheblichen Einbildung, alles sei möglich, sofern die Partei nur dafür sorgt, dass alle an die gleiche manichäisch-materialstische Fiktion glauben.

Von daher ist die Gleichsetzung zwischen der totalitären Gleichschaltung und der Verteidigung der kirchlichen Dogmatik infam. Sie kann nicht nur nicht erklären, warum die Kirche als einzige Institution zwei Jahrtausende überdauert hat, während es säkulare totalitäre Experimente allenfalls auf einige Jahrzehnte brachten. Schlimmer noch: Sie spricht den Kirchen letztlich die Existenzberechtigung ab. Denn ihr Überleben unter oft widrigsten Bedingungen verdankt die Kirche der Fähigkeit, ihren Wahrheitsbezug sowohl gegenüber wechselnden zeitgeistigen Strömungen als auch gegenüber längerfristig wirksamen ketzerischen Bewegungen zu behaupten. Auch wenn Atheisten darüber heute den Kopf schütteln mögen, ist doch meines Erachtens eines unübersehbar: Immer haben materialistisch motivierte Kräfte versucht, die Kirche von innen her von der demütigen und geduldigen Wahrheitssuche abzubringen, indem sie die Illusion verbreiteten, die Wahrheit sei bereits gefunden worden.

Der Kampf der Kirche gegen materialistische Abweichungen beschränkte sich von Anfang an nicht auf theoretische Dispute. So bediente sich bereits der Kirchenvater Augustinus in seinem Kampf gegen die asketisch-selbstmörderische Irrlehre des Manichäismus auch der staatlichen Polizeigewalt. Seine Nachfolger mussten sich im so genannten Mittelalter gegenüber der gefährlichen Ausbreitung offen selbstmörderischer Lehren wie jener der Katharer oder der Wiedertäufer mit beinahe allen Mitteln wehren. Historiker sind sich allerdings darin einig, dass die Institution der heiligen Inquisition dabei – alles in allem – verhältnismäßig milde vorging. Das zeigt nicht zuletzt der Fall Galilei, bei dem es, entgegen anders lautender Gerüchte, gar nicht um das vom damaligen Papst längst akzeptierte heliozentrische Weltbild ging, sondern um die hochmütige Art, in der es Galilei verbreitete.

Eine unvoreingenommene Analyse der Geschichte der Kirche zeigt meines Erachtens: Ohne die Inquisition und gelegentliche militärische Kreuzzüge gäbe es das Abendland und mit ihm die Idee der Freiheit, in den Worten Dávilas "die Gegenwart der griechischen Philosophie in der christlichen Seele" nicht. Nicht nur die Kirche, sondern wir alle gehen schweren Zeiten entgegen. Schön jetzt gehen erste Gotteshäuser in Flammen auf. Der Sieg der Wahrheit wird nicht umsonst zu haben sein.

Internet

Reinhard Mohr: Autoritär, reaktionär, totalitär

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

Igor Schafarewitsch: Der Todestrieb in der Geschichte

Manfred Lütz: Gott. Eine kleine Geschichte des Größten

Rolf Froböse: Der Lebenscode des Universums

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