09. April 2010

Wenn schon Kulturkampf, dann wenigstens die rechten Mittel Wider die Inquisition und militärische Kreuzzüge im Namen der Wahrheit

Eine Replik auf Edgar Gärtner

Edgar Gärtners auf ef-online erschienener Beitrag „Kulturkampf: Wir brauchen die Inquisition“ hat in der zugehörigen Kommentarspalte ein großes, nicht nur freundliches Echo ausgelöst. Gärtner antwortet mit seinem Essay auf einen bei „Spiegel Online“ erschienenen Beitrag von Reinhard Mohr, in welchem der katholischen Kirche totalitäre Züge unterstellt werden, ja die katholische Kirche sogar mit den Parteien des Kommunismus auf eine Stufe gestellt wird. Die beim „Spiegel“ zu findende, besser: zu suchende, Argumentation überzeugt nicht, um es höflich auszudrücken. Ich teile insoweit die Meinung Gärtners. Um die völlige Abwegigkeit der Mohrschen Aussagen zu erkennen, muss man kein Katholik sein.

Widerspruch müssen indes die weiteren Aussagen Gärtners erregen. Da ist zunächst die Forderung in der Beitragsüberschrift, wir bräuchten die Inquisition. Ich bin weder Historiker noch Katholik. Mein Wissen um das Wesen der Inquisition beschränkt sich im Wesentlichen auf Allgemeinwissen. Nach meinem Verständnis von Inquisition ist der Ruf nach einer neuen niederschmetternd. Wie mir ging es offenbar zahlreichen Kommentatoren und nicht wenige der ablehnenden Äußerungen sind darauf zurückzuführen, dass der Leser etwas anderes unter Inquisition versteht als Gärtner. Dankenswerterweise macht dieser später genauere Ausführungen zu seinem Begriffsverständnis. Mit dem Hinweis auf das Wirken der Inquisition in der Sache Galilei habe er bereits angedeutet, dass er Inquisition nicht wie in den Hexenprozessen des Mittelalters verstehe, sondern als eine autoritäre Instanz, die nur diejenigen betreffe, „die sich freiwillig der römisch-katholischen Kirche angeschlossen“ hätten.

Gegen eine mit der Befugnis zur Gewaltausübung und mit anderen Machtmitteln ausgestatte Institution, die nur diejenigen betrifft, die sich ihr freiwillig unterworfen haben, ist freilich nichts einzuwenden. Historisch gesehen sieht die Inquisition jedoch völlig anders aus als im hier von Gärtner recht vorteilhaft gezeichneten Bild. Erinnert werden muss nur an einzelne, sicher nicht jederzeit gültig gewesene Gepflogenheiten, die Zweifel an der historischen Freiwilligkeit einer Kirchenmitgliedschaft aufkommen lassen müssen. Spontan ist daran zu erinnern, dass die Mitgliedschaft häufig durch Dritte begründet worden ist und wird. Bei der Taufe im Säuglingsalter trifft nicht der Betroffene die Entscheidung über seine Kirchenzugehörigkeit, da er zweifellos unmündig ist. Vielfach wurden die Taufbücher als Grundlage der Besteuerung genutzt, wodurch wiederum der Grad der Verzahnung von Kirche und Staat belegt wird. Ein soziales Leben ohne Kirchenmitgliedschaft war schlichtweg nahezu unmöglich, so wie ein Leben ohne Staatsbürgerschaft heutzutage aus praktischen Gründen ausgeschlossen ist, will man nicht eremitisch sein Dasein fristen. Es ist daher unrichtig, im historischen Rückblick von einer freiwilligen Kirchenmitgliedschaft und freiwilliger Unterwerfung unter die Inquisition zu sprechen.

Die Unfreiwilligkeit zeigt sich auch durch die Möglichkeit der Begründung der Mitgliedschaft durch Dekret des weltlichen Oberhaupts, die als Rechtssatz „cuius regio, eius religio“ bekannt ist. Die Mitgliedschaft in der Kirche war nicht Gegenstand freier Entscheidung. Auch der Austritt war mit Strafe bedroht. Die Apostasie war mit schweren Sanktionen, zuweilen mit Strafe verbunden. Das gibt auch Gärtner indirekt zu, wenn er vom Vorgehen gegen bestimmte Gruppen von Häretikern spricht. Diese hatten sich offensichtlich von der Kirche abgewandt, wenn auch eher konkludent denn formal. Gleichwohl und gerade deswegen sind sie inquisitorisch verfolgt worden. Der Austritt schützt also offensichtlich nicht vor Strafe, sondern ist Grund für die Bestrafung. In meinen Augen hat ein solches Vorgehen nichts mehr mit einer Einwilligung des Betroffenen, die für eine freiwillige Mitgliedschaft unverzichtbar ist, zu tun.

Zweifelhaft sind auch die von Gärtner genannten Gründe, die Anlass zu einer Verfolgung durch die Inquisition geben können sollen. So soll die Behauptung, die Wahrheit gefunden zu haben, egal ob durch Galilei oder durch Wiedertäufer, bereits für die Einleitung der Verfolgung genügen. Derartige Behauptungen sind nichts weiter als Meinungsäußerungen. Diese sollten weder damals noch heute mit Strafe bedroht sein, nicht durch den Staat und nicht durch die Kirche. Nicht minder fragwürdig ist der Einsatz der Inquisition gegen selbstmörderische Lehren. Selbstmörderische Propaganda schadet niemandem außer denen, die sie glauben wollen. Die von Gärtner gesehene Gefährlichkeit solcher Lehren betrifft nur ihre Anhänger. Warum und inwiefern Dritte ein Recht haben sollten, sich gegen selbstmörderische Meinungsäußerungen zu stellen oder darüber entscheiden können sollten, wie Dritte ihren Körper verwenden, ist jedenfalls mir nicht klar.

Danach sind es die von Gärtner gewählten Begrifflichkeiten, die den Widerspruch heraufbeschwören. Wer für Publikum schreibt, weiß, dass die Leser nicht immer das verstehen, was man als Autor intendiert hat. Jeder versteht Aussagen vor seinem individuellen Erfahrungsschatz und aus seinem spezifischen Bildungshintergrund heraus. Bei einer so brisanten Forderung wie dem Ruf nach einen Inquisition ist dringend damit zu rechnen, dass Widerspruch herausgefordert wird. Klarstellende Worte und Ausführungen hätten vorab bereits Schaden verhindern können und könnten auch im Nachhinein versöhnend wirken.

Deutlich weniger Widerspruch erntete in den Kommentaren die Behauptung, ohne „gelegentliche militärische Kreuzzüge gäbe es das Abendland und mit ihm die Idee der Freiheit“ nicht. Mich persönlich stößt diese mehr an als das Hickhack um Inquisition und die repetierend bis zur Erschöpfung geführte Diskussion um Rolle und Wichtigkeit eines wie auch immer gearteten Glaubens im Allgemeinen, beziehungsweise an Gott oder die Demokratie im Besonderen. Alternative Geschichtsschreibung ist immer ein Fall für sich. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang jedoch die Historie des Christentums. Den größten Zulauf erhielt der christliche Glauben, wenn sich seine Anhänger in der Rolle der Unterdrückten wiederfanden. Das Christentum ist unter römischem Joch als eine Religion der Armen, der Ausgepressten und Verzweifelten entstanden. Von dieser Basis der Schwäche aus erstarkte es, bis es aus machtpolitischen Gründen zur römischen Staatsreligion gemacht wurde. Eine ähnliche Geschichte können die Christen in China erzählen. Unter Mao verfolgt und trotz langjähriger staatlicher Unterdrückung zählen die Christen im Reich der Mitte mittlerweile über 100 Millionen Köpfe. Dort befindet sich nach enormem Mitgliederzuwachs die größte Kirche der Welt.

Schon deswegen ist es höchst fraglich, ob ein militärischer Kreuzzug der christlichen Sache dienlich wäre. Dieser könnte nur aus einer Position der Stärke geführt werden oder Seite an Seite mit dem politischen Establishment. Das erkennt auch Gärtner, der ausführt, dass es zur Durchführung eines Krieges mit dem Ziel der Verbreitung römisch-katholischer Werte an militärischer Macht fehle. In der Kommentarsektion führt er aus, dass es keine weltliche Macht gebe, die dem Vatikan mit Truppen beistehen könne. Tatsächlich feierten Christen ihre größten Erfolge, wenn sie ihr Glück nicht auf der Seite des Establishments suchten, wo sie sich durch die Macht korrumpieren ließen. Der Aufstieg des amerikanischen Christentums etwa ist zu einem wesentlichen Anteil auf die Freiheit von weltlicher und kirchlicher Macht zurückzuführen.

Heute ist dies anders, da der Neo-Konservatismus großen Rückhalt unter bestimmten amerikanischen Christen findet. Viele Mitglieder der Southern Baptist Convention sind der Meinung, Christen müssten den Staat instrumentalisieren, um den Glauben an den christlichen Gott zu verbreiten. Sie sind erfolgreich an die Schaltstellen politischer Macht gelangt. Die Kriege gegen die Ungläubigen im Irak oder in anderen islamischen Ländern werden in diesen Kreisen nicht nur als Krieg gegen potentielle Terroristen, sondern auch als Kriege zur Verbreitung des wahren Glaubens geführt. Seite an Seite mit Israel gelte es, die überlegenen judäo-christlichen Werte ferrum ignique zu unterstützen.

Gärtners „unvoreingenommene Analyse“, die eine militärische Verteidigung des Abendlandes für nützlich und notwendig hält, ist nichts anderes als die neo-konservative Idee, man müsse die Freiheiten des Westens verteidigen, indem man Soldaten in islamische Länder entsendet, bevor diese Terror in den Westen bringen. Freilich bezieht sich das Sendungsbedürfnis der Neo-Konservativen nicht auf Freiheit im liberalen Sinne oder die Werte des Vatikans, sondern auf die Errichtung demokratischer politischer Systeme.

Die von den Neo-Konservativen für richtig gehaltenen Werte sollen verbreitet werden. Die Staatsform der Demokratie wird von diesen als der Weisheit letzter Schluss gesehen, wenn man so will, als die zu verbreitende Wahrheit. Von einem Kreuzzug unterscheidet sich das neo-konservative Unterfangen daher nur inhaltlich, nicht aber in der Methode. Es geht um die Verbreitung anderer, demokratischer statt vatikanischer Werte. Der ewige Zweifel an der Richtigkeit dessen, was man für wahr hält, betrifft jedoch beide gleichermaßen. Weder Christen auf Kreuzzug noch Neo-Konservative beim Kampf gegen die Achse des Bösen sind vor Irrtum gefeit.

Wenn jedoch im Angesicht des Irrtums unter Anwendung von Gewalt gehandelt wird, dann wird vorhandener Zweifel bedeutungslos. Dann unterscheidet sich die neo-konservative Lehre nicht mehr von dem Auftrag an Muslime, den Islam mit allen Mitteln zu verbreiten. Wenn jeder meint, mit Gewalt vorgehen zu dürfen, solange dies im Glauben an die Wahrheit geschieht, ist Zivilisation nicht möglich. Das gilt um so mehr, wenn man zu der Einsicht gekommen ist, dass die Ergründung der Wahrheit mit Schwierigkeiten verbunden und der Irrtum unausweichlich ist. Es stellt sich daher die Frage, zu welchen Konsequenzen die Vorläufigkeit von Erkenntnis führt. Nach meiner Ansicht muss das Wissen darum zur Vorsicht bei der Wahl der Mittel mahnen, derer man sich zur Erfüllung seiner Ziele bedient. Eine – wenn auch „milde“ – Inquisition, Gewalt oder „militärische Kreuzzüge“ gehören meiner Meinung nach nicht zu den Mitteln, die aus liberaler, zivilisatorischer oder christlicher Sicht akzeptabel sind.

Edgar L. Gärtner bei ef:


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