13. April 2010

Probleme einer übersexualisierten Gesellschaft Die Tierfreunde

Welche Diskussionen erwarten uns demnächst?

Die „Frankfurter Rundschau“ und die „FAZ“ melden jüngst, dass Sex mit Tieren wieder strafbar gemacht werden soll. Das Delikt der damals so genannten „widernatürlichen Unzucht“ war in Deutschland anno 1969 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen worden, als im Zuge der Liberalisierung des Sexualstrafrechts unter anderem auch der berüchtigte Paragraph 175 fiel. Seitdem war und ist neben dem Geschlechtsverkehr mit gleichgeschlechtlichen Humanpartnern offensichtlich auch derjenige mit Tieren erlaubt.

Wie die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) jetzt nämlich mitteilte, könne die medizinisch als Zoophilie bekannte Sexualhandlung seither nur noch geahndet werden, wenn gegen das Tierschutzgesetz verstoßen wird. Das ist dann der Fall, wenn dem Tier Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, was naturgemäß schwer oder gar nicht nachzuweisen ist, weil Tiere dies in der Regel später nicht artikulieren können.

Es musste bis dato also das Tierschutzgesetz dafür herhalten, dass eine sexuelle Perversion bestraft werden konnte. Durch die Liberalisierung des Sexualstrafrechts wurde demnach der Sex mit Tieren nicht mehr als eine solche angesehen, sondern als eine von vielen tolerierbaren „Normabweichungen“.

Wer erinnert sich nicht noch gerne an Woody Allens Film „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ und den sympathischen armenischen Schafhirten Stavros Milos, der sich in Daisy, eines seiner Tiere, verliebt und auch Sex mit ihm hatte. Es ist bezeichnend, dass der Arzt, den Stavros wegen Daisys erloschener Liebe aufsucht und der sich in der Folge auch in Daisy verliebt und eine Beziehung zu ihr aufnimmt, nicht wegen Zoophilie, sondern wegen Ehebruchs und der Verführung Minderjähriger verurteilt wird. Allen hat hier schon früh (1972) in satirischer Absicht auf die mögliche Absurdität der Rechtsprechung gedeutet, die aber vom deutschen Recht in der Realität offenbar noch übertroffen werden kann.

Nachdem Sex mit Tieren, beispielsweise „gerbilling“, also das Einführen von kleinen Nagetieren in das menschliche Rectum, in den 1980ern nur eine Lifestyle-Mode der dekadenten oberen Zehntausend war, gibt es nun laut hessischem Umweltministerium eine „veränderte Lebenswirklichkeit“, gewissermaßen eine Demokratisierung des entsprechenden Sexualverhaltens mit einer Vielzahl von Tätern. Eine Folge des liberalen Strafrechts? Nicht unbedingt. Es geht eher um die mittels der „sexuellen Revolution“ entstandene Übersexualisierung einer saturierten Gesellschaft, die jetzt Probleme damit hat, die Geister, die sie rief, wieder loszuwerden.

In gewisser Weise ist Zoophilie tatsächlich eine „natürliche“, da zu allen Zeiten und in jeder Gesellschaft vorkommende menschliche sexuelle Ausrichtung. Kinseys – allerdings umstrittene – Untersuchungen zeigten, dass (angeblich) 8 Prozent der Männer und 3,5 Prozent der Frauen irgendwann Sex mit Tieren hatten, und dass in ländlichen Gegenden die Zahl für Männer bis zu 50 Prozent betragen könne. Midas Dekkers’ berühmtes Buch „Geliebtes Tier“ hat dieses Phänomen, angefangen bei den antiken Mythen, erschöpfend beleuchtet. Wie soll also eine übersexualisierte Gesellschaft, die die Grenzen des „Normalen“ maximal weit gezogen hat, die also nur mehr „Normvarianten“ und keine Deviationen, von Perversionen ganz zu schweigen, sieht, ein Verbot der Zoophilie begründen?

Sie kann es nurmehr über Ersatzbegründungen tun. Der sexuelle Missbrauch von Mann und Frau wird unter dem Gesichtspunkt der Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung geahndet. Beim sexuellen Missbrauch kleiner Jungen und Mädchen wird der Ausnutzungstatbestand in den Vordergrund gestellt. Vermutlich wird beim Tier ebenfalls dieser Aspekt hervorgehoben werden, da im Einzelfall eine selbstbestimmte Einwilligung des Tieres in den Sex aufgrund seiner dazu fehlenden Kompetenz nicht angenommen werden kann.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Tierrechtsaktivisten, die dem Tier mutatis mutandis eine hohe Intelligenz und folglich eine Stellung als juristische Person zugestehen möchten, hiergegen Sturm laufen werden. Selbstverständlich könnten einzelne Tiere selbstbestimmt in den Sex einwilligen, wird es dann heißen. Auf die dann folgende Diskussion darf man schon gespannt sein…

Nachtrag

Im Mittelalter gab es Tierprozesse; Hunde, Katzen und Schweine wurden gerichtlich verurteilt, teilweise auch zum Tode. Die Geschichtswissenschaft hat längst nachgewiesen, dass dieses Zeitalter keineswegs dunkel war. Dieser Nachweis könnte demnächst eine glänzende Bestätigung finden, wenn nämlich im 21. Jahrhundert die ersten Tiere vor einem deutschen Gericht in einem Sexualprozess aussagen werden.


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