17. April 2010

Eigentümlich freier Kommentar aus Polen Der Mut von Lech Kaczyński

Gedanken zu einer Tragödie

Bei dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Smolensk kam nicht nur der polnische Präsident (mit seiner Ehefrau) ums Leben – sondern auch der Chef des Heeres der Dritten Republik Polens. Neben ihm, die obersten Befehlshaber fast aller Streitkräfte, ihnen vorstehende Generalleutnants und der Chef des Generalstabs. Soweit ich mich erinnern kann, gelang bisher in keinem Krieg, die gesamte Leitung der gegnerischen Streitmacht vollständig zu vernichten. Zum Glück übernimmt in der Armee im Falle des Todes des Vorgesetzten automatisch sein Stellvertreter das Kommando – aber für die polnischen Streitkräfte muss es eine mächtige Erschütterung gewesen sein.

Aus jedem Unglück sollte man bekanntlich Schlüsse ziehen. Da ich die offizielle Feststellung der Untersuchungskommission nicht kenne (außer der abenteuerlichen Aussage „das Flugzeug befand sich in einwandfreiem technischen Zustand“, die aller Wahrscheinlichkeit nach der Auswertung von Wartungsprotokollen – und nicht, wie man es von Profis erwarten könnte, nach akribischer Untersuchung der im Wald verstreuten Überreste des Flugzeugs – getroffen wurde) gehe ich in diesem Zusammenhang auf zwei mit dem Unfall verbundene Fragen ein.

Die Schriftstellerin und bekannte Sozialistin Maria Konopnicka, suggerierte in ihrem Gedicht „Als der König in den Krieg zog“: Die Reichen und Mächtigen haben es doch am Besten. Doch das ist nicht wahr. Man rechne den Prozentsatz der Könige und den der Soldaten, die im Krieg gefallen sind aus. Der Einfachheit halber gebe ich an, dass der Verlust von 10 Prozent aller Soldaten einer Armee bereits als unzulässig hoch betrachtet wird. Ich rede hier von Königen. In D***kratien ziehen deren Führer nicht in den Krieg, statt dessen sitzen sie den Krieg geschützt in den Hauptstädten einfach aus. Zugegeben, nicht alle von ihnen.

An einem einzigen Tag sterben in Polen, Russland, Weißrussland und der Ukraine rund 500 Menschen. Das ist sehr wenig im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung dieser Länder. Der Tot von Präsident Lech Kaczyński bedeutet dagegen einen 25-prozentigen, also weit höheren Verlust, auf die Anzahl der Präsidenten in diesem Bereich bezogen. Demgegenüber ist sehr unwahrscheinlich, dass 25 Prozent der Bevölkerung auf einmal stirbt, oder?

Jeder der mit dem Auto fährt oder mit dem Flugzeug fliegt – setzt sich einem Risiko aus. Schon oft in meinem Leben habe ich mehr als durchschnittlich riskiert – zum Beispiel um einen wichtigen Termin wahrzunehmen, bei dem es sinnvoll war, dieses höhere Risiko in Kauf zu nehmen. Wie man sieht, lebe ich noch.

Kurz nach dem Flugzeugunglück wurde allgemein unterstellt, der Präsident hätte den Piloten unter Druck gesetzt, er soll die Warnungen der Bodenkontrolle in Smolensk ignorieren (die ihm die Landung in Minsk statt in Smolensk nahelegte), damit sich die Delegation zu den Gedenkfeier in Katyn nicht verspätet. Ich war in der überwiegenden Mehrheit der politischen Angelegenheiten mit dem Präsidenten Lech Kaczyński nicht einer Meinung – in dieser Sache aber hat er meine volle Unterstützung. Warum darf man vom Dienstfahrer eines Politikers verlangen, er möge aufs Gaspedal treten, vom Piloten jedoch nicht? Warum dürfen gewöhnliche Otto-Normalverbraucher ihr Leben einem höheren Risiko aussetzen, der Präsident dagegen nicht?

Vielleicht, schien ihm, dass die Sache es wert war. Sein Andenken in allen Ehren! Ich bewundere diesen Mut. Ich bedaure nur, dass er diesen Mut nicht gezeigt hat, als es darum ging, den Vertrag von Lissabon nicht zu unterzeichnen. Dabei sollen wir nicht verhehlen, dass die endgültige Entscheidung darüber, „Landen oder nach Minsk weiterfliegen“, nicht dem Präsidenten oblag – sondern dem Piloten der Maschine. Der Präsident hatte jedes Recht zu suggerieren und gar Druck auf den Piloten auszuüben – der Pilot hatte seinerseits jedes Recht zu widersprechen und diesem Druck nicht nachzugeben.

Ob der Flugkapitän Arkadiusz Protasiuk zu viel riskiert hat? Das werden wir wohl nie erfahren. Das vermutlich wusste nicht einmal er selbst, im den wenigen Sekunden, als er noch lebte und bereits wusste, dass er bald sterben würde. Das können wir einfach nicht beurteilen. Katastrophen passieren auch in Situationen, in denen das Risiko sehr, sehr gering ist – und häufig dagegen gelingen Landemanöver gerade in Bedingungen, in den die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe mehr als 90 Prozent beträgt. Daher nehme ich an, dass der Pilot keinen Fehler begangen hat, als er entschied, das Flugzeug in Smolensk zu landen.

Eine ganz andere Frage ist aber: Wo unterliefen dem Piloten gegebenenfalls Fehler während des Landemanövers? Offiziell bestätigt wissen wir, dass er das Flugzeug mehr als 150 Meter seitlich der Achse der Landebahn steuerte. Es herrschte Nebel um dem Flughafen, es gab kein Radio-Navigationssystem – aber warum flog er auf einer derart niedrigen Höhe? Ob er beim Versuch, die Richtung zu wechseln, mit dem Flügel irgendwo gegen prallte? Vielleicht werden die Flugschreiber dies klären. Ich dagegen würde sorgfältig den Höhenmesser des Flugzeugs begutachten und auswerten, wenn von diesem etwas übrig geblieben ist.

Internet

http://korwin-mikke.pl

Information

Der Autor ist Publizist und libertär-monarchistischer Politiker. Er tritt zu den kommenden Präsidentschaftswahlen selbst an. Dieser Kommentar erschien am 14 April 2010 in der Zeitschrift „TEMI Südpolnische Wochenzeitung“  (TEMI Galicyjski tygodnik informacyjny) Nummer 15/2010. Die Übersetzung ins Deutsche exklusiv für ef von Simon Pischniok.


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Janusz Korwin-Mikke

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