22. April 2010

Haiti Reißaus nehmen, wenn die NGOs kommen

Zerstörung aller Eigeninitiative mit dem bewährten Prinzip Sozialhilfe

In China sind bei dem Erdbeben (Stärke auf der Richterskala: 7,1) vor einer Woche 1600 Menschen gestorben. In Haiti kamen im Januar (7,0) schätzungsweise 250.000 ums Leben. Erdbeben ist nicht gleich Erdbeben, aber hier liegt ein eklatanter Unterschied vor. Wir müssen nicht lange darum herumreden: Das hat auch mit der Lebensweise im Allgemeinen zu tun und mit der Bauweise im Speziellen. Karibikanwohner nehmen es mit Gesetzen nicht so genau und halten auch keine Bauvorschriften ein – wenn es sie überhaupt gibt. Das ist keine Schuldzuweisung, sondern die Beschreibung eines Charaktermerkmals.

Der „Spiegel“ widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe Haiti. Geschildert werden die Aufräum-Arbeiten des Cash-for-work-Programms in Port-au-Prince. Es sind überwiegend weiße Aufbauhelfer. Tschechen, Italiener, Kanadier, Deutsche. Sie sind nach Haiti gegangen, um das Land wiederaufzubauen.

Wiederaufzubauen? Wie ist das Wort „wieder“ in diesem Zusammenhang zu verstehen? Haiti war auch vor dem Erdbeben bereits ein chaotisches Land, da gibt es nicht viel wiederaufzubauen. Mit dem Wiederaufbau in Deutschland 1945, wo nach zwei Jahren der Schutt weggeräumt und nach zwanzig Jahren das Wirtschaftwunder im Gange war, hat Haiti nichts zu tun.

Für den „Spiegel“ ist es ganz einfach, warum es in Haiti nur schleppend vorwärts geht: „Der Staat, vor dem Beben schon schwach, ist kaum handlungsfähig.“ Wenn es also einen starken Staat gäbe, dann wäre Port-au-Prince in wenigen Jahren das neue Venedig der Karibik.

Die Deutschen haben 1945 gar keinen Staat gehabt. In der chaotischen Nachkriegszeit haben aber viele eine Chance gesehen und in die Hände gespuckt. Den überbewerteten Marschallplan hin oder her: Als geschlagene Nation hatten die Deutschen auch nicht viel Hilfe von außen zu erwarten, zumal der Rest Europas ja auch in Trümmern lag.

Die Haitianer dagegen werden von der Hilfsbereitschaft der Welt geradezu erstickt. Jeder eigene Aufbauwille wird zu Tode gepampert. Zehn Milliarden Dollar hat die Uno auf ihrer Konferenz in New York Ende März zusammenbekommen. Diese Riesensumme soll dem kleinen Land jetzt zufließen. Um ein allzu schnelles Versickern in private Taschen zu verhindern, soll das meiste Geld nicht in die Hände der Regierung, sondern an Hilfsorganisationen gegeben werden. Zweifel, ob es da viel besser aufgehoben ist, sind angebracht…

Ich erinnere mich an die Elbeflut 2002. Damals habe ich Dresden bei den Deichbauarbeiten und in Rosslau beim Wiederaufbau geholfen. Ich habe erst die spontane und ausschließlich uneigennützige Nothilfe gesehen und bewundert – und danach das Anlaufen der „professionellen“ Hilfe durch große, karitative  Organisationen erleben dürfen. Ich kann nur sagen: Wenn die „Profis“ kommen, sollte man Reißaus nehmen. Ich höre jetzt noch den Satz eines führenden Helfers einer sehr bekannten Hilfsorganisation, der auf Dessau zeigte und zu mir sagte: „Die Leute hier sind traumatisiert, das wird Jahre dauern, bis die sich von dem Schock erholt haben.“ Er träumte in meiner Gegenwart von mobilen Beraterteams, die diese Menschen in den nächsten Jahren betreuen könnten. Alles unter seinem Kommando, versteht sich.

Damals wurde mit klar, dass NGOs genau so geldgierige Kleptokraten-Organisationen sein können wie Regierungen. Und sie bringen Leute in die gleiche Abhängigkeit. Der „Spiegel“-Artikel schließt mit einem Absatz über ein neues Flüchtlingslager am Stadtrand von Port-au-Prince. „Vielen Erdbebenopfern geht es jetzt besser als vor der Katastrophe“, zitiert das Magazin den Chef der Welthungerhilfe in der haitianischen Hauptstadt. Die Leute haben jetzt zum ersten Mal Strom, Wasser und ärztliche Versorgung. Sie ziehen aus dem Zeltlager deswegen nicht wieder aus, weil sie in einer normalen Wohnung mit diesem Komfort Miete zahlen müssten.

Wer will es den Haitianern verdenken? Sie verhalten sich rational in der schönen neuen NGO-Welt. Was ihnen wirklich helfen würde? Wenn jemand die Hilfe stoppt, damit sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen.


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