Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Der New Deal und seine Überwindung: Roosevelts Desaster

von Gérard Bökenkamp

Von der Großen Depression zum amerikanischen Nachkriegswohlstand

25. April 2010

Der Historiker David Kennedy schreibt in seinem monumentalen Werk „Freedom from Fear“: „Im Jahr 1938 stand Roosevelt vor der Welt als geschwächter politischer Führer da, er schien weder in der Lage Konzepte zu entwickeln noch besaß er die Kraft, sein Land von der scheinbar endlosen wirtschaftlichen Krise zu heilen. In den neun Jahren der Großen Depression und den sechs Jahren von Roosevelts New Deal mit mehr als 10 Millionen Arbeitslosen, hatten die USA immer noch keinen Weg zur wirtschaftlichen Erholung gefunden.“ In seinem Standardwerk zum New Deal aus den 60er Jahren schrieb William E. Leuchtenburg: „Roosevelt fand sich wie Hoover als Opfer seiner eigenen Hybris wieder.“

Nach einigen Jahren scheinbarer durch öffentliche Ausgaben getragener Erholung war im Frühjahr 1937 die Wirtschaft stärker eingebrochen als jemals zuvor. Das Bild, das Amerika jetzt erneut in Folge der „Roosevelt-Depression“ bot, erinnerte einmal mehr an Zustände, wie man sie später in Ländern der Dritten Welt erwartete. Die staatliche Armenfürsorge brach in großen Teilen des Landes zusammen. Aus 17 Bundesstaaten wurde berichtet, dass Teile der Bevölkerung hungerten, das Bild von Familien und Kindern, die sich von Abfällen ernäherten, war keine Seltenheit. Roosevelt war in dieser Situation mit seinem Latein am Ende. Als Finanzminister Henry Morgenthaus Roosevelt gegenüber äußerte „so wie ich das sehe, treten Sie auf der Stelle und sehen zu, was jetzt passiert“,  antwortete Roosevelt: „So ist es.“

Noch im Jahr 1939, also zehn Jahre nach dem Crash von 1929, waren 9 Millionen Amerikaner ohne Arbeit. Roosevelts enger Mitarbeiter Harry Hopkins kam zu dem deprimierenden Schluss, man müsse sich wohl damit abfinden, dass die Millionen von Arbeitslosen selbst im Aufschwung nie wieder eine Beschäftigung finden würden. Die inoffizielle Lagebeurteilung von Roosevelts Finanzminister Morgenthau war eine andere. Er glaubte, dass der wesentliche Grund dafür, dass die Wirtschaft sich nicht erholte, darin zu suchen war, dass die Unternehmen wegen der Politik der Roosevelt-Regierung Steuererhöhungen und Inflation befürchteten und sich deshalb mit Investitionen zurückhielten. (Roosevelt war im übrigen über die geringen privaten Investitionen so erbost, dass er das FBI anwies, nach einer möglichen kriminellen Verschwörung der Unternehmen gegen die Regierung zu ermitteln, was, wenig überraschend, keine Ergebnisse zu Tage förderte.)

Damit ist die Einschätzung von Roosevelts Finanzminister (der hier klarsichtiger war als bei dem Entwurf seines berüchtigten Plans für Nachkriegsdeutschland), dass das Fehlen privater Investitionen der Schlüssel zum Verständnis der Krisen war, nicht so weit von den Ergebnissen entfernt, zu denen der Wirtschaftshistoriker Robert Higgs einige Jahrzehnte später in seinem Buch „Depression, War and Cold War“ kam. Robert Higgs hat der üblichen Sichtweise widersprochen, die das Ende der Großen Depression auf den Anfang des Zweiten Weltkrieges datiert. Er bestreitet, dass der Zweite Weltkrieg das Ende der Wirtschafts- und Beschäftigungskrise bedeutete. Er datiert die Überwindung der Depression im Gegensatz dazu auf die ersten Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Weltwirtschaftkrise Amerika einen von privaten Investitionen getragenen Aufschwung erlebte.

Higgs geht von der nachvollziehbaren Einsicht aus, dass unter Wachstum, das sich aus Rüstung und Krieg ergibt, nicht dasselbe Wachstum zu verstehen ist, wie das Wachstum in Friedenszeiten in einer privaten Wirtschaft. Panzer, Flugzeuge und Geschütze verbessern offensichtlich nicht unbedingt die Lebensqualität der Bevölkerung, und ein Arbeitsloser, der in eine Uniform gekleidet wird, um auf einem fernen Kontinent zu kämpfen und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dort zu sterben, ist kaum im selben Sinne als „beschäftigt“ anzusehen,wie ein Arbeitsloser, der in Friedenszeiten einen neuen Job findet. Wachstum in einer Kriegswirtschaft zu messen und die Beschäftigungsstatistik einfach fortzuschrieben als wäre nichts geschehen, wenn Millionen von Menschen sich zu Boden, zu Wasser und in der Luft bekriegen, ist eine statistische Spielerei mit wenig Aussagekraft.

Wie Higgs zeigen kann, haben weder der New Deal  noch die Kriegsrüstung diesen düsteren Abschnitt der Wirtschaftsgeschichte überwunden, sondern die Rückkehr zur freien Marktwirtschaft. Die US-Wirtschaft während des Zweiten Weltkrieges war eine zentrale Planwirtschaft. Der Übergang von dieser zentralen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft in den ersten zwei Jahren nach Ende des Krieges ist wenigstens so bedeutsam wie die Weichenstellung in Richtung soziale Marktwirtschaft vor der Gründung der Bundesrepublik. Anders als das deutsche Beispiel ist der Übergang im Nachkriegsamerika aber kaum in den Fokus historischer Betrachtungen gerückt worden. Dabei war sie welthistorisch von noch größerer Bedeutung. Überspitzt könnte man vielleicht sagen, dass der amerikanische Kapitalismus in diesen Jahren, mit einigen Blessuren in Form zusätzlicher Regulierung, neu geboren wurde.

Es handelt sich bei dieser Entwicklung um einen außerordentlichen und von den meisten Zeitgenossen nicht vorausgesehenen Vorgang. Die Befürchtungen vieler Ökonomen und Politiker am Ende des Krieges waren groß, dass mit der Rückkehr von 12 Millionen Soldaten die Massenarbeitslosigkeit und mit ihr die große Depression zurückkehren werde. Hatte der Krieg einige Jahre lang die Beschäftigungskrise überdeckt, so musste das Ende des Krieges, so glaubte man, zwangsläufig die Rückkehr der Krise zur Folge haben. Nichts aber dergleichen geschah, die Befürchtungen lösten sich einfach in Luft auf. Die Demobilisierung ging in raschen Schritten voran und noch im Jahr 1945, spätestens aber im Jahr 1946 wurden die meisten staatlichen Kontrollen über Wirtschaft und Preise aufgehoben. Die Arbeitslosigkeit blieb trotz der Rückkehr der amerikanischen Truppen gering und stieg bis zu unserer Zeit nie wieder auf das hohe Niveau vor dem Krieg.

Oft wird die Vermeidung der Massenarbeitslosigkeit auf das College-Programm der Regierung zurückgeführt, das es etwa 800.000 Veteranen ermöglichte, wieder die Schulbank zu drücken. Selbst wenn jedoch alle Veteranen in diesen Programmen stattdessen beschäftigungslos geworden wären, hätte das die Arbeitslosigkeit nur um 1,4 Prozent erhöht. Die eigentliche Ursache des amerikanischen Wirtschafts- und Jobwunders nach dem Zweiten Weltkrieg waren private Investitionen. Niedrige private Investitionen waren die Ursache der langen Dauer der Krise, hohe private Investitionen waren die Ursache für den Nachkriegswohlstand.

Higgs kommt nach der Auswertung der Daten zu folgendem Ergebnis: „Die Zahlen sind eindeutig. In den 30er Jahren waren die privaten Investitionen so niedrig wie in keinem anderen Jahrzehnt, seit darüber Statistik geführt wurde.“ Erst 1946 und in den folgenden Jahren erreichten die privaten Investitionen ein Niveau, das wieder eine prosperierende Wirtschaft ermöglichte. Nach dem Krieg setzte ein regelrechter Investitionsboom ein. Die privaten Investitionen stiegen von 10,6 Milliarden Dollar im Jahr 1945 auf über 30 Milliarden Dollar in den kommenden zwei Jahren und schließlich auf 46 Milliarden Dollar im Jahr 1948. Die Investitionsrate stieg von 5 Prozent im Jahr 1945 auf 14,7 Prozent in den Jahren 1946 und 1947 und schließlich auf 17,9 Prozent 1948. 

Die Rooseveltjahre: Unberechenbare Politik – Verunsicherte Unternehmer

In den niedrigen Investitionen während der New-Deal-Jahre vor dem Krieg kam die Verunsicherung der Unternehmerschaft durch Roosevelts Politik zum Ausdruck. Roosevelts Rhetorik nahm immer wieder die Unternehmer aufs Korn, er stärkte die Gewerkschaften, setzte Mindestlöhne fest, betrieb Preiskontrollen, verbot den privaten Besitz von Gold, und der Spitzensteuersatz wurde auf 75 Prozent angehoben. Stark besteuert wurde auch der Konsum der „kleinen Leute“ durch höhere Steuern auf den Verbrauch von Alkohol, Tabak und Benzin.

Auf diese Weise minderte der Staat die Kaufkraft der Verbraucher, und seine Kreditaufnahme verknappte das Kapital, das für private Kredite zur Verfügung stand. 89 Prozent der von der Regierung aufgelegten Staatsanleihen wurden zwischen 1933 und 1939 von Banken und Versicherungsgesellschaften aufgekauft. Die Kreditaufnahme der Bundesregierung machte es für kleine Unternehmen damit schwerer, von den Banken Kredite zu erhalten, da die Regierung den Anlegern eine Sicherheit zu bieten schien, die kleine Unternehmen gerade in unsicheren Zeiten kaum versprechen konnten.

Was geschah nun mit den öffentlichen Investitionen, die die Regierung tätigte und die die privaten Investitionen und die private Nachfrage teilweise ersetzte?

Ein wesentlicher Pfeiler des New Deal waren die öffentlichen Beschäftigungsprogramme, die die schlimmste Not lindern sollten. Die Beschäftigungsprogramme, die die New Dealer umsetzten,  wurden zu 42,6 Prozent aus den Steuererhöhungen und mit  57,4 Prozent durch die zusätzliche Kreditaufnahme finanziert. In den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurden vor allem gut bezahlte Arbeitskräfte beschäftigt, Architekten, Ingenieure und Facharbeiter. Arme und schlecht ausgebildete Arbeiter, die händeringend eine Beschäftigung suchten, waren für viele der anspruchsvollen Bauprojekte wie Straßen, Schulgebäude, Staudämme, Kriegsschiffe und U-Boote einfach nicht geeignet. Da die Löhne in diesen öffentlichen Projekte in einigen Teilen des Landes höher lagen als selbst der von den Gewerkschaften ausgehandelte Tariflohn im Bausektor, musste die Privatwirtschaft auf eine große Zahl qualifizierter Arbeitkräfte zu Gunsten der steuerfinanzierten Projekte verzichten.

Die Arbeitsbeschaffungsprogramme wurden darüber hinaus zu einem Instrument politischer Landschaftspflege zur Wiederwahl des Präsidenten und seiner Parteifreunde. Der Historiker Gavin Wright hat die Vergabepraxis der New-Deal-Administration untersucht und festgestellt, dass der Einsatz der Mittel nicht wirtschaftlichen oder sozialen, sondern wahlstrategischen Absichten folgte. Die höchsten Investitionen in die öffentliche Beschäftigung wurden während der Vorwahlzeiten getätigt. Obwohl der Süden ärmer war als der Westen, erhielten die westlichen Staaten den Löwenanteil für staatliche Beschäftigungsprogramme. Da die Demokraten sich der Wiederwahl in den Südstaaten sicher sein konnten, konzentrierten sich die Ausgaben auf die westlichen Staaten, wo FDR bei seinem ersten Wahlerfolg weniger als 60 Prozent der Stimmen erhalten hatte.  Auch wurden mit mehr oder weniger sanftem Druck Beschäftigte dieser Programeme dazu genötigt, die Wahlkampagnen für den Präsidenten mit Spenden zu unterstützen.

Unter Roosevelts Präsidentschaft wurde ein wirtschaftspolitisches Experiment vom nächsten abgelöst. „Schon zur Zeit seiner Amtseinführung am 4. März wusste jeder, dass Roosevelt experimentieren würde, aber niemanden war klar, in welchem Maße“, schreibt die Historikerin Amity Shlaes. Ideen aus dem Arsenal von Sozialismus und Faschismus kursierten in Roosevelts Braintrust.  Doch ein zentrales Problem lag in der Persönlichkeit des Präsidenten selbst. Franklin Roosevelt hatte bei den Wahlen Erfolg gehabt, da er ein „begnadeter Radioredner im Zeitalter des Radios“ gewesen ist. Roosevelt verstand es, Menschen von sich einzunehmen, und er besaß eine große Begabung darin, Wählerallianzen zu schmieden. Wirtschaft gehörte jedoch nicht zu seinen Hauptinteressen, und die Fähigkeit zur Umsetzung langfristiger und durchdachter Programme lag seinem Wesen fern.  

Eine Episode aus der Anfangszeit des New Deal verdeutlicht den oft unreflektierten Umgang des Präsidenten mit weitreichenden wirtschaftspolitschen Entscheidungen. Morgenthau berichtete, wie Roosevelt versucht hatte, den Goldpreis quasi von seinem Schlafzimmer aus festzulegen. Als  er am 3. November 1933 den Präsidenten aufsuchte und eine Anhebung des Goldpreises um 10 bis 15 Cent von einem zum nächsten Tag vorschlug, entschied Roosevelt sich für eine Anhebung des Goldpreises um 21 Cent. Als Morgenthau ihn um eine Begründung bat, antwortete Roosevelt, 21 sei dreimal sieben und deshalb eine Glückszahl. Morgenthau war über diese Arbeitsweise beunruhigt und schrieb später: „Wenn irgendjemand wüsste, wie wir den Goldpreis wirklich festgesetzt haben als Ergebnis von Glückszahlen usw., ich glaube, die Leute wären darüber erschreckt.“ Wenn schon Roosevelts eigene Mitarbeiter sich durch das Verhalten des Präsidenten verunsichert fühlten, wie sollten dann private Investoren auf dessen sprunghafte Regierungspolitik reagieren?

Die unsicheren Zukunftserwartungen spiegeln sich in den Umfragen der damaligen Zeit wieder. In einer Umfrage aus dem Frühjahr 1939 antworteten 54 Prozent der befragten Amerikaner auf die Frage, ob Roosevelts Verhalten gegenüber der Wirtschaft die Erholung verzögere, mit Ja. 24 Prozent waren nicht der Ansicht, die übrigen hatten dazu keine Meinung. Im November 1941, kurz vor dem Angriff auf Pearl Harbor, fand eine Befragung von Wirtschaftsführern und Unternehmern darüber statt, wie wohl in der Zukunft die Wirtschaftsordnung der USA aussehen werde. Nur 7,2 Prozent glaubten an eine Rückkehr zur freien Marktwirtschaft, 52,4 Prozent erwarteten eine gemischte Wirtschaft mit staatlichen Vorgaben für die Unternehmen, 36,7 Prozent erwarteten ein halbsozialistisches System mit wenig Spielraum für private Unternehmensinteressen, 3,7 Prozent glaubten daran, dass sich eine kommunistische oder faschistische Diktatur durchsetzen werde. Fast 93 Prozent erwarteten also auf die eine oder andere Weise eine Einschränkung privatwirtschaftlichen Handelns und der Eigentumsrechte.

Ein amerikanisches Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg

Was hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg geändert? Es bewahrheitete sich die Erkenntnis, dass Personen Politik sind. Die New Dealer hatten schon zu Beginn des Krieges erheblich an Einfluss verloren. Mit der Mobilisierung für den Krieg war es notwendig geworden, die Unternehmen in die Rüstungsplanung einzubeziehen. So rückten Persönlichkeiten, die der Privatwirtschaft nahe standen, in administrative Führungspositionen ein. 1942 hatten etwa 10.000 Unternehmer und Manager Leitungsaufgaben in der militärischen und zivilen Organisation übernommen. Die New Dealer hingegen mussten mit Beginn des Krieges ins zweite Glied zurücktreten. Wie der Historiker Alan Brinkley feststellt, waren Ende 1943 die New Dealer weitgehend aus ihren leitenden Positionen verdrängt worden. Für die neuen tonangebenden Männer war das sowjetische Modell der Planwirtschaft anders als für viele New Dealer mehr Feindbild als Vorbild. Der politische Wind änderte seine Richtung.

Der linke Flügel der Demokraten wurde geschwächt und die Republikaner gestärkt. 1936 hatte die Zahl der demokratischen Senatoren noch bei 76 gelegen, nach den Wahlen 1944 waren es nur noch 56. Im Repräsentantenhaus ging die Zahl der Demokraten im selben Zeitraum von 331 auf 242 zurück. Roosevelts Nachfolger Harry S. Truman, der zwar auch den New Dealern zugeordnet wurde, den New Deal aber nicht wie Roosevelt verkörperte, stand nun einem von Republikanern und konservativen Südstaaten-Demokraten dominierten Kongress gegenüber. Truman zeigte sich weit pragmatischer als sein charismatischer Vorgänger. 60 Prozent der Amerikaner hielten Truman für wirtschaftsfreundlicher als Roosevelt und 55 Prozent schätzten ihn als weniger gewerkschaftsfreundlich ein. Unter diesen Bedingungen veränderte sich das politische Klima, und die verbesserten Rahmenbedingungen schufen bei den Unternehmern das Vertrauen, dass ihre Investitionen auch in Zukunft sicher sein und ihre Eigentumsrechte gewahrt bleiben würden.

Die Unternehmen wurden vom Kongress von Steuern entlastet, um die Umstellung auf die Friedenswirtschaft zu erleichtern, und anders als zu Beginn und während der Weltwirtschaftskrise wurden keine Maßnahmen getroffen, um die Löhne hoch zu halten. Dies war eine deutlich andere Politik als sie noch vor dem Krieg betrieben worden war. Schon vor der Amtsübernahme von Roosevelt waren Vereinbarungen getroffen worden, die Löhne nicht abzusenken und während des New Deal war die kollektive Verhandlungsmacht der Gewerkschaften durch Gesetze wie den „Wagner Act“ gestärkt worden. Nach Schätzungen soll allein die Einführung des Mindestlohnes etwa 500.000 schwarzen Amerikanern den Job gekostet haben. Dadurch dass die  Administration in den Nachkriegsjahren auf eine solche Politik verzichtete, erleichterte sie die kurzfristige Entstehung von Millionen zusätzlicher Arbeitskräfte.

Die zwei Jahrzehnte andauernde chronische Agrarkrise, die die Depression verstärkt hatte, wurde in der Nachkriegszeit ebenfalls überwunden. Während des Ersten Weltkrieges hatte die amerikanische Landwirtschaft große Überschusspositionen aufgebaut, die nur durch eine Absenkung der Preise und eine Reduktion der Beschäftigten abgebaut werden konnten. Roosevelts Politik hatte darin bestanden, diesen Prozess aufzuhalten. Der Historiker Anthony J. Badjer schreibt: „Roosevelt und die anderen versuchten die Bevölkerung auf dem Land zu halten, obwohl das Landwirtschaftsministerium wusste, dass tatsächlich zu viele Menschen auf dem Land lebten.“  

Dass FDR die Nominierung zur Präsidentschaft gewonnen hatte, verdankte er wesentlich der Unterstützung der Farmer-Lobby, während sich seine Kontrahenten stärker auf die Interessen der Industrie und der Finanzwirtschaft verließen. So nimmt es nicht Wunder, dass Roosevelt seiner Klientel ihren traditionellen Lebensstil bewahren wollte und das Interesse der Farmer die Preise hoch zu halten höher einstufte als das Interesse der Verbraucher, zu niedrigen Preisen Nahrungsmittel beziehen zu können. Zu diesem Zweck wurden beispielsweise die Farmer nach seinem Amtsantritt dafür bezahlt, sechs Millionen Ferkel zu schlachten, die anschließend zu Düngemittel verarbeitet wurden, wohlgemerkt zur selben Zeit, als in den Städten viele Menschen Hunger litten. 

Auch diese Politik erwies sich in den Nachkriegsjahren als verfehlt. Die veränderte wirtschaftliche Lage nach dem Zweiten Weltkrieg in den goldenen 50er Jahren war auch die Folge davon, dass in den 1940er und den 1950er Jahren die Amerikaner in Scharen die Landwirtschaft verließen und ein gutes Auskommen als Arbeiter und Angestellte in der von privaten Investitionen angetriebenen US-Wirtschaft fanden. Die Produktivität der Agrarproduktion stieg, die Preise für Lebensmittel fielen, und so konnte eine größere Stadtbevölkerung von einer kleineren Zahl von Farmern versorgt werden.

Es hatte fast zwei Dekaden gedauert, bis Wirtschaft und Gesellschaft der USA nach sechs Jahren Krieg und mehr als einem Jahrzehnt wirtschaftspolitischer Experimente die schwere Krise überwunden hatte. Es spricht vieles dafür, dass die „Große Depression“ nicht vom eigentlichen Crash und der anschließenden Rezession selbst, sondern durch die folgende Regulierung, Preisfestsetzung, Protektionismus und Verunsicherung der Unternehmen in die Länge gezogen worden ist. Die Prosperität der amerikanischen Wirtschaft in der Nachkriegszeit ging auf eine Politik zurück, die zum großen Teil das Gegenteil der Politik war, für die Präsident Franklin D. Roosevelt und die New Dealer verantwortlich zeichneten.

Literatur

Anthony J. Badger: The New Deal. The Depression Years, 1933-1940, Chicago 1989

Robert Higgs: Depression, War, and Cold War. Challenging the Myths of Conflict and Prosperity, New York, 2006

David M. Kennedy: Freedom From Fear. The American People in Depression and War, 1929-1945, New York 1999,

William E. Leuchtenburg: Franklin D. Roosevelt  and the New Deal 1932-1940, New York 1693

Jim Powell; FDR´s Folly: How Roosevelt and his New Deal prolonged the Great Depression, New York 2003.

Amity Shlaes: The Forgotten Man. A New History of the Great Depression,  New York 2007

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