26. April 2010

Kirchen in Nöten Margots Fahrt und Mixa Bargeld

Der objektive Sinn der Rücktritte

Der katholische Augsburger Bischof Walter Mixa hat letzte Woche aufgegeben. Sein Rücktrittsgesuch liegt dem Papst vor. Es stellen sich nun die Fragen, warum er letztlich zurückgetreten ist und wem das hilft. Mit Blick auf einen vergleichbaren Fall sagte der sächsische evangelische Bischof Jochen Bohl: „Wir haben vor nicht allzu langer Zeit hinreichend deutlich gemacht, wie man in der evangelischen Kirche mit vergleichbaren Problemen umgeht“, was nicht ganz stimmt. Denn die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann trat nach einer Alkoholfahrt, obwohl niemand sie gedrängt hat und der Rat geschlossen hinter ihr stand, umgehend aus Gewissensgründen zurück. Das wurde ihr von der linkspolitisch korrekten öffentlichen Meinung hoch angerechnet (kostet diese Meinung nämlich überhaupt nichts), hat die EKD aber einer wirksamen öffentlichen Leitfigur beraubt (ist genau das, was diese Meinung eigentlich will). Billigen Beifall gibt es erst, wenn das Wild erlegt ist.

Bei dem katholischen Bischof gab es drei mögliche Gründe für den Rücktritt. Da sind einmal die „Watschen“ von vor 30 Jahren, von der genannten öffentlichen Meinung sozusagen im Schlepptau der Missbrauchsaffäre, die einfach zu lange dauerte und kein gewünschtes Ergebnis zeitigen wollte, aufs Tapet gebracht. Früher erlaubt, gelten Ohrfeigen heutzutage als körperliche Gewalt. Dies ist gut so – ich selbst habe als Kind drei Ohrfeigen bekommen, an die ich mich sehr ungern erinnere. Es gab jedoch ganz sicher die Ohrfeige aus spontanem Zorn und dann das gütliche „Jetzt ist aber auch gut“, das Sich-wieder-Vertragen. Heute muss man aus triftigen Gründen annehmen, dass Eltern und Vorgesetzte gegenüber Kindern mit subtilem psychischen Terror ihre Ziele durchsetzen, weil Ohrfeigen verpönt sind. Welche Menschen diese psychische Gewalt produziert, wird man in einigen Jahren sehen. Jedenfalls sind die „Watschen“, die Mixa zugegeben hat, kein Ruhmesblatt für den Stadtpfarrer, der Mixa damals war, aber kaum ein ausreichender Grund für seinen Rücktritt heute, es sei denn, man ist Fundamentalist wie Manfred Bleskin von n-tv.de. Er schreibt am 22. April in einem zur allgemeinen, völligen und totalen Gewaltfreiheit aufrufenden Zwischenruf, Mixa, der ja auch Militärbischof für die Bundeswehr war, habe „an Soldaten zweifellos keine Watschen verteilt, doch er hat ihnen eine geistige Haltung vermittelt, die Gewalt rechtfertigt. Die Bundeswehr wäre gut beraten, bei Mixas Nachfolger in dieser Funktion genauer hinzuschauen.“ Man muss schon sagen, dass dieses wohlfeile Gutmenschentum hier an schieren Wahnsinn grenzt: Der Bundeswehr Gewaltlosigkeit einzubleuen ist gleichbedeutend mit ihrer Auflösung. „Wir sind das demokratisch verfasste Deutschland“, schreibt Herr Bleskin als guter Verfassungspatriot mit Hinweis auf Artikel 1 des Grundgesetzes, vergisst aber das Gewaltmonopol des Staates. Wenn man schon völlige Gewaltlosigkeit fordert, die ja eigentlich genuin christlich ist, was Herr Bleskin unterschlägt, dann muss man auch die Institution eines Militärbischofs kritisch hinterfragen.

Kommen wir zur „Erinnerungslücke“ Walter Mixas oder seiner Lüge, wenn es denn eine war. Mixa gab die Ohrfeigen bekanntlich erst verspätet zu, nachdem er zunächst die Anwendung körperlicher Gewalt „in irgendeiner Form“ geleugnet hatte. War es ein „Blackout“? Das kann, wie wir aus der Vergangenheit wissen, kein Grund sein. War es eine veraltete Definition von Gewalt, unter der Mixa nur „schwere körperliche Züchtigungen“ verstand, also ein Problem sprachlicher Codes? Mag sein; das wäre dann sehr ungeschickt gewesen, mehr aber auch nicht (wenn er denn hoffentlich niemanden tatsächlich schwer gezüchtigt hat). Eine Lüge hingegen wäre für einen Bischof schon eher ein Rücktrittsgrund. Hier ist die Gewissensentscheidung à la Käßmann gefordert, die aber nur den Christenmenschen Mixa etwas angeht: Kann ich jetzt noch als moralische Autorität sprechen? Die öffentliche Meinung hat diese Möglichkeit daher auffallend wenig interessiert, hätte sie doch die moralischen Kriterien des Christentums haben müssen, das ihr denkbar fern steht. Es war ein interessantes Zugeständnis an die Kirchlichen in den Reihen der Grünen, wenn Frau Künast aus ebendiesem Grund (der Lüge) den Rücktritt forderte.

Bleibt also Grund Nummer Drei: Die finanziellen Unregelmäßigkeiten, die ein Sonderermittler dem Ex-Bischof vorwirft. In der Zeit, in der Mixa Vorsitzender des Kuratoriums der katholischen Waisenhausstiftung Schrobenhausen war, seien Gelder der Stiftung für sachfremde Zwecke verwandt worden. Wie Günter Nonnenmacher in der „FAZ“ vom 17. April schrieb, wäre „Mixas Maß voll“, „wenn der Zwischenbericht eines Sonderermittlers stimmen sollte“. Jetzt hat Mixa nicht gewartet, bis sich dieser Bericht bewahrheitet hätte oder er vielleicht sogar hätte widerlegt werden können. Man muss annehmen, dass dieser handfeste, sehr weltliche Grund, der einzige, der juristisch wirklich zu fassen wäre, den Ausschlag gegeben hat: Das liebe Geld.

Obwohl Nonnenmacher schreibt, dass „man diesen Fall nicht mehr als Kampagne gegen einen streitbaren Bischof abtun“ könne, ist doch klar, dass hinter der kulturkampfartigen Vehemenz, mit der gegen die katholische Kirche in der Presse vorgegangen wurde, mehr steckt als die Sorge um das Wohl unserer Kinder, um den Erhalt der moralischen Integrität unserer Gesellschaft oder der Wille zur Aufklärung unklarer finanzieller Transaktionen, die sich neben der jüngsten Finanzkrise geradezu lächerlich ausnehmen. Bischof Mixa hat sicher zumindest sehr problematisch gehandelt und zuletzt unwürdig agiert. Die katholische Kirche hat dem Druck der veröffentlichten Meinung nachgegeben und ihn an Mixa weitergegeben, konnte in diesem Fall wohl auch nicht anders. Nach Frau Käßmann ist nun eine weitere weithin öffentlich sichtbare Person der christlichen Kirchen in Deutschland beseitigt. Daniel Deckers hat den objektiven „Sinn“ (nicht nur) dieses Rücktritts bereits am 14. April in der „FAZ“ ungewollt genau beschrieben: Der Augsburger Bischof Walter Mixa habe „die Rolle des Lieblingsgegners des juste milieu in Medien und Politik übernommen“. Nun endlich ist er weg. Das juste milieu hat einen Sieg errungen. Und auch wenn die „Zeit“ scheinheilig titelt: „Was darf man in Deutschland noch sagen?“, so ist doch der Pfad abseits des Mainstreams und der Political Correctness wieder etwas schmaler geworden.


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