Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

ef investigativ

Haben Sie Informationen oder Dokumente für uns? Hier können Sie unserem Investigativ-Team eine Nachricht schreiben.

investigativ@ef-magazin.de

ef auf Facebook

Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
facebook.com/efmagazin

Anzeige

Staatsbankrott und Staatsauflösung: Der ungewöhnliche Fall Neufundland

von Gérard Bökenkamp

Als der dritte nordamerikanische Staat 1934 aufhörte zu existieren

02. Mai 2010

Die Angst vor dem Bankrott europäischer Staaten greift um sich. Griechenland, Portugal, Spanien – werden als die Kandidaten gehandelt, die in nächster Zeit zahlungsunfähig werden könnten oder es bereits sind. Der Unterschied zwischen der Pleite von Unternehmen und der von Staaten besteht darin, dass Unternhmen nach dem Bankrott entweder verschwinden oder übernommen werden, wohingegen Staaten in der Regel in ihrer alten territorialen Form bestehen bleiben. Es gibt kaum einen europäischen Staat, der nicht im Laufe seiner Geschichte – oft mehrmals – zahlungsunfähig geworden wäre.

Eine bemerkenswerte historische Randnotiz ist der Untergang des souveränen neufundländischen Staates in den 30er Jahren des 20. Jahrhundertes. Es ist eines der seltenen Beispiele dafür, dass der Bankrott eines Staates tatsächlich seine Auflösung zur Folge hatte.

Kaum jemandem ist heute noch bewusst, dass Neufundland zwischen 1919 und 1934 neben den USA und Kanada als dritter Staat Nordamerikas gelten kann. Mit Australien und Neuseeland erhielt Neufundland 1907 einen Dominion-Status. Mit der Gründung des Völkerbundes kam den Dominions ein Status vergleichbar mit dem unabhängiger Staaten zu. Die Hauptstadt war St. Johns. Im ersten Weltkrieg hatte ein selbständiges neufundländisches Regiment auf Seiten der Entente gekämpft, dies war allerdings schon am ersten Tag in der Schlacht an der Somme ausgelöscht worden. Die letzten Grenzstreitigkeiten zwischen Neufundland und Kanada wurden 1927 gelöst. Doch kaum waren die Grenzen des jungen Staates sicher, da verdunkelte der Schatten der Weltwirtschaftskrise den Horizont.

Selbst in den relativ wohlhabenden 1920er Jahren hatte Neufundland enorme Schuldenberge aufgehäuft. Als Ende der zwanziger Jahre die Fischpreise fast um die Hälfte zurückgingen und die Preise für Zeitungspapier um mehr als ein Drittel, waren die Hauptexportgüter Neufundlands davon betroffen und es brach der Gesamtexport um 27 Prozent ein, gleichzeitig explodierte die ohnehin hohe Schuldenlast. Im Jahr 1928 nach den „guten Jahren“ machten Neufundlands Schulden das 8,4-fache der Steuereinnahmen aus, im Jahr 1933 war es schon die mehr 12-fache Last. Anfang 1931 waren erhebliche Schwierigkeiten bei der Schuldenrückzahlung aufgetaucht, als Neufundland neue Kredite aufnehmen musste, um seinen Schuldendienst erfüllen zu können. Fast die gesamten Staatseinnahmen mussten schließlich zum Begleichen der Zinslast aufgewendet werden.

Im April 1932 kam es zu einer von Gewaltausbrüchen begleiteten Demonstration vor dem Regierungsgebäude, an der 10.000 Menschen teilnahmen. Daraufhin forderte die neue Regierung die Briten dazu auf, wieder die Regierunggewalt zu übernehmen. Im Dezember 1933 löste sich die neufundländische Regierung selbst auf und  im Februar 1934 wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt. Die politische Kontrolle ging an eine von den Briten eingesetzte Kommission über, die Neufundland ein System der Korruption attestiert hatte. Das Land wurde auf den Status einer Kronkolonie zurückgestuft. Diese Form freiwilliger Rekolonialisierung war ein einmaliger Akt in der britischen Kolonialgeschichte. Im Zweiten Weltkrieg übertrug die britische Regierung die Verteidigung Neufundlands an Kanada, und nach dem Krieg wurde Neufundland nach einer Reihe von Volksabstimmungen schließlich kanadische Provinz.

Der Historiker David Hale merkt dazu an: „Die politische Geschichte Neufundlands in den 30er Jahren gilt heute als Randkapitel der Geschichte Kanadas. Es herrscht praktisch kein Bewusstsein für die außerordentlichen Ereignisse, die sich damals zutrugen. Das britische Parlament und das Parlament eines souveränen Hoheitsgebietes einigten sich darauf, dass die Demokratie sich den Schulden unterzuordnen habe. Das älteste Parlament im Britischen Empire – nach Westminster – wurde abgeschafft und über 280.000 englischsprachige Bürger, die 78 Jahre der direkten Demokratie gelebt hatten, wurde eine Diktatur verhängt. Die britische Regierung nutzte damals die konstitutionelle Macht, um das Land in die föderale Struktur Kanadas zu drängen.“

Am Ende gab es einen Kleinstaat weniger auf der Welt.

Unterstützen Sie ef-online

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien.
Klicken Sie hier für Informationen zur Fördermitgliedschaft.

Testen Sie eigentümlich frei

Prominente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht.

Diesen Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare


Der Kommentarbereich für diesen Artikel wurde geschlossen.

Anzeige