Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Staatsbankrotte sind nicht außergewöhnlich: Aderlass, schlechte Münzen und Kanonenboote

von Gérard Bökenkamp

Ein historischer Rückblick auf Staatspleiten und Geldentwertung

07. Mai 2010

David Hume bemerkte anlässlich der französischen Staatsinsolvenz: „Die Menschen sind im allgemeinen derart leichtgläubig, dass es trotz solch gewaltsamer Erschütterungen des öffentlichen Kredits, wie sie ein bewusst herbeigeführter Bankrott Englands auslösen würde, wahrscheinlich nicht lange dauern würde, bis sein Kredit blühend wie zuvor wieder aufleben würde.“ Er brachte damit sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass sich überhaupt noch Kapitalbesitzer dazu bereit fanden, dem Staat freiwillig Geld zu leihen, sprachen doch alle Erfahrungen seiner Zeit dafür, dass der Staat auf längere Sicht ein ausgesprochen unzuverlässiger Schuldner war.

Historisch gesehen sind Staatspleiten nichts außergewöhnliches. Zu allen Zeiten und unter allen Verfassungen und Herrschaftssystemen haben Regierungen ihre Zahlungen an die Gläubiger ausgesetzt oder Geld entwertet, um die Bürde der aufgenommenen Schulden zu verringern oder ganz abzustreifen, wenn es ihnen politisch opportun erschien.  Bis zum 20. Jahrhundert war der wichtigste Grund, warum sich die Staaten in Schulden stürzten, der Krieg. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde dieser vom Wohlfahrtsstaat als wichtigsten Ausgabenfaktor abgelöst. Die Höhe der Kredite, die in früheren Jahrhunderten zur Finanzierung der militärischen Unternehmungen aufgenommen wurde, ist mit der Schuldenlast, die besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates verwendet wurde, vergleichbar.

In dem sogenannten „zweiten hundertjährigen Krieg“ zwischen England und Frankreich (1688-1815) um die Hegemonie auf dem Kontinent und die Herrschaft über Indien und Nordamerika wuchsen die britischen Schulden auf 215 Prozent des Volkseinkommens im Jahr 1815 an. In den Jahren nach dem Sieg über Napoleon erreichte die Verschuldung mit 268 Prozent seinen Höhepunkt. Die Unermesslichkeit der englischen Staatsverschuldung wurde geradezu sprichwörtlich. So schrieb 1816 der Sekretär Leopolds von Sachsen-Coburg über dessen Ehefrau, sie bringe ihrem Ehemann eine Liebe entgegen, deren „Größe nur mit jener der englischen Staatsschuld vergleichbar ist.“ 

Dabei gelang es Großbritannien seit dem 18 Jahrhundert, nicht zuletzt weil seine Kriege mit Ausnahme des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges siegreich ausgingen und aufgrun des Umstands, dass die wohlhabenden Bürger, die dem Staat das Geld liehen, ihre Interessen im Parlament wahrnahmen, Zahlungsausfälle zu vermeiden. Dies war ein großer Vorteil für das Inselkönigreich, weil es anders als sein Hauptrivale Frankreich zu günstigen Bedingungen leihen konnte. Frankreich musste in den Jahrzehnten vor der Französischen Revolution etwa doppelt so hohe Zinsverpflichtungen eingehen, um am Kapitalmarkt die gleiche Summe aufnehmen zu können, wie sein britischer Konkurrent. Dies erklärt sich aus dem Jahrhunderte langen Finanzchaos, das unter der französischen Krone herrschte und schließlich ihren Untergang heraufbeschwor.

Frankreich blieb zwischen 1500 und 1800 insgesamt acht Mal seine Rückzahlverpflichtungen schuldig. Da sich in Frankreich das Vorgehen etabliert hatte, Gläubiger des Staates einfach verhaften und hinrichten zu lassen, um sich vor dem Schulendienst zu drücken, wurden diese Kreditausfälle im Volksmund auch als „Aderlass“ bezeichnet. Der französische Finanzminister Abbé Terray, der das Amt zwischen 1768 und 1774 bekleidete, vertrat die Ansicht, es sei für die Regierung sogar geboten, wenigstens einmal in hundert Jahren die Schulden nicht zu bezahlen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Den Spitzenrekord in der Zahl der Staatsbankrotte hält jedoch Spanien. Spanien war bis Ende des 19 Jahrhunderts insgesamt 13 Mal in Zahlungsverzug geraten - davon sieben Mal bis zum Jahr 1800. Zu fast jedem beliebigen Zeitpunkt schuldete die spanische Krone ihren Gläubigern rund die Hälfte ihrer jährlichen Einnahmen, wobei die Schuldensumme gelegentlich die Einnahmen von zwei Jahren überstieg.

Neben der direkten Zahlungsaussetzung gehört die Geldverschlechterung seit frühen Zeiten zu den unlauteren Methoden, mit denen sich Herrscher ihrer Verbindlichkeiten entledigten. Eine der ersten überlieferten Geldabwertungen ging auf den altgriechischen Tyrannen Dionysios zurück, der im vierten Jahrhundert vor Christus um seine Schulden zu bezahlen die im Umlauf befindlichen Drachmenmünzen einfach auf 2 Drachmen umgeprägt haben soll, wodurch sich der Nennwert seiner Münzen verdoppelte.  Im 16. Jahrhundert hatte der englische König Heinrich VIII.  nicht nur einen großen Verschleiß von Ehefrauen. Auch um seine Finanzen stand es nicht zum Besten. Obwohl er von seinem Vater ein großes Vermögen geerbt hatte und sich durch den Bruch mit Rom das Kirchenvermögen aneignen konnte, drohte dem König der Bankrott, den er mit einer enormen Geldentwertung begegnete. Das englische Pfund verlor nach dem Beginn der Abwertungspolitik 1542 83 Prozent seines Silbergehaltes. Allein in einem Jahr, 1551, unter Heinrichs Nachfolger Eduard VI., wurde der Silbergehalt um 50 Prozent verringert.

Drastische einmalige Verringerungen des Geldwertes gab es auch in anderen Ländern. Schweden verringerte den Wert seiner Münzen im Jahr 1572 um 41 Prozent, die Türkei im Jahr 1586 um 44 Prozent und Russland 1798 um 14 Prozent. Österreich wertete durch Münzverschlechterung im Jahr 1812 seine Währung um 55 Prozent ab. Daneben gab es einen fast alle Länder des Mittelalters und der frühen Neuzeit umfassenden Prozess der schleichenden Verringerung des Geldwertes, die sich gemessen an den späteren Papiergeldinflationen bescheiden ausnahm, aber sich doch spürbar bemerkbar machte. So verloren Frankreichs Münzen im späten Mittelalter bis zum Jahre 1500 etwa 74 Prozent ihre Silbergehaltes und von da an bis zur Französischen Revolution 1789 noch einmal um 78 Prozent an Edelmetallgehalt. Es gab Phasen, in denen Frankreichs Einnahmen aus der Währungsmanipulation sämtliche Einnahmen aus anderen Quellen überschritten.

Im 19. Jahrhundert garantierte das Britische Empire mit der größten Flotte der Welt seinen Anleihebesitzern durch seine Kanonenbootdiplomatie weitgehenden Schutz. Wenn ein Staat seine Schulden säumig blieb, dann musste es mit einem Souveränitätsverlust oder sogar mit militärischer Intervention rechnen wie etwa Ägypten, das 1882 britisches Protektorat wurde. So wurden damals Griechenland, die Türkei und Ägypten dazu gezwungen, ihren Schuldendienst zu leisten, so sehr sie sich auch winden mochten. Ohne eine solche Macht im Rücken mussten die Gläubiger auf den guten Willen des Schuldners hoffen, was wie oben beschrieben oft nicht nur vergeblich, sondern persönlich auch riskant sein konnte

Deshalb liegen die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff mit ihrer Aussage für damals und heute richtig, wenn sie schreiben: „Die Tatsache, dass Kreditgeber von der Rückzahlungsbereitschaft einer souveränen Nation abhängen – und nicht von ihrer Rückzahlungsfähigkeit – impliziert, das ein Staatsbankrott etwas ganz anderes ist als eine Unternehmenspleite. Bei Unternehmenspleiten oder Privatinsolvenzen haben Gläubiger klar definierte Rechte, die ihnen typischerweise ermöglichen, auf einen Großteil der Vermögenswerte des Schuldners zuzugreifen und sich ein Pfandrecht auf seine zukünftigen Einnahmen zu sichern. Bei Staatsbankrotten stehen den Gläubigern theoretisch zwar die gleichen Rechte zu, aber in der Praxis ist die Durchsetzung ihrer Ansprüche kaum möglich.“

Literatur

Niall Ferguson: Cash Nexus: Money and Politics in Modern History 1700-2000, London 2002.

Carmen M Reinhard, Kenneth S. Rogoff: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkirsen, München 2010.

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