08. Mai 2010

Folge Dir selbst Nietzsche und der Liberalismus

Ein Vortrag von Prof. Dr. Gerd Habermann in Göttingen

Nachdem im Februar der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler in der Universitätsstadt Göttingen zu Gast war und zum damals aktuellen, heute hochbrisanten Thema Staatsverschuldung vortrug, fand sich im April Gerd Habermann ein, um dem zarten Pflänzchen Liberalismus mit einem Vortrag zu weiterem gedeihlichen Wachstum zu verhelfen. Eingeladen von den Freiheitsfreunden Göttingen und den städtischen Jungliberalen hatte der Potsdamer Professor und Redaktionsbeirat von eigentümlich frei neue Erkenntnisse über das Verhältnis Nietzsches zum Liberalismus im Gepäck.

Nietzsche, so der Redner, verstand sich als ein Anti-Etatist. Als solcher sei er Gegner von Kollektivismus und Sozialismus, linkem wie rechtem, gewesen. Und schon deswegen müsse die alte Mär von Nietzsche als einem Wegbereiter des Nationalsozialismus fallen. Für seine Vereinnahmung durch Nationalsozialisten könne angesichts dessen vehementen Anti-Nationalismus und seines Anti-Antisemitismus kein Raum verbleiben. Nietzsches scharfe Gegnerschaft zu jeglichem Egalitarismus stütze eher die Grundgedanken der liberalen Idee. Denn Nietzsche sei ein Gegner des Massenmenschen, des Staatssklaven, des von der Obrigkeit versorgten Menschen gewesen. Nietzsches Übermensch sei kein „Herrenmensch“, sondern stünde in der konfuzianischen Tradition des höheren Menschen, eines Menschen der nicht zur Bequemlichkeit erzogen ist, sondern sich selbst folgend, das inkonsequente Leben verschmähend eine Persönlichkeit ausbildet. Nietzsche, philosophiert Habermann, beantworte die bedeutende Frage, wie der Liberale die von ihm so angestrengt angestrebte Freiheit gebrauchen könne.

Das Tun des Menschen solle nach Nietzsche nicht aus Pflicht geboren sein, sondern ein Ergebnis seines eigenen Wollens und Wünschens, die Folge von Liebe oder Begeisterung für eine Sache, das Resultat von Überzeugung oder Dankbarkeit. In seinem Tun konkurriere der Mensch mit anderen Menschen, das Beste werde dann aus ihm hervorgetrieben. Dadurch schwinge sich Nietzsche besonders für Unternehmer zu einem Philosophen von Wert auf. Parallelen zu Ayn Rand drängten sich auf, so Habermann, der auch Leiter des Unternehmerinstituts der Familienunternehmer ist. Durch die Fokussierung auf das Tun des Menschen werde für Nietzsche der Erfolg des Individuums zum Ziel der Weltgeschichte. Nietzsche erkenne weiterhin, dass hinter jeder Idee egoistische Interessen stünden. Selbst die Idee des Altruismus sei bei Lichte besehen Ausfluss eines egoistischen Interesses.

Nietzsche, der den Massenmenschen verachtete, könne als Gegner der Hordenethik gelesen werden. Aufs Heute gewendet folge die Ablehnung von Sozialzwangsversicherungen, aber auch die harte Kritik am demokratischen und parlamentarischen Gedanken. Der Mensch solle im besten Falle zu einem aristokratischen Individuum erwachsen, er solle nicht Teil einer Maschine, kein Zahnrad im Getriebe des modernen Staats sein. Für Nietzsche beginne der Mensch dort, wo der Staat aufhöre. Analog sei Nietzsches Position zur Kirche. Er wendete sich nicht gegen die Religion als solche, sondern gegen das organisierte Christentum, gegen die Kirche als Institution.

Nietzsche bringe alle Anlagen mit sich, ein natürlicher Verbündeter des Liberalismus werden zu können. Wegen seiner Ablehnung des Utilitarismus habe er auch durchaus Potential für den libertären Anarchismus Rothbardscher Prägung. Wermutstropfen seien allein seine Polemiken gegen die Geldwirtschaft. Er verachtete Krämer und Schacherer, bevorzugte Händel vor Händlern, sprach sich gegen die Arbeitsteilung aus.

Den Wert einer Fruchtbarmachung des Nietzscheschen Werks für zeitgenössische Liberale konnte der Referent vielleicht am besten mit dem Hinweis verdeutlichen, dass in Nietzsches Augen Sklave ist, wer weniger als zwei Drittel der zur Verfügung stehenden Zeit für sich verwenden könne. Mit einer staatlichen Abgabenquote von rund 50 Prozent ist diese Gesellschaft sicher nicht die freieste aller auf deutschem Boden gewesenen Gesellschaften. Was Nietzsche über diesen Staat und diese Gesellschaft sagen würde, davon konnte man sich nach dem Vortrag von Professor Habermann in Göttingen ein neues, anderes Bild machen.

Internet

Die Freiheitsfreunde sind ein Netzwerk von Libertären, die vor Ort in Deutschland, Österreich und der Schweiz regelmäßige Treffen und Veranstaltungen organisieren, bei denen sich Libertäre kennenlernen und austauschen können, um gemeinsam der Freiheit mehr Raum zu verschaffen. Weitere Informationen zu den regionalen Veranstaltungen finden sich unter: www.freiheitsfreunde.net

Mehr Informationen zu Gerd Habermann finden sich auf seiner Homepage.


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