Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Real existierender Sozialismus alt und neu: Eine kleine Zeitreise mit der „Berliner Zeitung“

von Ronald Gläser

Leider keine Satire

Wenn wir früher in die Ostzone gefahren sind, dann mussten wir an der Grenze Westmark in Ostmark umtauschen. Meine Eltern nannten den Zwangsumtausch in Mark der DDR „das Eintrittsgeld“. Es gab ja keine echte Gegenleistung, weil das Geld nichts wert war. Niemals hätten wir freiwillig so viele D-Mark in so viel Ostgeld umgetauscht. Zu einem solch miesen Kurs (1:1). Der reale Kurs war eher 1:10. Aber ohne den Zwangsumtausch hätten die Grenzer uns nicht durchgelassen.

Mit dem Geld konnten wir nicht viel anfangen. Die DDR-Gastronomie war so eintönig wie das ganze andere Warenangebot auch. So blieb immer was von dem Geld übrig, wenn wir wieder ausreisten. Wir durften das „Spielgeld“ (ein anderes Synonym meiner Eltern) aber nicht mit nach Hause nehmen. Es musste ausgegeben werden. Höchstens in klassische Literatur konnte es investiert werden. So konnte der Verlust gering gehalten werden. Meistens haben wir das Geld an Angehörige verschenkt.

Das sind Kindheitserinnerungen an den Sozialismus. Und vielleicht bald wieder Realität. Nur, dass wir auch im Westen beim nächsten Mal diejenigen sind, deren Geld nichts wert ist.

Gestern las ich einen Kommentar in der „Berliner Zeitung“, jenem ehemaligen SED-Bezirksblatt, das gerade seinen 65. Geburtstag feiern konnte. Das Rentnerblatt kommt zu dem Schluss, dass wir wieder feste Wechselkurse zwischen den Währungen benötigen. Unter der Überschrift „Flexible Wechselkurse sind inakzeptabel“ heißt es dort: „Warum akzeptiert die Gesellschaft überhaupt flexible Wechselkurse? Warum lässt man Panikattacken verunsicherter Investoren zu? Warum bürdet man Firmen hohe Absicherungskosten auf? Weil Banken daran verdienen. Sie leben vom Umsatz, von Geschichten, die die Kurse treiben. Höchste Zeit, die Mutter aller Spekulationen durch feste Kurszielzonen zu ersticken.“

Wenn wir die Kurse für Währungen festlegen, warum legen wir dann nicht auch gleich die Preise für Salami, Rinderrouladen, Kochtöpfe, Mineralwasser und Gummibärchen fest? Wer hat denn was von den schwankenden Preisen? Der böse Handel, der die Konsumenten über den Tisch zieht und mit Rabattschlachten und Schnäppchenpreisen anlockt, oder?

Aber lassen wir mal den Zynismus beiseite. Momentan ist den Herrschenden das, was die „Berliner Zeitung“ fordert, tatsächlich zuzutrauen. Auf einen Schlag hat Berlin Leerverkäufe auf Aktien und Staatsanleihen verboten. Wahrscheinlich werden jetzt auch alle möglichen Derivate wie Put-Optionen verboten, wenn sie es noch nicht sind. Die Finanztransaktionssteuer kommt. Warum nicht auch den freien Handel der Währung verbieten?

Als nächstes kommt das Verbot, fremde Devisen zu besitzen. Kennen wir aus dem Ostblock. Kennt auch die „Berliner Zeitung“ sehr gut. Bis 1974 war der Besitz von Devisen verboten, und danach gab es auch keinen freien Handel. Geldhändler warteten an Bahnhöfen oder sprachen gezielt westliche Touristen an, ob sie nicht zu dem und dem Kurs tauschen wollen. Ja, genau: Sie arbeiteten so wie heute die Drogendealer am Bahnhof Zoo.

Kombiniert mit einem neuen Verbot, Gold zu besitzen (wie unter Roosevelt, Stalin und Hitler), mit der Transferunion und der europäischen Wirtschafsregierung hätten wir dann in Euro-Land eine menschenfeindliche Planwirtschaft, vor der es Reißaus zu nehmen gilt. Nur – wohin sollen wir heute fliehen?

20. Mai 2010

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