Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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Kurzkommentar – Westerwelle: Ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter

von Robert Grözinger

Höchste Zeit, eine Schutzhütte aufzusuchen

Gestern Abend habe ich mir den Fernsehbericht auf „Spiegel-Online“ über die gestrige Bundestagsdebatte angesehen. Die Debatte, wo die Bundeskanzlerin sagt, sie sei „baff“. Genauso ratlos war offenbar auch der Oppositionsführer, denn er konnte auch nichts Substantielles beisteuern, jedenfalls wurde nichts davon im Bericht ersichtlich – und bisherige Erfahrung mit der Bundespolitik legt nahe, dass vom Medium nichts übergangen oder verschwiegen wurde. Mangels guter Ideen, was angesichts der Megakrise des Euro zu tun sei, witzelte Frank-Walter Steinmeier statt dessen über die farbliche Übereinstimmung in der Kleidung von Kanzlerin und Vizekanzler. Wenn die gesprochenen Botschaften inhaltslos werden, achtet man als Gesprächspartner oder Zuschauer automatisch mehr auf die unausgesprochenen. Die wichtigste Nachricht in diesem knapp zweieinhalbminütigen Video war demnach folgende: Nach dem Scherz Steinmeiers lachte die rheinische Frohnatur Westerwelle – nicht.

Der Bundesvorsitzende der FDP ist sonst als ein Mensch bekannt, der den Optimismus auf Dauer gepachtet hat und oft und gerne lacht. Doch diesmal war auf dem ungewohnt blassen Gesicht noch nichtmal ein Hauch eines ansonsten ziemlich breiten Lächelns zu sehen. Wenn wir die Möglichkeit einer Erkrankung beiseite lassen, dann können wir vermuten, dass der Außenminister des EU-Bundesstaates Deutschland vielleicht allmählich zu begreifen beginnt, in welche Lage er sich und seine Partei manövrierte, als er allzu bereitwillig mit jenen koalierte, die er selber einst „schwarzlackierte Sozialdemokraten“ nannte, deren Vorsitzende eine Politik betreibt, die direkt aus der Staatsbedienungsanleitung ihrer ehemaligen Organisation, der FDJ, stammen könnte. Die Steuersenkung auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben, der Kniefall vor den Brüsseler Bankrotteuren, die unbeholfenen staatlichen Eingriffe in den Wertpapierhandel und die absehbare Entwertung des Euro reichten offenbar aus, die Mundwinkel des erfolgsverwöhnten Politikers deutlich und dauerhaft nach unten zu ziehen.

Vielleicht dämmert es dem – zumindest nominell – Liberalen jetzt, dass die Ökonomen, die vor Jahr und Tag vor der Einführung des Euro warnten Recht hatten mir ihren Vorhersagen, dass eine gemeinschaftliche Papierwährung ohne gemeinschaftliche Finanzpolitik mit echten Sanktionsmöglichkeiten nicht funktionieren werde, dass beim ersten großen Test entweder eine totalitäre Machtübernahme in der EU-Zentrale oder das totale Chaos, beziehungsweise beides gleichzeitig drohe, dass schließlich der Wert einer reinen Papiergeldwährung immer bei Null ankommt und der Euro keine Ausnahme darstellen werde.

Wie auch immer: Wer Westerwelles Gesicht als Barometer für die polit-ökonomische Großwetterlage auffassen will, sollte sicherstellen, dass Wohnung und Kleidung wetterfest sind – oder eine Schutzhütte aufsuchen.

Internet:

Spiegel-Online: Bericht aus dem Bundestag vom 19.05.2010

20. Mai 2010

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