23. Mai 2010

„Homophobie“ als Paranoia der Linken Das Christentum ist an allem schuld

Halluzinationen der „taz“

Am 21. Mai titelt die „taz“ mit einer in der Tat beschämenden Meldung: In Malawi wurde am Vortag ein schwules Paar gerichtlich verurteilt. „Weil sich Tiwonge Chimbalanga und Steven Monjeza lieben, erwartet sie 14 Jahre Haft mit Zwangsarbeit. Das Urteil zeigt die öffentliche Stimmung in dem christlich missionierten Land.“ Die beiden jungen Männer hatten an Weihnachten letzten Jahres eine Art kirchlicher Verlobung zelebriert. Für die „taz“ ist bei diesem Aufmacher alles klar: Daran sind die Europäer schuld (die meisten Gesetze gegen Homosexualität in afrikanischen Ländern stammen in der Tat noch aus der Kolonialzeit; vorher gab es allerdings keine geschriebenen Gesetze) und selbstverständlich das Christentum.

Die schiere Dummheit einer solchen Argumentation kann einen schon perplex machen. Natürlich ist die Homosexualität nicht vom „weißen Mann“ nach Afrika gebracht worden, es gab sie schon in der präkolonialen Zeit. Das heißt aber keineswegs, dass Homosexualität in den präkolonialen Gesellschaften Afrikas, und hier ist in erster Linie an Schwarzafrika gedacht, eine allgemein akzeptierte Praxis war. Die Vorstellung vom „liberalen“ Umgang mit einer „freien“ Sexualität bei vorkolonialen Völkern entspringt der Legende vom „edlen Wilden“ und ist selber mehr als problematisch. Grundlegende Werke wie Neville Hoads Buch „African Intimacies: Race, Homosexuality, and Globalization” weisen auf die außerordentliche Vielfalt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Homosexualität in Afrika vor dem Eintreffen der Europäer hin. Es gab also Toleranz ebenso wie Unterdrückung und Verfolgung. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema müssen aber konstatieren, dass aufgrund fehlender schriftlicher Zeugnisse den Aussagen hier Grenzen gesetzt sind.

Die „taz“ hält sich mit solchen Differenzierungen gar nicht erst auf. In einem „Schwerpunkt“ auf der dritten Seite wird die christliche Missionierung grundsätzlich als einzige Ursache der „Homophobie“ in Afrika gegeißelt. Verschämt – damit die Sache nicht zu einseitig wird – ist in einem Kasten auf einige andere Länder hingewiesen, die „no-gay areas“ seien. Überrascht findet man Polen, in dem Schwule und Lesben dem Gesetz nach Heterosexuellen gleichgestellt, aber Verbote von Schwulendemos bekannt geworden sind, an den Pranger gestellt neben dem Iran, Jamaika, dem Sudan und Saudi-Arabien, also Ländern, in denen regelmäßig Leib und Leben von Homosexuellen nicht nur bedroht sind, sondern tatsächlich Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Ausrichtung getötet wurden und werden. Bei der Begründung für diese Erwähnung Polens ist man nicht mehr überrascht: Das katholische Christentum ist schuld.

Es ist immer schlecht, Unrecht gegen Unrecht aufzuwiegen. Natürlich hat die „taz“ recht, auf die schreiende Ungerechtigkeit eines solchen Urteils wie in Malawi hinzuweisen und selbstverständlich muss dagegen protestiert werden, damit die beiden Männer frei kommen. Aber der geradezu monomanischen, fast schon pathologischen Fixierung auf das Christentum als der Wurzel allen Übels muss doch widersprochen werden. Zunächst ist Afrika zu einem Großteil islamisch geprägt, natürlich besonders der Norden, aber eben auch große Teile Schwarzafrikas. Wie sieht die Situation der Homosexuellen in diesem Bereich Afrikas aus? In Ägypten ist Homosexualität zwar kein Strafdelikt, aber trotzdem werden Homosexuelle immer wieder vor Gericht gestellt, wobei die Anklage auf „obszönes Verhalten“ und „Missachtung der Religion“ lautet: Man sei entweder Moslem oder homosexuell. In Mauretanien, dem nördlichen Teil Nigerias und dem Sudan besteht die Todesstrafe. In allen anderen islamischen Ländern müssen Homosexuelle in ständiger Angst und ihre Beziehungen im Verborgenen leben. Dass in diesen Staaten auch die Christen wegen ihres Christentums verfolgt werden, wie zum Beispiel eine Untersuchung von Thomas Schirrmacher zeigt („Christenverfolgung heute: Die vergessenen Märtyrer“), ist der „taz“ herzlich egal, ist doch das Christentum selbst an allem schuld.

Die entsprechende Aufmachung eines dem malawischen Paar ähnlichen Falls in einem islamischen Land Afrikas kann man sich in der linken „taz“ einfach nicht vorstellen. Der Grund dafür ist einfach. Die Kombination von „gay pride“ und „church bashing“ verkauft sich momentan sehr gut, dagegen bekäme der „taz“ eine Kombination von „gay pride“ und „islam bashing“ schlecht. Die Dauerattacke gegen die Kirchen und das Christentum ist seit Marx und Feuerbach gute atheistische Tradition und außerdem heute ein billiger, weil vollkommen risikoloser linker Reflex. Sie ist aber auch mittlerweile wirklich intellektuell verbraucht und eigentlich langweilig. Es ist eine linke Paranoia, die gähnen macht. Wirklich interessant ist höchstens, warum die atheistische Linke den Islam schont: Sie sieht neuerdings Schnittmengen mit ihm. Der Islam wird von ihr zum Sprachrohr der Armen und Unterdrückten stilisiert, als ein Opfer des westlichen Imperialismus und neoliberaler Globalisierung dargestellt. Ob man die Linke aber angesichts einer so merkwürdigen Allianz, die zudem recht einseitig ist, noch ernst nehmen kann? Schlägt sie auf der einen Seite auf einen Gegner ein, der eigentlich keiner mehr ist, so sucht sie auf der anderen einen Verbündeten, der überhaupt keinen abgibt. Halluziniert die Linke schon?


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