03. Juni 2010

Nach drei Währungsreformen Die Wahrheit über die Inflation

Geiz und Armut der Euro-Gläubiger

Der Verleger Gerd Zimmermann hat es am eigenen Leib erlebt. Der Kölner Unternehmer ist ein Euro-Opfer. „Der Euro hat mir das Geschäft verhagelt“, ist er sich ganz sicher. Zimmermann hat für die Kunden seines Hauses bis 2002 in unregelmäßigen Abständen Kongresse veranstaltet. An solchen Zusammenkünften nahmen manchmal mehrere Hundert Personen teil.

Die Kosten für eine Teilnahme an einem einwöchigen Kongress lagen in den 90er Jahren im vierstelligen D-Mark-Bereich. Nach der Euro-Einführung stieg der Preis – wenn überhaupt – nur geringfügig. Und dennoch ging die Zahl der Teilnehmer drastisch zurück. „Vom einen Moment auf den anderen kaum noch dreißig Anmeldungen“, klagt Zimmermann, der seitdem keinen Kongress mehr durchführen konnte. Die potentiellen Teilnehmer verfügten plötzlich nicht mehr über dieselben Mittel wie vorher und sparten sich die Teilnahme an solchen Veranstaltungen, die als nicht lebensnotwendig angesehen werden.

Drei Währungsreformen haben die Deutschen in den letzten zwei Jahrzehnten hinter sich gebracht: Am 1 Juli 1990 wurde die Währungsunion DDR vollzogen, die D-Mark galt jetzt auch in der DDR. 1999 wurde der Euro als Buchgeld eingeführt, ab 1. Januar 2002 ersetzte er die D-Mark. Und auch der 9. Mai 2010 war so etwas wie eine weitere Währungsreform: Der „stabile“ Euro wurde durch einen kalten Putsch zu einer Weichwährung umgewandelt, die uns hohe Inflationsraten und wenig Verlässlichkeit bringen wird.

Nur drei Prozent Inflation pro Jahr – und nach 25 Jahren ist ein bestimmter Geldbetrag nur noch die Hälfte wert. Deswegen macht sich jeder, der etwas zurückgelegt hat oder zurücklegen will, Sorgen über hohe Preissteigerungsraten. Bei anhaltend hoher Inflation legen die Menschen deswegen nichts mehr zurück oder suchen nach Alternativen wie Gold. Auch Kapitalflucht ist eine logische Folge. Das bedeutet in jedem Fall, dass weniger im Inland investiert wird.

Deswegen bemühen sich die Politiker, den Bürgern Sand in die Augen zu streuen. Sie lügen sie an, was die wahre Inflation betrifft. Nie wurde das so deutlich wie bei der Euro-Einführung. Die deutschen Politiker haben sich damals über den Tisch ziehen lassen. Der Umtauschkurs D-Mark zu Euro (1,95583:1) war unfair. Wir alle hatten plötzlich „weniger Geld in der Tasche“. Jeder weiß, dass es so war – egal, wie viele regierungsamtliche Statistiken das Gegenteil behaupten. Die offizielle Preissteigerungsrate lag trotzdem 2002 bei nur lachhaften 1,5 Prozent.

Der Euro ist ein Teuro. Was ist dran an dieser Annahme? Ist das nicht nur populistisches Stammtisch-Gequatsche? Lässt es sich beweisen, dass die Lebenshaltungskosten in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten stärker gestiegen sind als offiziell zugegeben?
Die Inflationsraten werden ermittelt von staatlichen Behörden, denen wir weniger Glauben schenken dürfen als unserem gesunden Menschenverstand. Die Ämter arbeiten mit einem lebensfremden Warenkorb, der zudem ständig geändert wird. Schwer nachzuvollziehen, wie die Zahlen ermittelt werden. Tatsache ist, dass die offizielle Inflation in Deutschland von 1990 bis 2010 51 Prozent betragen hat. Die Durchschnittspreise sind also um die Hälfte gestiegen!

Das ist nicht wenig. Der Preisanstieg geht in erster Linie auf die starke Inflation nach der Währungsunion von 1990 zurück. Allein 1992 lag die Inflation bei 5,1 Prozent. Seit der Euro-Einführung jedoch angeblich fast immer unter zwei Prozent.

Wie glaubwürdig sind diese Zahlen? Ein Blick in eine alte Tageszeitung gibt Auskunft. Vergleichen wir die alten D-Mark-Preise bei Edeka, der größten deutschen Einzelhandelskette, aus dem Mai 1990 mit den Preisen vom Mai 2010. Sofern das möglich ist. Einige Marken sind natürlich inzwischen aus dem Supermarktsortiment verschwunden oder gar nicht mehr existent.

Das Ergebnis einer Stichproben bestätigt Zweifler: Die Preise aller vergleichbaren Produkte im Edeka-Sortiment sind viel stärker gestiegen als die offizielle Inflationsrate. Sie lagen 2010 im Schnitt 76 Prozent über denen von 1990. Von 18 untersuchten Produkten hatten 11 einen höheren Anstieg als die 51 Prozent (offizielle) Inflation, sieben lagen darunter.

Die Ausreißer nach oben waren Dosen-Pfirsiche (plus 194 Prozent) und Kohlrabi (plus 162 Prozent). Eine Tafel Sarotti-Schokolade, Wiener Würstchen und deutscher Gouda kosten in Euro genau so viel wie damals in D-Mark (entspricht einem Plus von 96 Prozent). Die niedrigste Preissteigerungsrate wiesen Golden Toast (plus sieben Prozent), Toffifee (plus 19 Prozent) und Schwartau Dessertsoße (plus 30 Prozent) aus.

Nun setzen sich Lebenshaltungskosten nicht nur aus Lebensmitteln von Edeka zusammen. Die Kosten für Nahrungsmittel bilden jedoch den wichtigsten Posten. Sie fließen mit etwa zehn Prozent in die Inflationsstatistik mit ein. Wir müssen außerdem bedenken, dass obendrein die Lebensmittelpreise angeblich in Deutschland besonders unter Druck stehen und zuweilen sogar sinken. Das sagen Statistiker, Darüber klagt der Handel bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Wie wir gesehen haben, sinken die Lebensmittelpreise aber nicht, jedenfalls nicht die bei Edeka, wo halb Deutschland einkauft.

Dazu kommen gestiegene Preise für Treibstoff, Handwerksleistungen oder Kinokarten. Natürlich gibt es auch Produkte wie Hightech-Geräte (CD-Player, Spielkonsolen, Digitalkameras), die viel günstiger geworden sind. Es fällt schwer zu glauben, dass das die Preissteigerungen in Zaum gehalten haben könnte. Es wäre an der Zeit für ein wissenschaftliches Gutachten über die wahre Inflationsraten seit 1990 und seit der Euro-Einführung.

Die hier verwendete Datenbasis ist natürlich dünn. Trotzdem spricht einiges dafür, dass eine eingehende Untersuchung der echten Inflationsraten die Hypothese der höheren Inflationsrate stützen würde. Auch das Einkaufsverhalten und das Stimmungsklima in Deutschland haben sich 2002/03, genau zur Euro-Einführung, massiv gewandelt. Plötzlich gab es wie aus dem Nichts diese Geiz-ist-geil-Welle, die erst jetzt langsam wieder abklingt. Das hat damit zu tun, dass sich die Verbraucher plötzlich weniger für ihr Geld kaufen konnten als vorher.

Wenn die Preissteigerungsraten so weiterlaufen wie bisher, dann kosten 100 Gramm Wiener Würstchen 2030 zwei Euro und eine Tafel Schokolade ebenfalls. Denkbar ist auch ein Preis von zehn Euro, wenn jetzt eintritt, was Währungsexperten befürchten: eine Hyperinflation, weil Geld einfach gedruckt wird. Das Nachsehen haben in erster Linie Sparer und Rentner – langfristig aber die gesamte Volkswirtschaft.


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