André F. Lichtschlag

Jg. 1968, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "eigentümlich frei", Verleger (ef und Lichtschlag Buchverlag).

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Innerer Reichsparteitag der Qualitätsmedien: Und täglich grüßt der „Nazi-Skandal“

von André F. Lichtschlag

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein versuchte es in der Pause des gestrigen Fußball-WM-Spiels der deutschen Mannschaft gegen Australien über Kloses Tor zum 2:0 mit einer weit verbreiteten Redewendung: „Das ist für Miro Klose doch ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.“

Das war schlimmer als Autobahnfahren mit Führerschein und folglich Grund genug für den üblichen Aufschrei der Qualitätsmedien im Land: „Sprachlicher Aussetzer“, wertet der „Stern“ und erklärt: „Reichsparteitage beziehen sich auf die Veranstaltungen, bei denen Adolf Hitlers NSDAP besonders ab 1933 ihre verhängnisvolle, menschenverachtende Propaganda im großen Stil ausbreitete.“ Men-Schen-Ver-Ach-Tend! Eine „rhetorischen Geschmacklosigkeit“ sei es von Frau Müller-Hohenstein gewesen, pflichtet auch die „Welt“ bei: „Demnächst spielen die Gegner noch bis zur Vergasung bei Bombenwetter“ – zitiert Springers Vorzeigezeitung unfreiwillig einen anregenden Lacher, der als aufgeregter Warnhinweis der Marke „Wehret den Anfängen“ gedacht ist. „Müller-Hohensteins Entgleisung“ erinnere schließlich an den Fall Eva Herman. Ach!

Auch der Nachrichtensender n-tv ist zutiefst besorgt über eine ja schließlich auch „besorgniserregende Tendenz zur Verharmlosung der Naziherrschaft“ in Müller-Hohensteins Pausentee. Die „studierte Theaterwissenschaftlerin sollte“ – wie selbstredend jeder Deutsche – „wissen, dass es sich bei Reichsparteitagen um Propagandainszenierungen handelte, welche die Deutschen und das Ausland auf Mord, Totschlag und Raubkrieg vorbereiten halfen.“ Mord-Tot-Schlag-Raub-Krieg! Und, man kann es nicht oft genug und ganz gelassen wie im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen betonen: „Die Aufmärsche, für die die Nazis Nürnbergs Luitpoldhain in einen Aufmarschplatz für hysterische Anhänger der NSDAP verwandelten, stehen für blinden Fanatismus und hirnlose Hetze“ – jedenfalls im stillen Gegensatz zu den hirnhochintensiven Informationen der dezent-deutschen Qualitätsmedien heute. Im Umgang von Frau Müller-Hohenstein mit „diesem Wortungetüm“ zeige sich deshalb eine ganz schön „unbewusste Gedanken- und Geschichtslosigkeit“.

Die „Westfälischen Nachrichten“ stehen wie eh und je stramm, wenn in Berlin eine Sau durchs Deutschdorf gejagt wird, und rufen aus der Provinz sich und der ganzen Welt zu: „Ist Katrin Müller-Hohenstein noch tragbar?“

Auch beim ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz schlug das Nazometer weit aus. Er reagierte deshalb schnell und sprach: „Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Selbst die Bundesregierung ist ernsthaft alarmiert.

Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans betont allerdings, dass sich das ZDF noch ohne Kerners Aufforderung „immerhin bereits entschuldigt“ habe. „Dementsprechend sind wir mit der Reaktion des ZDF zum jetzigen Zeitpunkt zufrieden.“ Zur weiteren Bewertung des Vorfalls verwies er an die zuständigen Rundfunkgremien. Womöglich wird dort Wolfgang Wippermann beratend hinzugezogen.

Soweit, so altbekannt, seitdem selbst libertäre Freigeister über ihre Berliner Wannseekonferenzen erst heimlich lachen und dann laut Alarm schlagen. Neu ist am wiederkehrenden Ritual der Vorwand: Grund für die Aufregung, so die Presse, das ZDF und die hohe Politik beinahe wie gleichgeschaltet, seien nämlich „massive Proteste im Internet gegen die Äußerung der ZDF-Moderatorin“.

Diese aber sind tatsächlich im Vergleich zu der jetzt angelaufenen Lachlawine im Netz über den Empörungsblubb der Mainswamp-Journalisten leise bis kaum wahrnehmbar. Womöglich hören die Damen und Herren Qualitätsjournalisten bereits Gespenster, führen Selbstgespräche oder sehen gar weiße, pardon: braune, Mäuse in ihrem Verfolgungswahn im passiven wie aktiven Wortsinne.

Fazit: Während derlei propagandistische Luftnummern wie einst nach Stalingrad dem inzwischen nur noch ungläubig zuhörenden Volk immer abwegiger vorkommen, feiern die Qualitätsjournalisten mit jedem neuen „Nazi-Skandal“ einen weiteren inneren Reichsparteitag.

14. Juni 2010

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