Lion Edler

Lion Edler, Jahrgang 1987, studiert in Berlin und arbeitet nebenher als freier Journalist.

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Reichparteitag, die Zweite: Lagebericht über den Tabellenführer

von Lion Edler

Unfassbar, klagt der Geschichtslehrer in der „taz“

14. Juni 2010

Donnerwetter, was ist denn in Katrin Müller-Hohenstein gefahren? Die ZDF-Fußballmoderatorin konnte sich vor Freude über das Tor von Miroslav Klose beim WM-Vorrundenspiel Deutschlands gegen Australien kaum noch halten. Für Klose müsse das doch „ein innerer Reichsparteitag sein“, so die Fernsehfrau. Zum Glück gibt es noch wachsame Antifa-Journalisten, die sich dieser unerträglichen geistigen Brandstiftung entgegenstellen und sie vor den medialen Volksgerichtshof zerren. Die „Welt“ empört sich über die „Entgleisung“, n-tv beklagt einen „Vergleich des Gefühlslebens des zugegebenermaßen zuletzt dauerhaft glücklosen Kloses mit den Propagandaveranstaltungen Adolf Hitlers“. Beim „Tagesspiegel“ schien Autor Andreas Bock sich einem cholerischen Anfall zu nähern. Auszüge: „Da waren wir auf einmal zu sehr wieder wer“, „kurze Geschichtsstunde“, „heute dient die Redewendung allenfalls noch als Standardvokabular an der Thor-Steinar-Ladentheke oder in Kneipen mit Namen wie ‚Zum goldenen Adler’ oder ‚Das eiserne Kreuz’.“ „Immerhin reagierte hernach endlich auch der Sender“. In der Tat: ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz kniete vor den heldenhaften Antifaschisten nieder und versprach: „Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Und dennoch ist es erstaunlich, dass Müller-Hohenstein noch nicht mit dem Hubschrauber nach Karlsruhe abtransportiert wurde und der Generalbundesanwalt noch nicht Alarm geschlagen hat, auch „taz“ und ver.di blieben verdächtig entspannt. Ist es schon wieder so weit in Deutschland?

Mehr noch, die „taz“ macht sich mit einem satirischen Beitrag über die Empörungsrituale lustig und provoziert damit über 200 Online-Kommentare. „Unfassbar. Als Geschichtslehrer versuche ich den Jugendlichen die abscheulichen Schrecken des Zweiten Weltkrieges aufzuzeigen und diese blöde Nuss relativiert das Nazi-Regime“, schreibt etwa der User Kelta. Bei solchen Geschichtslehrern hätte Müller-Hohenstein jedenfalls blitzschnell in der Ecke stehen müssen.

Umso erschreckender, dass auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, Müller-Hohenstein nicht rundweg zum Abschuss freigeben wollte. Es sei zwar absolut richtig und nötig, dass ihre Äußerungen problematisiert und kritisch hinterfragt würden. Dennoch rate er ,,von Hysterie und übertriebener Aufgeregtheit ab.“ Auch Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans sagte, das ZDF habe durch das Gespräch mit Müller-Hohenstein bereits Konsequenzen gezogen. Wie beruhigend, dass sich der Vize-Regierungssprecher für eine solche Stellungnahme Zeit nimmt, sonst hat man ja auch keine Probleme. Zumal Müller-Hohenstein beim Blick auf die Tabelle der Gruppe D Deutschland als „Tabellenführer“ bezeichnete anstatt korrekt „Tabellenerster“ oder „Tabellenleiter“ zu sagen. Zum Glück sprach sie hierbei nicht vom ,,Platz an der Sonne“, sonst hätte Oliver Kahn wohl wirklich noch den Kerner machen müssen. Doch Kahn, auch so ein harter Deutscher, überging einfach die Reichsparteitags-Äußerungen der braunhaarigen Fernsehfrau, die auch schonmal bedenkenlos ein Praktikum beim „Radio Starlet Nürnberg“ absolvierte, und die einen Hund ihr Eigen nennt!

Doch wenn schon Klose einen ,,inneren Reichsparteitag“ erlebt haben soll, was soll denn erst Thomas Müller sagen? Mit seinem blitzschnellen Pass an Kamerad Podolski eröffnete er Letzterem ungeahnt riesige Lebensräume im Osten des Spielfelds. Als der den Ball dann zur 1:0-Führung für die deutsche Reichself versenkte, kannte der Jubel an der Fanmeilen-Heimatfront bereits keine Grenzen mehr. 1871, 14, 41, 2010, ja so stimmen wir Alle ein...

Und was sagt Müller-Hohensteins Nazihund dazu? Der kann sich nicht äußern, weil er für die Zeit während der WM an ihre Eltern an die Westfront nach Frankreich verfrachtet wurde. Und das ist vielleicht auch gut so, schließlich hätte er sonst den ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz möglicherweise davon abgehalten, sich für Müller-Hohenstein zu entschuldigen. Denn wie sagte schon das Original Adolf Schicklgruber über seine Schäferhündin ,,Blondie“: „Sein Verstand ist größer als der der meisten Menschen.“ 

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