14. Juni 2010

Große Freiheit 2010 Erstes libertäres Jahrestreffen

Von der Vernetzung der Szene an einem Wochenende in Hamburg

Mit Blick auf den Hamburger Hafen fand am vergangenen Wochenende die Große Freiheit 01 statt. Man kann es vorwegnehmen: Das Ziel der Veranstalter, die versprengten und doch nicht mehr so selten wie einst zu findenden Libertären Deutschlands zu einem gemeinsamen Treffen zusammenzubringen, ist gut geglückt. Wohl noch niemals fanden sich in Deutschland 80 Personen an einem Ort ein, denen die Freiheit so sehr am Herzen lag. Mit Herzblut haben die Veranstalter das Treffen organisiert. Herzblut ist es auch, woran es in libertären Kreisen vielleicht zu häufig mangelt, wenn die Gedanken zu Taten werden sollen. Mit der Konferenz, die unter dem Motto „Freiheit leben“ stand, haben die Veranstalter erste Wegmarken gesetzt, anhand derer die Theorie den Weg in die Praxis finden kann.

Bedeutenden Anteil daran haben die vielen Referenten, deren Vorträge die Vielzahl der bestreitbaren Wege widerspiegeln. Wie unterschiedlich die möglichen Wege aussehen, konnte wohl kaum besser als durch die Hintereinanderreihung der ersten beiden Vorträge verdeutlich werden. Professor Rolf Puster empfahl, die libertäre Botschaft über ökonomische Aufklärung zu vermitteln. Sie sei attraktiv und schon ohne die Ankoppelung an konservative Werte überzeugungsmächtig genug, um weite Verbreitung finden zu können. Es folgte Patri Friedman, nach dessen Auffassung es nicht genug Menschen gebe, die der libertären Idee folgen könnten, als dass diese überhaupt mit Mehrheit umgesetzt werden könne. Mit parallelen, auf Seasteds als Start-Up gegründeten Gesellschaften könne aber Wettbewerbsdruck auf Staaten ausgeübt werden, um letztlich nicht nur für die Bewohner der Seasteds, sondern auch in traditionellen Staaten ein freieres Leben zu ermöglichen.

Robert Nef lotete den Weg für einen geordneten Rückzuges aus dem Wohlfahrtsstaat aus. Dieser habe sich nicht nur als bloßer Engpass, sondern als Sackgasse erwiesen. Im Anschluss warnte Stefan Blankertz, Urgestein der deutschen Szene, Wortmetz und Autor für eigentümlich frei, vor der Praxis selbst. Jedes planvolle freiheitliche Experiment berge die Gefahr unintendierter anti-liberaler Konsequenzen. Deswegen sei es wichtig, Wert und Bedeutung der Theorie nicht aus den Augen zu verlieren. Eva Ziessler rundete den Abend im Tagungsraum mit Blick auf die im Bau befindliche Elbphilharmonie mit ihrem Vortrag ab. Mit fröhlichem Schwung, der in krassem Kontrast zum einigermaßen bedrückenden Referatsinhalt stand, zeichnete sie die Verbindungslinien zwischen feudaler Leibeigenschaft und modernem Schuldenstaat nach.

Den Folgetag in anderen, nicht weniger ansprechenden Tagungsräumlichkeiten eröffnete Luis Goméz Fernandéz, der von dem wunderbaren Erfolg seines libertären Projektes in der spanischen Medienlandschaft berichtete. Roland Pimpl, Mitgründer und Autor für eigentümlich frei, folgte mit einem Abriss von Geschichte und Entwicklung des szeneprägenden Magazins inklusive der begleitenden Schwierigkeiten und der durch diese angestoßenen Änderungen an der Feinausrichtung des Kurses. Frank Schäffler, von den Anwesenden mit lautem Applaus bedacht für sein Abstimmverhalten bei den zerstörerischen Subventionspaketen für Griechenland und Euro, erläuterte seine Vorstellungen zum Thema guten Geldes und wie es in Deutschland einzuführen sei. Steffen Krug schloss sich an mit Ausführungen über den Nutzen der Erkenntnisse der Wiener Schule der Nationalökonomie für die Vermögensanlage. Die Praxis der sicheren Kommunikation beschäftigte den Cryptohippie Jonathan Logan. Datenschutz entspreche funktional Privateigentum. Anonymisierung und Verschlüsselung schütze vor dem Verlust der Privatsphäre. Abgeschlossen wurde die Vortragsreihe durch Oliver Janich, der aufzeigte, wie Propaganda den liberalen Staat verhindere.

Die durchweg anspruchsvollen Vorträge sind indes nicht allein, was die Große Freiheit 01 ausgemacht hat. Ein Meilenstein auf dem Weg in die Freiheit ist erfolgreiche Vernetzung der Szene. Die Große Freiheit 01 entfaltete besonders auf diesem Gebiet ihre nutzenstiftende Wirkung. Gerade die streitsüchtige und besserwisserische libertäre Gemeinde kann profitieren, wenn sie erfolgreich Ausgänge aus der virtuellen Welt findet und sich ihre Angehörigen Auge in Auge gegenüberstehen. Die Onlinewelt ist anonymisiert und pseudonymisiert. Sie ist deswegen enthemmt, teilweise sogar manierenfrei. Zwar ist sie zur Formung der Szene und ihrer Gedanken unerlässlich gewesen und wird das auch in Zukunft unbedingt bleiben, doch ist die Virtualität der Szene auch ein Garant für ihre anhaltende Zerstrittenheit. Diese Zerstrittenheit steht in einem merkwürdigen Widerspruch zu der Forderung nach ausschließlich freiwillig geformten sozialen Bindungen. Freiwillige soziale Bindungen setzen ein besonders hohes Maß an zivilisiertem Verhalten voraus, das virtuell nicht immer und nicht bei jedem nachweisbar ist. Man kann aber mit großer Wahrscheinlichkeit voraussagen, dass die Teilnehmer der Grossen Freiheit, die sich in Hamburg per Handschlag begrüßt oder abends im Elbwerk mit einem Bier angestoßen haben, sich gegenseitig anders respektieren werden als einen Avatar in einem Diskussionsforum oder ein Profilbild auf Facebook. Die Große Freiheit trägt somit entscheidend dazu bei, dass Libertäre ihren eigenen Ansprüchen besser genügen können.

Umso wichtiger ist es gewesen, dass das Jahrestreffen von so vielen verschiedenen Organisationen, die sich um die Entwicklung der Szene verdient gemacht haben, unterstützt wurde. Dem Dank an die Veranstalter und Unterstützer ist der Wunsch anzufügen, dass im nächsten Jahr noch mehr Leute teilnehmen werden. Wenn – was nicht einfach sein wird – das Niveau der Vorträge, die Qualität der Tagungsräumlichkeiten und die Schmackhaftigkeit der Verpflegung gehalten werden kann, dann könnte am vergangenen Wochenende ein guter Weg zur Freiheit gefunden worden sein, auf dem man gemeinsam zum Ziel oder doch wenigstens zur Großen Freiheit 02 finden kann.

Quelle

Große Freiheit 01


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