22. Juni 2010

Christian Wulff Lob des Mittelmaßes

Frank Schirrmachers Ansprüche an das „Wahlvolk“

Frank Schirrmacher hat in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 20. Juni ein tristes Plädoyer für den Kandidaten der Regierungsparteien, Christian Wulff, geschrieben. Er denunziert im Grunde den Wunsch großer Teile der deutschen Bevölkerung nach einem Kandidaten, der abseits der bundesrepublikanischen Nomenklatura in die Politik gekommen ist, mit dem Satz: "Nichts gegen den Helden Gauck, aber eine Öffentlichkeit, die sich mit solchen Kriterien abspeisen lässt, will nicht Politik, sondern Kunst, Film, Hollywood."

Zu den seiner Meinung nach falschen Kriterien zählt Frank Schirrmacher den Wunsch der Öffentlichkeit nach einem Leben des Kandidaten, das auch Brüche und Hindernisse gekannt hat. Letztlich trifft er sich hier mit einer Äußerung von Harald Schmidt, der kürzlich in der gleichen Zeitung witzelte, ob Pofalla sich etwa dafür entschuldigen solle, nicht in Stalingrad gewesen zu sein. Die Forderung nach Politikern mit einem ungewöhnlichen Leben sei "Geblubber".

Frank Schirrmacher beendet seinen Artikel mit der Schlussfolgerung: "Ein verdammt gutes Wahlvolk wäre eines, das aufhören würde, von Politikern zu verlangen, dass sie sind, was wir nicht sind." Andere haben dasselbe schon deutlicher ausgedrückt. Im Rahmen diverser Bestechungsskandale (Flick, Bimbes et cetera) haben Kommentatoren gerne darauf verwiesen, dass der deutsche Normalbürger ja auch bestechlich sei, und demnach sei es doch geradezu wünschenswert und in hohem Maße demokratisch, wenn die Volksvertreter gewissermaßen der getreue Spiegel der Gesellschaft und also auch nicht besser seien.

Natürlich kann ein deutscher Politiker ab einem gewissen Geburtsdatum keine Vita mehr haben wie ein Willy Brandt. Aber die Argumentation Frank Schirrmachers hat doch etwas bedrückendes. Sicher können wir für die Ruhe und Normalität unseres bundesrepublikanischen Lebens dankbar sein. Doch wenn sich jemand für ein repräsentatives politisches Amt anbietet, in dem er keine Entscheidungen treffen muss, für die er sich in einer Laufbahn als Provinzpolitiker mehr oder weniger gut qualifiziert hat, wenn also ein Joachim Gauck sich anbietet, der in seinem Leben wirklich Mut und Integrität bewiesen hat, wobei weder Herr Schirrmacher noch ich wissen können, ob sie das auch geschafft hätten, dann ist es doch ziemlich trist, für die Mittelmäßigkeit, für den Durchschnitt, für den Normalo einzutreten, nur weil wir alle Normalos sind.

Frank Schirrmacher glaubt, es wäre verdammt gut, wenn alles richtig schön mittelmäßig wäre. Vielleicht hat er ja auf gewisse Weise recht – auf die Spannung von Not, Verfolgung und Krieg können wir verzichten. Weiter gesponnen, führt die Argumentation Schirrmachers aber zum Ausschluss jeder Sonderbegabung, von Genie gar nicht zu reden, weil "sie sind, was wir nicht sind." Auch Weise und Heilige sind selbstverständlich abzulehnen. Was für eine Welt. Das hat etwas von einer ziemlich unappetitlichen Gleichmacherei. Wenn das die besten Argumente der Konservativen für Christian Wulff sind, ist das mehr als mager.


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