25. Juni 2010

Politische Korrektheit Posse aus der Orchideenwüste

In Oxford siegt die Vernunft über den Genderwahn

Vor etwas mehr als einem Jahr wollte sich die ehrwürdige Oxford-Universität dem Zeitgeist öffnen und setzte einen entsprechend vorgefilterten Wettbewerb um eine der prestigeträchtigsten Stellen, die diese Universität zu vergeben hat, in Gang: die Professur für Poesie. Die Bewerber bildeten einen kuriosen Querschnitt der unter Gleichstellungsgesichtspunkten erforderlichen Ingredienzien. Es musste natürlich auf jeden Fall eine Frau dabei sein (Ruth Padel), dann selbstverständlich ein Schwarzer, Derek Walcott, schließlich ein Ausländer, in diesem Fall ein Inder, Arvind Krishna Mehrotra.

Als Ruth Padel gewählt war, überschlugen sich die Kommentatorinnen und auch Kommentatoren vor Freude über die erste Frau auf diesem Posten. Die Feministinnen schienen auf ganzer Linie gesiegt zu haben, da zeitgleich auch Carol Ann Duffy zur ersten Hofdichterin ernannt worden war. Ehrlicherweise muss aber gesagt werden, dass im Falle der Wahl Derek Walcotts (der als Dichter wohl kompetentesten Persönlichkeit unter den Bewerbern) eben der erste Schwarze auf dieser Stelle bejubelt worden wäre. Oder, beim Sieg von Arvind Mehrota, der erste Ausländer. Mit anderen Worten: Die Qualität der Kandidatin oder des Kandidaten spielte überhaupt keine Rolle. Es ging vor allem um den Erfolg eines Angehörigen einer tatsächlich oder angeblich benachteiligten Gruppe, deren Benachteiligung aufgrund einer Quote aufgehoben werden sollte. Kurz: es tobte der alltägliche Gleichstellungswahn.

Ruth Padel musste bereits nach einigen Tagen zurücktreten, weil herauskam, dass sie dabei mitgewirkt hatte, Derek Walcott rufzumorden. Er habe vor über 25 Jahren angeblich sexuelle Übergriffe auf Studentinnen in Harvard und Boston verübt, wurde von anonymer Seite an die Wahlberechtigten lanciert, und Ruth Padel hatte in diesem Zusammenhang Walcott gegenüber Journalisten indirekt einen „lüsternen Professor“ genannt. Das ganze flog auf, und Oxford hatte ein Jahr lang keinen Professor für Poesie.

Derek Walcott verzichtete verständlicherweise auf eine erneute Kandidatur. Andere mögliche Kandidaten wie Stephen Moss und Clive James waren sehr skeptisch. Nur zu verständlich, weil ob des Rücktritts verärgerte Schriftstellerinnen wie Jeanette Winterson im „Guardian“ nachkarteten. Oxford sei ein „sexistisches kleines Dreckloch“, meinte sie, und die Affäre habe “alles zu tun mit Gender, Macht und Politik.“ Sie fuhr fort: „Wir können nur hoffen, dass frische Wahlen bei jemandem von Qualität enden: Meine Stimme hat Alice Oswald. Und der Himmel verhüte, dass Clive James es machen sollte.” Frau Winterson schützte den Wunsch nach Qualität nur vor. Klar, dass die Qualität, die sie meinte, nur von einer Frau würde erbracht werden können.

Viel Zeit ist seitdem ins Land gegangen. Nach dem Skandal des letzten Jahres sind neue Wahlverfahren beschlossen worden. Die Wahl sollte in hohem Maße öffentlich sein und zwar mit einer großen Zahl von Kandidaten. Auch über das Internet war eine Stimmabgabe möglich. Nun ist die Wahl tatsächlich erfolgt, und Oxford hat endlich wieder einen Poetikprofessor: Geoffrey Hill. Nicht wenige halten ihn für einen der besten Dichter englischer Zunge.

Interessant ist aber das Gesamtergebnis dieser offenen Wahl. Ich möchte es einfach nur kommentarlos wiedergeben. Mögen die Leserinnen und Leser sich ihre Meinung bilden. Geoffrey Hill: 1.156 Stimmen, Michael Horovitz: 353 Stimmen, Sean Haldane: 214 Stimmen, Chris Mann: 183 Stimmen, Roger Lewis: 167 Stimmen, Steve Larkin: 138 Stimmen, Robert P Lacey: 101 Stimmen, Stephen Moss: 81 Stimmen, Michael George Gibson: 34 Stimmen, Vaughan Pilikian: 28 Stimmen.


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