29. Juni 2010

John Kenneth Galbraith Der edle Ökonom und der dicke Staat

Über den aufhaltsamen Wiederaufstieg neosozialistischer Misswirtschaft

Eine kanadische Universität bat mich neulich, deren jährlich stattfindende John-Kenneth-Galbraith-Vorlesung zu halten, welche nach jenem Ökonomen benannt ist, der in meiner Jugend als weltberühmtestes Exemplar seines Berufsstands galt. Seine Bücher verkauften sich millionenfach und waren allenthalben als billige Taschenbuchausgaben erhältlich. Titel wie „American Capitalism“ und „Gesellschaft im Überfluss“ waren fast allen gebildeten Menschen ein Begriff. Er lehrte in Princeton, Cambridge und Harvard und war zwischenzeitlich Herausgeber des „Fortune“ sowie US-Botschafter in Indien. Er war auch der erste Wirtschaftswissenschaftler, der einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde, nicht zuletzt durch sein Rededuell mit William F. Buckley Junior. Seine Allgegenwart als die Stimme der Wirtschaft war sowohl Ergebnis als auch Ursache für ein sich wandelndes Meinungsklima.

Wie das in der Regel so ist, gab es auch eine Gegenreaktion. Galbraith, der zwischen 1908 und 2006 lebte, wurde nicht nur alt, sondern auch ein alter Hut. Sein Keynesianismus erschien überholt in einer Ära beispiellosen Wachstums und Wohlstands, die offensichtlich durch das Befolgen ganz anderer wirtschaftlicher Theorien möglich wurde. Niemand glaubte mehr, dass Nachfragepolitik – staatliche Regulierung und notfalls Herstellung von Nachfrage nach Gütern und Dienstleitungen in der Gesamtwirtschaft – der Weg war, um Wohlstand und soziale Gerechtigkeit miteinander zu versöhnen. Vielmehr würde die unsichtbare Hand und die unbewusste Weisheit des Marktes uns in die sonnigen Gefilden nachhaltigen Wohlstands und abnehmender Armut führen.

Doch seit neuestem gibt es wieder eine Gegenreaktion. Kaum war Lehman Brothers kollabiert, als auch schon die Druckerpressen Galbraiths Buch „The Great Crash“ über die Weltwirtschaftskrise von 1929 wieder auflegten. Es konnte gar nicht schnell genug gedruckt werden, zumal Taschenbücher ja selbst in Zeiten der Krise noch erschwinglich sind. Galbraith war der Held eines Dokumentarfilms des US-Senders PBS, in dem die Vorzüge eines fetten Staates gepriesen wurden. Und die Nachfragesteuerung à la Galbraith ist nun mit aller Macht zurück. Wenn die unversehens verschuldeten aber mittellosen Privatbürger nichts ausgeben und die Wirtschaftsaktivität nicht befeuern, dann wird das der unversehens verschuldete aber unendlich ausbaufähige Staat eben für sie tun.

Zu Beginn eines Vortrags, der nach einer bekannten Persönlichkeit der Vergangenheit benannt ist, ziemt es sich, diese Person zu preisen, selbst wenn der Vortragende sich den Ideen dieser Person nicht ganz anschließen mag. Und dies, so scheint mir, ist durchaus ein zivilisierter Brauch. Nur bei ganz wenigen Menschen, abgesehen von den wenigen Totalmonstern, lässt sich überhaupt nichts Schmeichelhaftes finden. Umso mehr Gutes findet sich bei solchen Menschen, die auf einem angesehenen Gebiet herausragten. Es ist sicherlich eine ausgezeichnete moralische Übung, zumindest für eine kurze Zeit auf die guten Eigenschaften derjenigen einzugehen, mit denen man nicht übereinstimmt.

Was habe ich denn nun bei Galbraith gefunden, das ich loben könnte? In erster Linie sein persönliches Beispiel, das ermutigend ist für jemanden wie mich, der den hinteren Bühnenteil des Lebens betreten hat. Galbraith schrieb „The Economics of Innocent Fraud“ im Alter von 96 Jahren. Es war das letzte seiner insgesamt etwa fünfzig Bücher, und er schrieb alle in einem klaren Stil und ließ nie den Eindruck entstehen, dass er nur deswegen für klug befunden werden wollte, weil das, was er zu sagen hatte, so kompliziert sei. Er glaubte nicht, dass das Verständnis der wirtschaftlichen Wirklichkeit geheimnisvolle Mathematikformeln erfordere. Seine Erklärungen vieler ökonomischer Phänomene waren angereichert mit Basispsychologie, was besagt, dass er nicht den Umstand aus den Augen verloren hatte, dass Wirtschaft grundsätzlich eine Wissenschaft vom Menschen ist. Er stellte wiederholt fest, dass ein oder zwei einfache Prinzipien nicht hinreichend seien, um das sich wandelnde Wesen der Wirklichkeit zu begreifen. Für diese Einsicht war geistige Flexibilität erforderlich, im Gegensatz zum rigiden Festhalten an Abstraktionen.

Insbesondere glaubte Galbraith nicht an das einfach gestrickte klassische Ökonomiemodell, wonach eine große Anzahl von Individuen in einem Markt in perfekter Autonomie miteinander wetteifert und ihr Erfolg oder ihr Scheitern von ihrer Fähigkeit abhängen, die Wünsche der Kunden zu befriedigen. Dieses Modell, so Galbraith, hat sich aufgrund der schieren Komplexität der modernen wirtschaftlichen Realität erledigt, in welcher die Märkte oft manipuliert oder reguliert sind. Wenn das klassische Modell jemals zutraf, dann war dies schon vor ganz langer Zeit der Fall.

Weiterhin führte Galbraith aus (auch wenn dies, wie er selbst zugab, keine neue Erkenntnis war), dass die Manager großer Konzerne ihre eigenen Interessen entwickeln und dass ihre Macht sogar oft größer ist als die der Aktienbesitzer, die ja die eigentlichen Konzern-Eigentümer sind. Nicht maximaler Profit für die Aktienbesitzer, sondern maximaler Vorteil für sich selbst ist das Ziel der Manager, die in der Tat Bürokraten, jedoch keine Unternehmer sind. Das klassische Modell hatte demnach als Widerspiegelung der Wirklichkeit ausgedient. Und vielleicht erschien es Galbraith wichtiger, dass die moralische und wirtschaftliche Überlegenheit des Privatunternehmens gegenüber dem Staatsunternehmen nicht mehr bestand, da beide von Bürokraten geleitet wurden. In der Tat hatte sich die moralische Relation dieser beiden Sphären umgekehrt: Während die Interessen der privaten Bürokraten partikular waren, waren die Interessen der öffentlichen Bürokraten allgemein oder universell oder zumindest deckungsgleich mit den Interessen jener Unterprivilegierten, die Schutz vor dem rauhen Wind des Wettbewerbs brauchten.

Galbraiths Beobachtungen sind offensichtlich nicht ohne Stringenz. Vor dem Zusammenbruch so vieler Finanzinstitutionen hätte ich vielleicht geschrieben, dass sein Vergleich zwischen dem Unternehmertum und dem Staat gehinkt hätte, da im Falle des Unternehmertums Profite und Verluste der Ineffizienz von Bürokraten bestimmte disziplinierende Grenzen auferlegen würden. Doch angesichts so vieler Topmanager, die sich mit persönlichem Vermögen von jenen Institutionen davonstehlen, die durch die schlechten Entscheidungen eben jener Manager ruiniert worden waren, reduziert sich die Stärke dieses Einwands ein wenig.

Nichtsdestotrotz fehlt erstaunlicherweise etwas in Galbraiths Weltsicht. Während er auf perfekte Weise die Unzulänglichkeiten von Geschäftsleuten sieht, also deren Neigung zu Größenwahn, Gier, Heuchelei und deren Sonderansprüche, ist Galbraith doch völlig unfähig, die gleichen Charakterzüge auch bei staatlichen Bürokraten zu erkennen. Es ist als ob er das Werk von Sinclair Lewis gelesen und verinnerlicht, niemals jedoch auch nur einen Hauch von Kafka gelesen hätte.

So bezieht sich das Kapitel „Das Bürokratie-Syndrom“ in seinem Buch „The Culture of Contentment“ (auf Deutsch erschienen als „Der wirtschaftliche Niedergang Amerikas“) lediglich auf Bürokratie in Unternehmen sowie in der einzigen von ihm verachteten Institution des Staates, dem Militär. Galbraith scheint der absurden Idee anzuhängen, dass Bürokraten Steuereinnahmen verwalten, um sozial erwünschte Ziele zu erreichen, und zwar ohne Reibungsverluste, Verschwendung oder Fehler. Es übersteigt klar sein Vorstellungsvermögen, dass selbst bestgemeinte staatliche Handlungen schädliche Wirkungen zeitigen können. Für Galbraith entspricht ein Dollar, der etwa für öffentliche Bildung ausgegeben wurde, dem Gegenwert eines Dollars in der Bildung einer Person, und das nahezu ohne Abzug. Sichttrübende Belege darüber, dass etwa Großbritannien fast 100.000 Dollar pro Kind an öffentlicher Bildung ausgibt und dennoch ein Fünftel der Bevölkerung nicht fließend lesen oder selbst einfache Rechenaufgaben meistern kann, tauchen in seinem Werk gar nicht auf. Er schreibt vielmehr stets so, als ob alles bestens wäre, wenn man nur endlich 200.000 Dollar pro Kind ausgeben würde.

Er hätte es besser wissen müssen. In seiner 1981 erschienenen Autobiographie erinnert er sich daran, wie zu Beginn des New Deal die Akademiker nach Washington strömten. „Die Universitäten hatte die Kunde erreicht, dass in der Bundesregierung eine schier unbegrenzte Zahl von offenen Stellen mit unglaublich hohen Gehältern auf Wirtschaftswissenschaftler wartet“, so schreibt er. „All diese neuen Verwaltungsapparate brauchten diese Talente. Studenten, die jahrelang ihre Abschlussarbeiten und die danach zu erwartende Arbeitslosigkeit hinauszögerten, brachten diese nun binnen Wochen zu Ende. So begann ein neuer Goldrausch.“ Man könnte annehmen, dass dies seine Augen geöffnet habe für die Partikularinteressen der Bürokraten – für die Möglichkeit, dass große Regierungsprogramme mehr das Interesse der Apparatschiks bedienen als das der vorgeblichen Nutznießer. Doch Galbraith verschloss sich stets dieser Einsicht.

Seinen Vorstellungen von der Steuerpolitik blieb er treu. Immer wieder spricht Galbraith in seinem Werk verächtlich über den Widerstand der Wohlhabenden gegenüber Steuererhöhungen und beharrt auf seiner Behauptung, dass dieser Widerstand lediglich aus Selbstsucht und Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Armen herrühre. In „Die gute Gesellschaft“ schreibt er zum Beispiel, dass „die Wohlhabenden gegen öffentliche Maßnahmen für die Armen sind, da ihnen sonst Steuererhöhungen drohen.“ Es ist natürlich richtig, dass die Wohlhabenden größtenteils Steuererhöhungen ablehnen, weil sie nicht aufgeben wollen was sie haben, denn praktisch niemand möchte seines Eigentums beraubt werden. Doch ist es im Lichte des „Goldrausches“, den Galbraith weiter oben beschrieben hatte, nicht zumindest ebenso wahrscheinlich, dass diejenigen, die Steuererhöhungen befürworten, dies auch tun, um ihre eigene Macht und ihre Pfründe zu erhöhen?

Galbraiths Erkenntnistheorie ist in der Tat neomarxistisch. Genau wie Marx bekanntlich schrieb, dass es nicht das Bewusstsein der Menschen sei, das ihr Sein bestimme, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein das Bewusstsein bestimme, so erklärt auch Galbraith den Widerstand gegenüber Steuererhöhungen folgendermaßen: „Es liegt in der Natur der privilegierten Position, dass diese ihre eigene politische Rechtfertigung und oft die wirtschaftliche und soziale Doktrin entwickelt, die ihr am besten dient.“ Mit anderen Worten: Außer Marx und Galbraith glauben die Menschen genau das, was in ihrem ureigenen Interesse liegt. Es überrascht kaum, dass Galbraith stets so schreibt, als ob seine Worte die offenbarte Wahrheit und dass Gegenargumente das verzweifelte und allerletzte Aufbäumen der Eigeninteressierten und Korrumpierten seien.

Galbraith hat nie das Rätsel gelöst und es offenbar nicht einmal registriert, wie es denn geschehen konnte, dass er selbst zwar nur durch die Brille des Eigeninteresses zu sehen vermochte, aber trotzdem zur selbstlosen Wahrheit gelangen konnte. Insgesamt war seine Selbsterkenntnis äußerst beschränkt. In der Einführung seiner „Reise nach Polen und Jugoslawien“ (1958) schreibt er, dass „die Medienindustrie von Autoren getragen wird, die sich eifrig selbst plagiieren.“ Doch nur wenige Sachbuchautoren wiederholen sich häufiger als Galbraith, bis hin zu den immer gleichen Redewendungen und Anekdoten. Drei Bücher von Galbraith gelesen zu haben bedeutet, zehn mal so viele gelesen zu haben. Er ist wie der Ausrufer in Lewis Carolls Ballade „The Hunting of the Snark“, indem er Wiederholung als unabhängige Bestätigung seiner kundgetanen Wahrheit einsetzt.

Natürlich gibt es eine tiefgreifende psychologische Spannung bei Galbraith. Er redet immer von den Reichen, als ob er selbst keiner von ihnen sei. Doch die Bedürftigen verbringen ihre Winter kaum wie er im schweizerischen Gstaad. Er gesteht zwar zu, dass Bereicherung rechtens sein kann und denkt dabei zweifelsohne auch an seine eigene. Doch sein Reichtum entstand dadurch, dass er in seinen Bestseller-Büchern die Enteignung anderer Reicher durch den Staat forderte. Das versetzte ihn in die Lage, sein Selbstbild als einer der moralisch Auserwählten aufrechtzuerhalten, als einer jener großzügigen Seelen unter den Reichen, die er in „The Good Society“ beschreibt, also die Schutzherren jener Armen, die selbst „weitestgehend ohne politische Stimme dastehen, außer wenn sie von der beträchtlichen Zahl der etwas glücklicheren Gruppe unterstützt und vertreten werden, die Betroffenheit fühlen und ausdrücken.“

Hier kommen wir zum Kern der Sache. Galbraiths Denkweise über soziale und wirtschaftliche Angelegenheiten war immer von oben herab. Seine Lösungen entstanden aus den olympischen Höhen seiner eigenen Reflexionen, um dann auf die ahnungslosen Massen da unten angewandt zu werden. Sein literarischer Stil ist symptomatisch für diese Haltung, und er selbst ist das beste Beispiel für diesen Stil. Hunderte Male verwendet er Zirkelschluss-Redewendungen, die durch ihre Geschwollenheit einschüchtern sollen. Wenn ich eines seiner Bücher irgendwo beliebig aufschlage, finde ich Dinge wie „Die maßgebliche Tatsache ist“, „Dieser Ausgleich ist in allen anerkannten Denkweisen präsent“, „Dies ist keine Frage der Auswahl, es ist ein moderner Imperativ“, „Es wäre natürlich ein schwerwiegender Irrtum“, „Das ist schon lange anerkannt“, „All dies muss man willkommen heißen“, „Die Lektion ist klar“, „Die Lösung ist nicht schwer, sie hat den Vorteil unabdingbar zu sein.“

Die Gesamtwirkung ist die, dass diejenigen, die sich selbst für nicht informiert genug halten, um einer so hohen Autorität zu widersprechen, eingeschüchtert werden. Wir sind meilenweit von den Sphären einer Jane Austen entfernt, die leicht und ironisch schrieb: „Es ist eine universell anerkannte Wahrheit.“ Wenn Galbraith eine Wahrheit als universell anerkannt verkündet, dann will er nicht, dass wir dabei innerlich schmunzeln. Er möchte, dass wir Angst davor haben, nicht teilzuhaben am universellen korrekten, großzügigen und humanen Gedanken. Welcher Narr möchte auch nicht auf der Seite des Unabdingbaren stehen? Wer wagt es, etwas zu bestreiten, was der Paul-Warburg-Professor der Ökonomie dreimal ausgesprochen hat?

Galbraiths Selbstgefälligkeit und herablassende Art gegenüber den meisten Mitgliedern der menschlichen Rasse werden auch anhand seiner Bewunderung für Franklin D. Roosevelt offensichtlich, besser gesagt, angesichts der Gründe für diese Bewunderung. Hier ein Zitat aus dem Vorwort von „Name-Dropping“, ein auf einzigartige Weise uninformatives Buch mit Erinnerungen an seine Treffen mit den Großen der Welt: „Nun zu Franklin Roosevelt, dem ersten und in vielerlei Hinsicht größten der Männer, die ich zeit meines Lebens getroffen habe. Und auch demjenigen, der mir, was kein Zufall ist, die meiste Verantwortung übertragen hat.“ Ich denke, man muss schon einen ziemlich harten Egozentrikpanzer haben, um nicht die Absurdität dieser Anmerkung zu erkennen, oder um die Unverfrorenheit zu haben, so etwas drucken zu lassen.

An einer anderen Stelle schreibt Galbraith, dass Roosevelt die Vereinigten Staaten als „einen riesigen Grundbesitz sah, der sich von seinem Familienheim am Hyde Park in New York aus erstreckte. Für diesen Grundbesitz trug er Verantwortung und vor allem für die Bürger und Arbeiter darin.“ Ein Baumpflanzprogramm, welches Roosevelt beispielsweise in den Staaten des Mittleren Westens initiiert hatte, war die „Reaktion eines großen Grundherren, ein offenkundiger Schritt zur Verbesserung der Landschaft und der Eigentumswerte, eine gütige Aktion für die Pächter.“ Galbraith meinte dies als Lob, was nicht überrascht, denn seine eigene Haltung zum Land war ähnlich. Die Menschen waren die Schafe, und der Staat, mit Galbraith als Berater, war der Hirte.

Die große Verantwortung, die Roosevelt Galbraith zu Kriegszeiten übertrug, war das Einfrieren von Produktpreisen für die gesamten USA, und ich denke, dass Galbraith es bedauerte, dass dieses hochrationale System der Zuteilung nach von ihm festgelegten Bedürfnissen schließlich beendet wurde, denn seiner Meinung nach war dieses klar dem Chaos der Preisfindung durch Angebot und Nachfrage überlegen. „Nach dem Verkaufsstopp von allen neuen Reifen“, so schreibt er „mussten wir nun einen Weg finden, diese wieder zu verkaufen, jedoch nur an die Bedürftigen.“ Der Technokrat Galbraith eilt der Gesellschaft zu Hilfe, indem er deren Ziele definiert und erreicht. Doch ich denke, dass er niemals erkannte, dass der totale Krieg, bei dem der größte Teil des nationalen Lebens einem einzigen und einfach definierten Ziel untergeordnet ist, nämlich einen mächtigen Feind zu besiegen, nicht der normale Zustand der Dinge ist. Er denkt im Gegenteil, dass Gesellschaften immer ein einendes Ziel haben sollten, und dass es die Aufgabe des Staates sei, die Gesellschaft an dieses Ziel heranzuführen.

Galbraiths Glaube in die Fähigkeit von Experten, alle Menschen besser zu dirigieren als diese es selbst vermöchten, machte ihm zweifelsohne den Kommunismus sympathisch, zumindest machte es ihn unkritisch gegenüber dieser Ideologie. Er verharmloste stets die Gefahren des Kommunismus, indem er etwa behauptete, dieser stelle keine wirkliche Gefahr für die Dritte Welt dar, weil ja Marx geglaubt hatte, dass er zunächst nur auf Länder mit fortgeschrittener Industrialisierung anwendbar sei. Ich glaube nicht, dass die Menschen in Kambodscha oder Äthiopien, wo der Kommunismus für millionenfachen Tod verantwortlich war, seine doktrinäre Auslegung wohlwollend aufgefasst hätten.

Im Vorwort zu seiner „Reise nach Polen und Jugoslawien“, dem ersten seiner Bücher über Reisen in die kommunistische Welt, behauptet er, dass „kapitalistische und sozialistische Länder weitaus mehr Probleme des wirtschaftlichen Verhaltens gemein haben als wir uns gemeinhin anzunehmen erlauben.“ In einem als Anhang gedruckten Vortrag erklärt er, warum die Unterschiede zwischen den beiden Systemen nicht allzu groß seien: „Der Industriekonzern wird nun von einem professionellen Manager angeführt, der sich seinen Weg durch die Managerhierarchie gebahnt hat, was nicht so verschieden ist von dem Weg, den ein energischer und ehrgeiziger Mann in seiner Beamtenlaufbahn durchschreitet.“ Ein Mann, der sein Leben dem Studium der Wirtschaft gewidmet hat und einen der prestigeträchtigsten Lehrstühle dieses Faches in der Welt innehat, scheint nicht zu verstehen, dass die Existenz von Tausenden von Unternehmen und die Möglichkeit neue zu gründen, einen entscheidenden Unterschied ausmacht gegenüber der Lage, in welcher sich ein einziger Arbeitgeber unter einer rigiden politischen Kontrolle befindet.

Der Hauptzweck von Galbraiths Buch ist es, die Schrecken des Kommunismus herunterzuspielen, für die er kaum ein Wort verliert. In der Tat trübt strenge politische Kontrolle sein Gewissen zu keinem Zeitpunkt seines Aufenthalts in der kommunistischen Welt. „Ich habe es im allgemeinen vermieden, die polnischen Quellen in diesem Bericht mit Namen zu nennen“, schreibt er. „Nicht weil ich irgendwie Angst hätte, sie zu kompromittieren. Viele Leute sind durchaus stolz darauf, Dinge offen und ohne erkennbare Hemmungen auszusprechen.“

Es folgen weitere amüsante Beobachtungen. Angesichts der Eintönigkeit der Kleidung der Menschen bemerkt Galbraith, dass „dies vielleicht das Problem des Sozialismus ist. Die Planer können alles liefern außer Farbe, und sie können darauf auch keine Rücksicht nehmen, denn viele Farben werden mit großen und kleinen Blödheiten assoziiert. Jedenfalls haben die Menschen in Polen mehr Freiheit als Auswahl.“ Einer der großen Vorteile von Planung à la Galbraith ist die Ausmerzung „von großen und kleinen Blödheiten“, an die sich die Leute klammern könnten, wenn man ihnen die Wahl lässt. Die Lösung: Die Auswahl eliminieren. Sie können jede Farbe haben, die Sie wollen, solange sie vom Philosophenkönig ausgewählt wurde.

Fünfzehn Jahre später, im Jahre 1973, ging Galbraith im Windschatten von Präsident Nixon nach China und schrieb „Eine Reise nach China“. Das war inmitten der Kulturrevolution, in der wahrscheinlich eine Million Menschen starben und zig Millionen auf schreckliche Weise verfolgt wurden. Es war auch nur ein paar Jahre nach der größten menschengemachten Hungersnot der Menschheitsgeschichte. Dennoch zitiert Galbraith den Sinologen John K. Fairbanks, der so schrieb als ob er von Meister Galbraith in Stilkunde unterrichtet worden wäre: „Im Großen und Ganzen muss man folgendem zustimmen: Es hat eine enorme Verbesserung des materiellen Lebens und der Moral der einfachen Leute gegeben.“

Im Lichte der furchtbaren Leiden während der Kulturrevolution erscheinen Galbraiths Bemerkungen oft extrem herzlos. Ab und zu skizziert er die Kulturrevolution wie zum Beispiel im folgenden Abschnitt: „Die Arbeiter waren recht stolz darauf, ihre Kämpfe auf den Morgen beschränkt zu haben. Leider gingen ein paar Fensterscheiben dabei zu Bruch.“ So erörtert Galbraith die größte Episode absichtlichen kulturellen Vandalismus’ in der Neuzeit, die mit einer unglaublichen Grausamkeit einherging.

Manchmal klingt er wie ein Sprachrohr maoistischer Propaganda, in dem er deren Kategoriebegriffe unkritisch übernimmt. In den zwanziger und dreißiger Jahren haben westliche Reisende in das stalinistische Russland wie die Lemminge den Begriff „Kulake“ oder „reicher Bauer“ übernommen, um jemanden zu beschreiben, der ein Schwein oder eine Kuh besaß und deshalb ein Klassenfeind war, der die Höchststrafe verdiente. So ähnlich kann Galbraith auch über eine Fabrik schreiben, „deren Produktion zum Teil zum Erliegen gekommen war, bis die Volksbefreiungsarmee einrückte und die Ordnung wiederherstellte. Eines der reaktionären Elemente hatte das Missfallen der Roten Garden erregt. Es wurde beseitigt.“ Der Gebrauch der Phrase „reaktionäres Element“ verrät einen erschreckenden Mangel an Bewusstsein dafür, dass auch zuvor schon Besucher der kommunistischen Welt getäuscht worden waren. Auch interessierte Galbraith sich nicht dafür, wer die Roten Garden waren und was diese eigentlich taten. Das Schicksal einzelner Menschen kümmerte ihn nicht, was erklärt, warum seine Anekdoten selten interessant sind, geschweige denn erhellend. Seine Menschenfreundlichkeit entbehrt eines menschlichen Antlitzes.

Später erzählte Galbraith eine Geschichte davon, wie die Chinesen wenig fruchtbare Gebiete bewirtschafteten: „Uns wurde gesagt, wie eine Produktionsbrigade meilenweit Erde transportiert hatte, um einen besonders steinigen Boden ein wenig produktiv zu machen.“ Nach Galbraith wäre der Niedergang der Landwirtschaft in New England nicht erfolgt, wenn man die Politiker und nicht die freien Kräfte des Marktes rangelassen hätte. Was ist nun die Moral der Geschichte für Galbraith? „Der Markt kann so grausam sein wie Politiker es nicht sein können.“

Dass Marktbeziehungen manchmal den Menschen einen Preis abverlangen, ist zweifelsohne richtig. Doch die ersten drei Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts durchlebt zu haben und zu behaupten, dass es irgendeine Grausamkeit oder Abartigkeit gebe, derer Politiker nicht fähig seien, erfordert ein Maß an Unverständnis, das schon fast genial ist.

Damit soll nicht behauptet werden, dass Galbraith völlig unkritisch gegenüber der chinesischen Kulturrevolution gewesen sei. „Am Ende eines fast jeden Treffens wird man nach seiner Kritik an der jeweiligen Institution oder am Neuen China gefragt“, erzählt er. „Ich habe einen Kritikpunkt gefunden, der richtig und unwiderlegbar ist und auch gut angenommen wurde. ‚Sie rauchen viel zu viele Zigaretten’.“ Da werden Millionen von Menschen geschlagen, gefoltert und erniedrigt und die Reste einer mehrere Tausend Jahre alten Zivilisation willkürlich zerschlagen, und Galbraith engagiert sich mutig als Antiraucher!

Natürlich wäre es von Galbraith unhöflich gewesen, diejenigen zu kritisieren, die sich um seine bescheidenen Komfortbedürfnisse kümmerten. „Ich habe ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Bad und eine Klimaanlage“, entdeckt er bei seiner Ankunft im Nanking Hotel. „Doch dies“, so fügt er mit rührender Einfachheit und Bescheidenheit hinzu, „reicht mir aus“. Zumindest so lange, bis er nach solchen Entbehrungen in Nanking wieder in Paris ankommt. „Ich war zwei Tage im Ritz und zwar ohne schlimme soziale Schuldgefühle und ohne einen unüberwindbaren Kulturschock“, schreibt er.

Galbraith ist wieder in Mode gekommen. Modern sind nicht nur seine Ideen, die von der Notwendigkeit einer gewaltigen und sich ausdehnenden Klasse von Erlösungspolitikern und Bürokraten ausgehen, welche die Menschen vor einem Schicksal retten sollen, das ohne diese Erlöser elend aussehen würde. Modern ist auch seine aristokratische Attitüde, die ausdrückt, dass er über eine unangreifbare moralische Überlegenheit verfüge. Diese Attitüde steht genauso in Galbraiths Prosa geschrieben wie in Präsident Obamas Gesicht. Wie wonnevoll es doch ist, die ganze Zeit über so großzügig zu sein, das Recht auf seiner Seite zu haben und dennoch ein Vermögen gemacht zu haben und im Ritz übernachten zu können!

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 104


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Theodore Dalrymple

Über Theodore Dalrymple

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige