30. Juni 2010

Christian Wulff Handlanger der Politischen Korrektheit

Die seltsamen Berührungsängste des Koalitionskandidaten

Wer ist Christian Wulff? Eine kleine Anekdote aus Bremen: 2007 unternahm der Hamburger Journalist Joachim Siegerist mit der Wählervereinigung „Bremen muss leben“ einen Ausflug in die Politik. Siegerist hatte Jörg Haider als Unterstützer gewonnen, mit dem er eine große Wahlkampfveranstaltung vor Hunderten von Anhängern durchgeführt hat.

Am darauffolgenden Tag gingen Haider und Siegerist über den Bremer Marktplatz. Dort trafen sie zufällig den Spitzenkandidaten der Bremer CDU Jens Röwekamp, der ebenfalls Unterstützung von außen bekam: Christian Wulff war angereist, um mit Röwekamp Wahlkampf zu machen. Wulff war damals Ministerpräsident von Niedersachsen, Haider Ministerpräsident (Landeshauptmann) von Kärnten. Beide bewegten sich „auf Augenhöhe“ – wie es heißt.

Und jetzt stehen sie sich plötzlich fast gegenüber auf dem Bremer Marktplatz, nur wenige Meter voneinander entfernt – in Anwesenheit von Journalisten und Pressefotografen. Haider flüstert zu Siegerist: „Ich geh’ hin und schüttel’ ihm die Hand.“ Bevor Siegerist etwas entgegnen kann, macht der Österreicher einen Schritt auf den Deutschen zu, streckt die Hand aus. Und was macht Wulff? Er dreht sich weg. Ergreift mit Röwekamp die Flucht, um Haider nicht die Hand geben zu müssen.

Wulffs Verhalten war typisch – und nicht einer Ausnahmesituation geschuldet oder Folge eines Blackouts. Denken wir nur zurück an das Jahr 2003, als Christian Wulff eine besonders schäbige Rolle bei der Hetzkampagne gegen Martin Hohmann spielte. Er stand als Merkels Stellvertreter in der CDU an vorderster Front, als es darum ging, den Abgeordneten aus Fulda mit Lügen und Halbwahrheiten aus der CDU zu werfen.

Wulff schrieb damals: „Die Inhalte seiner Rede sind für mich völlig inakzeptabel.“ Ein Abgeordneter, der das jüdische Volk im geschichtlichen Sinne als Tätervolk charakterisiere, könne nicht Mitglied einer CDU-Fraktion sein. Damit hat Wulff bewiesen, dass er die Rede, wegen der er den Stab über Hohmann gebrochen hat, gar nicht gelesen hat, denn Hohmann hat genau das Gegenteil von dem gesagt, was Wulff ihm vorgeworfen hat.

Diese unsachlichen Äußerungen des niedersächsischen Ministerpräsidenten sind kein Einzelfall. Ein anderer Vorgang, der sich in Hannover abgespielt hat, ist geeignet, den Eindruck zu verstärken, dass Wulff ein williger Vollstrecker von PC-Denkverboten ist: 2007 fand in Hannover ein Treffen der Schlesier statt. Christian Wulff wurde als Festredner erwartet. Vor seiner Rede schickte sein Stab zwei Staatsschützer durch die Hallen, in denen Firmen und Verbände aus dem Vertriebenenumfeld Stände aufgebaut hatten. Zwischen Honigverkäufern und Filzpantoffelherstellern fand sich auch der Stand der Postille „Der Schlesier“, einer kleinen Wochenzeitung aus Recklinghausen.

„Die haben mir gegenüber das Verbot ausgesprochen, politische Bücher mitzubringen“, beschwert sich Hans-Joachim Illgner, der Chefredakteur des „Schlesier“. Zum Beispiel ein Buch über die Bombardierung von Dresden durfte er nicht verkaufen. Sein Mitarbeiter Herbert Jeschioro erinnert sich: „Die haben sich jedes einzelne Buch angeschaut.“ Selbst die Bücher, die noch in Kisten lagerten und nicht ausgepackt waren, hätten sie inspiziert. Für Jeschioro und Illgner sind das „antidemokratisch anmutende Redeverbote“.

Links wäre so etwas unvorstellbar. Niemals kämen Kurt Beck oder Klaus Wowereit auf die Idee, eine Halle mit Ständen einer DGB-Veranstaltung nach radikalen Büchern zu suchen, in denen beispielsweise zum Klassenkampf aufgerufen, Che Guevara verherrlicht oder Maßnahmen Stalins gerechtfertigt werden.

Christian Wulff aber steht für Denk- und Sprechverbote. Er lässt sogar Parteifreunde ohne Grund wie eine heiße Kartoffel fallen, nur weil die Lügenpresse dummes Zeugs über sie quakt, und er verfolgt unbedeutende Vertriebenenblättchen, denen er den Buchverkauf untersagen lässt. Und er ist wirklich schlimmer als der Rest seiner Partei. Das sehen wir daran, dass Haider ein Jahr später bei einer anderen Gelegenheit Wolfgang Schäuble traf, der keine Probleme hatte, dem Kärntner die Hand zu schütteln – so wie das unter zivilisierten Mitteleuropäern üblich ist. Wie kann Christian Wulff, ein Mann mit so eingeschränkten menschlichen Qualitäten, Präsident aller Deutschen sein?


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Ronald Gläser

Über Ronald Gläser

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige