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Aktuelle Nachricht: Rechtsextreme jagen Mann nackt über die Straße

von Redaktion eigentümlich frei

Ein Video und ein Zeitungsbericht

(ef-CV) Das Video ist eigentlich weder besonders brisant noch originell: Man sieht eine Straße, ein Polizeifahrzeug parkt. Ein Mann kommt von unten ins Bild, hämmert gegen eine Tür, wird hereingelassen. Drinnen, man kann es nicht sehen, aber hören, entwickelt sich ein Streit: "Werner, verpiss dich", "Werner, halt's Maul". Nach einer Weile verlässt der Mann das Haus, allein, verschwindet in einem Haus gegenüber. Kurze Zeit später kommt er wieder ins Bild, hat jetzt eine Leiter dabei. Stellt sie an das Nachbarhaus und versucht, hochzuklettern. Womit die dort Anwesenden offenbar ganz und gar nicht einverstanden sind, denn nur wenige Sekunden später kommt eine größere Anzahl Personen heraus, holt den verhinderten Fassadenkletterer unsanft auf den Boden zurück. Ein Handgemenge entsteht, die Polizei mittendrin, man erkennt wenig, zu dunkel ist das Video an dieser Stelle. Nach etwa einer halben Minute sind die Streitenden getrennt, "Werner", nunmehr ohne Hose, sammelt seine Sachen ein und verzieht sich in das Haus, aus dem er zuvor die Leiter geholt hatte.

Ein unvoreingenommener Beobachter würde in dem knapp sechsminütigen Video wohl eine ganz normale Szene sehen, ein Streit unter Nachbarn, der zu später Stunde zu Handgreiflichkeiten eskaliert, vermutlich auch deshalb, weil die Beteiligten alles andere als nüchtern wirken. Wenn, dann würde er höchstens mit den Polizisten Mitleid haben, die wohl besseres zu tun hätten, als sich um derartige Petitessen zu kümmern - zumal es auf den ersten Blick so scheint, als ob "Werner" den Streit von sich aus provoziert hätte. Das allerdings kann nur einem unvoreingenommenen, weil uninformierten Beobachter passieren. Die Frankfurter Rundschau klärt auf, wie es wirklich war:

Ein Schlägertrupp zerrt den 58-Jährigen von einer Leiter, stürzt sich auf ihn, stößt ihn zu Boden und reißt ihm die Hosen vom Leib. Halbnackt flüchtet das Opfer unter obszönen Bemerkungen der Schläger in sein Haus. Polizisten schauen tatenlos zu. Seit Donnerstag ist dieses Video auf der Internetplattform Youtube zu sehen. "Ich bin erschüttert", sagt Werner S., das Opfer, der bei dem Angriff eine Wunde am Kopf und Schürfwunden am Rücken erlitten hat.

Hat der Autor dieses Artikels wirklich das gleiche Video gesehen? Offenbar schon, die Zitate aus dem Film stimmen mit dem Artikel überein. Nur der Blickwinkel nicht. Ein paar Zeilen später wird auch klar, warum:

Eingestellt hat den Streifen "pauldeprinz". Es ist eines der Pseudonyme eines bekannten Rechtsextremen. Seit der seine Aktivitäten in seine Hofreite im Echzeller Ortsteil Gettenau in der Wetterau verlegt hat, ist dort nichts mehr wie es war. Zuvor hatte der Mann im nahen Wölfersheim den Tätowierladen "Old Brothers" betrieben und im Internet T-Shirts mit rassistischen Aufdrucken verkauft. Firmenzeichen der "Old Brothers" ist ein Totenkopf, der an das Symbol der Totenkopfverbände der Waffen-SS erinnert.

Angesichts dieser Begleitumstände tritt die spannende Frage, wie Werner S. mitten in der Nacht auf die Leiter kam und was er dort gesucht hat, völlig in den Hintergrund. Rechtsextreme. Totenköpfe. Waffen-SS. Wem das nicht genügt, der bekommt später noch die Information nachgereicht, das ganze habe sich "kurz nach Hitlers Geburtstag" abgespielt. Spätestens jetzt ist sonnenklar, wie die Szene zu interpretieren ist: Bei der Fassadenkletterei von Werner S., Mitglied der Bürgerinitiative "Grätsche gegen Rechtsaußen" handelt es sich nicht etwa um die Provokation eines möglicherweise angetrunkenen Störenfrieds, sondern vielmehr um gesellschaftstragenden Widerstand "gegen Rechts", der auch von der Gemeinde und dem Sportkreis unterstützt wird. Sowie der Frankfurter Rundschau, die sich jetzt der Verhältnisse in Echzell angenommen hat. Beruhigend zu wissen:

Weder Schubert noch Bickerle lassen sich durch den Terror einschüchtern. "Jetzt erst recht", sagt Schubert, der inzwischen einen Anwalt wegen des Youtube-Videos eingeschaltet hat.

Die Polizisten in der Wetterau werden sich wohl auf eine Menge Überstunden einrichten müssen.

Internet

08. Juli 2010

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