08. Juli 2010

Das überkommene Ernährungsparadigma (Teil 1) Kohlehydrate und nicht Fett machen dick

Wie die Ernährungswissenschaft noch vor der Klimawissenschaft staatlich korrumpiert wurde

Ein Blick in die Vereinigten Staaten bedeutet für deutsche Verhältnisse häufig einen Blick in die Zukunft zu werfen. Je nach Betrachtungsgegenstand hinkt Deutschland drei bis fünfzehn Jahre hinterher. Oder weniger ernüchternd ausgedrückt: Die USA sind Deutschland einige Jahre voraus. Bei der in mancherlei Hinsicht in keiner Weise als positiv zu bewertenden Bewertungsrichtung der USA muss das für den Augenblick nicht immer verdrießlich stimmen, wenn es auch für die Zukunft nichts Gutes ahnen lässt. In anderen Punkten jedoch stimmt das hoffnungsfroh. Schlimm ist es etwa, wenn San Francisco den Verkauf zuckerhaltiger Limonaden am Automaten verbietet, oder wenn New York City gegen salzhaltige Produkte vorgeht. Andererseits tut sich Gutes im Bereich des herrschenden Ernährungsparadigmas.

Es sei in Erinnerung gerufen, dass die über lange Jahre ganz überwiegende Meinung unter Ernährungswissenschaftlern war, dass sich der Mensch fettarm und kohlehydratreich ernähren solle. Sinnbild dieser Empfehlung sind die zahlreichen Versionen der Ernährungspyramide mit einem Fundament aus Vollkornbrot, Haferflocken, Nudeln, Reis und Kartoffeln. In Deutschland wird diese Form der Ernährung als alternativlos an Schulen gelehrt und ausdauernd von der Regierung empfohlen. Der vertretenen Ratio folgend empfiehlt das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung in Ausgabe 3/2009 seiner Broschüre „Kompass Ernährung“, mengenmäßig vor Allem bei „Gemüse, Vollkornbrot, Kartoffeln, Reis oder Nudeln“ zuzuschlagen.

Zu Recht ist dieser Ansatz in den USA in den letzten Jahren stark unter Druck geraten. Eine breitere Öffentlichkeit hat von der Kritik erstmals durch einen Aufsatz im New York Times Magazine erfahren. Gary Taubes stellt darin das geltende Paradigma auf eine harte Probe. Es sei ganz und gar nicht erwiesen, dass mit der Aufnahme von Fett durch Nahrung auch eine Verfettung des Körpers einhergehe. Vielmehr seien die Anhänger einer kohlehydratarmen Ernährung wie etwa der Atkins-Diät auf dem richtigen Weg. Schon die empirischen Hinweise müssten stutzig machen. Die Welle krankhafter Fettsucht habe etwa in den 80er Jahren eingesetzt. Auch seien die Fallzahlen von Diabetes Typ II zu einem ähnlichen Zeitpunkt angestiegen. Außerdem seien die Blutcholesterin-Werte zurückgegangen, dennoch aber kein Abfall bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verzeichnen gewesen. Das hätte aber die Folge sein müssen, wenn die Hypothese vom krankmachenden Fett in der Nahrung korrekt gewesen wäre.

Tatsächlich stamme das „Wenig Fett, reichlich Kohlehydrate-Paradigma“ aus einer Zeit, in der die Ernährungswissenschaft noch in den Kinderschuhen gesteckt habe. Durch eine Kette unglücklicher Zufälle gepaart mit den systemischen Defekten der amtlichen Bürokratie habe sich das falsche Paradigma über die Jahre verstetigt und verselbständigt. Die Idee einer Verbindung zwischen Nahrungsfetten, Cholesterin und Herzkrankheiten habe seit den Fünfzigern ein Eigenleben entwickelt, das mythologische Aspekte habe. Am Ende der Siebziger verschwand dann die zuvor langjährig gehaltene Überzeugung, dass Proteine und Fette sättigen und einer übermäßigen Nahrungsaufnahme entgegenwirken. Den Schlussstrich unter diese Entwicklung setzte der sogenannte McGovern Report. Im Jahr 1977 empfahl ein Ausschuss unter Senator McGovern als Gegenmittel gegen angeblich grassierende Killerkrankheiten, dass die Amerikaner fortan wesentlich weniger Fette zu sich nehmen sollten. Diesem Kurs entsprechend wurden dann Forschungsmittel vergeben und offizielle Empfehlungen ausgesprochen. Der ganze Vorgang erinnert an die Vereinnahmung der Klimawissenschaft durch das regierungsamtliche Dogma, der Klimawandel sei eine Folge anthropogenen Kohlendioxids. Wie die Klimawissenschaft hat sich die Ernährungswissenschaft von ihrer staatlichen Vereinnahmung bislang nicht wieder erholen können.

In Wahrheit spricht viel dafür, dass die übermäßige Aufnahme von Kohlehydraten für die Verfettung der Bevölkerungen ursächlich ist. Um das nachzuvollziehen, genügt ein oberflächlicher Blick auf die Wirkungsweise von Kohlehydraten. Diese werden nach Verzehr vom Körper in Zuckermoleküle aufgespalten und mit dem Blutstrom weitertransportiert. Der Körper reagiert mit Insulinsausschüttung. Insulin ist das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Hormon, das für die Regulierung des Blutzuckerspiegels (Glukosekonzentration) verantwortlich ist. Unter Insulinausschüttung kann Muskelgewebe Glukose als Energie aufnehmen. Insulin ist andererseits aber auch für den Fettstoffwechselrelevant. Ohne Insulin kann der Körper kein Fett speichern. Wenn der Körper Insulin ausschüttet, dann verbrennt er erstens Kohlehydrate als Energie. Zweitens speichert er aus der Nahrung gewonnene überschüssige Energie als Fett bei gleichzeitiger Unmöglichkeit der Fettumwandlung zu Energie. Abnehmen kann nur, wer Fett verliert. Fett wird nur verbrannt, wenn kein Insulin ausgeschüttet wird.

Eine kohlehydratreiche Kost sorgt also für dauernde Insulinausschüttung und verhindert die Fettverbrennung und das Abnehmen. Dauernde Insulinausschüttung kann außerdem zu einer Insulinresistenz führen. Die Zellen reagieren nicht mehr auf das Hormon Insulin und die Bauchspeicheldrüse muss umso mehr davon produzieren, um einen Effekt zu erzielen. Diabetes vom Typ II ist eine Stoffwechselkrankheit, die häufig durch eine Insulinresistenz gekennzeichnet ist.

Die „Wenig Fett, reichlich Kohlehydrate-Paradigma“ macht als Ursache der Fettleibigkeit die übermäßige Aufnahme von Kalorien insgesamt bei gleichzeitigem Bewegungsmangel aus. Im Grunde wird also ein Umstand verantwortlich gemacht, über den wir alle glücklich sein sollten: die allgemeine und überreichliche Versorgung großer Teile der Weltbevölkerung mit mehr Nahrung als jemals zuvor. Eher linksgerichtete – häufig menschenfeindlich ausgerichtete – Beobachter folgern aus der überreichlichen Versorgung und zunehmenden Verfettung, dass die Menschheit zu einem kargeren Leben zurückkehren sollten, dass Nahrungsmittelüberfluss etwas Schlechtes ist und dass Mangel zu bevorzugen ist. Das „Wenig Fett, reichlich Kohlehydrate-Paradigma“ ermöglicht es andererseits eher rechten Kommentatoren, die Fettleibigkeit einer gewissen Disziplinlosigkeit der verfettenden Massen oder überreichlicher monetärer Umverteilung an die Unterschicht zuzuschreiben. Richtigerweise sollte man jedoch den Einfluss des Staates auf die Propagierung bestimmter Ernährungsweisen genauer unter die Lupe nehmen.

Quellen zum Einstieg:


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