Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Orakel Paul: Wenn Oberhausen Hauptstadt wird

von Gérard Bökenkamp

Experten, Politiker, Fußball und ein Oktopus

Es gibt Menschen, die von einer Sache noch nie etwas gehört haben, Menschen, die sich mit einer Sache auskennen, und Menschen, die sich mit einer Sache richtig gut auskennen – so wird auf jeden Fall behauptet. Letztere nennen wir Experten. Und weil sie sich so gut auskennen, haben wir in der modernen Gesellschaft einen Großteil der Entscheidungen über unser Leben an sie delegiert. Experten erklären, wie man sein Geld anlegen soll, Experten erklären, welche Nahrung man zu sich nehmen soll, Experten erklären, wie man seine Kinder erziehen soll, Experten erklären, ob man das Auto oder lieber das Fahrrad benutzt. Sie schauen auch in die Zukunft. Die Experten sagen voraus, wie hoch das Wachstum im nächsten Jahr sein wird, wie stark die Temperatur bis zum 2050 steigt und was passiert, wenn es nicht gelingt, die Zahl der Studenten drastisch zu erhöhen.

Deutschland wählt zwar alle vier Jahre das Parlament und überträgt den Abgeordneten Entscheidungsgewalt, aber auch die Volksvertreter haben inzwischen einen Großteil ihrer Entscheidungskompetenz an Experten delegiert. Den Experten in den Ministerien, den Experten in Brüssel, den Experten der Banken usw. Wenn man mit Bundestagsabgeordneten über die Finanzpolitik der letzten Zeit spricht, dann ist die häufigste Aussage darüber, warum sie Bankenrettungspaketen und der massiven Verschuldung zugestimmt haben, die Erklärung, dass sie auf die Experten gehört haben. Was hätten sie denn machen sollen? Wenn der Chef der Bundesbank sagt, dass die Welt untergeht, wenn man keine Milliarden Bürgschaften übernimmt: Was bleibt einem da anderes übrig als zuzustimmen – auch wenn einem flau dabei im Magen wird. Wenn die Experten sagen, dass die Welt untergeht, wenn man nicht sofort mit dem „ökologischen Umbau“ der Gesellschaft beginnt: Was soll man da anderes tun, als das Land mit Windrädern vollzupflastern. Die „Experten“ haben schließlich gesprochen, und für den Weltuntergang will schließlich niemand verantwortlich sein.

Jeder Bereich hat seine Experten. Der Finanzsektor hat seine Experten, die Familie hat ihre Experten, die Umwelt hat ihre Experten und der Fußball hat sie auch. Die Experten für den Fußball analysieren die Spieltaktik der verschiedenen Mannschaften, die Potentiale der einzelnen Spieler, beobachten den Verlauf der Spiele mit und ohne Zeitlupe, sie werten Spielstatistiken aus. Daraus leiten sie dann Aussagen über die Wahrscheinlichkeit der Spielergebnisse in den kommenden Runden aus und benennen die Favoriten. So sehr unterscheidet sich die Tätigkeit der Sportkommentatoren nicht von der Tätigkeit der Finanzexperten, Bildungsexperten oder der Klimatologen. Nun sind die Medien voll von der Berichterstattung, dass ein Krake aus Oberhausen mit seinen „Prognosen“ die Experten auf die Plätze verwiesen hat.

Paul lebt in einem „Sealife“-Aquarium im nordrhein-westfälischen Oberhausen. Besondere Berühmtheit erreichte Paul, weil er sechs aufeinanderfolgende Spielausgänge – Sieg oder Niederlage – der Begegnungen mit deutscher Beteiligung korrekt „voraussagte“. Es lässt sich wohl kaum ein Fußballexperte finden, der trotz seines großen Erfahrungsschatzes und scharfer Analyse so treffsicher prognostiziert hat. Bei der Euphorie um die seherischen Fähigkeiten des Oktopus ist es erstaunlich, dass bislang noch niemand auf die Idee gekommen ist, ihn auch einmal zu anderen Dingen zu befragen. Wie wäre es zum Beispiel mit Wirtschaft und Politik? Hätte man Paul doch vor einigen Jahren einmal danach gefragt, ob es eine Blase am amerikanischen Immobilienmarkt gibt! Möglicherweise hätte Paul auch damals besser abgeschnitten als die ökonomischen Geistesgrößen, welche die Regierungen beraten haben.

Da unser Parlament inzwischen ohnehin im wesentlichen die Meinung von Experten absegnet, und Experten, belegt am Beispiel dieser WM, nachweislich in ihren Vorhersagen nicht besser abschneiden als ein achtbeiniges Wasserwesen in einem Aquarium in Oberhausen, könnte man die Entscheidungskompetenz genauso gut gleich an Krake Paul delegieren. Erst einmal würde das eine Menge Geld sparen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass das Aquarium von Krake Paul aus Repräsentationsgründen etwas komfortabler ausgestaltet werden müsste als bisher und sicher auch einige zusätzliche Mittel für seinen Schutz bereit gestellt werden müssten, wird das schwerlich dieselben Summen kosten wie das Heer von Abgeordneten, Büromitarbeiten, Beratern, Sachverständigen und Analysten, die das heutige Berlin bevölkern und heute Entscheidungen aufgrund von Prognosen treffen, deren Trefferquote selten besser ist als die der Sportkommentatoren.

Und die Herrschaft von weisen Tieren ist kulturgeschichtlich durchaus kein neues Phänomen. Angeblich folgten die Elbslawen im hohen Mittelalter dem Rat eines heiligen Pferdes in einer großen Tempelanlage. Als die sie missionierenden Deutschen das Pferd entführten, soll das zu einer echten politischen und moralischen Krise geführt haben. Das Pferd wird vermutlich seine Meinung auf ähnliche Weise kundgetan haben wie unser Oktopus heute, nämlich mit physischen Regungen wie dem Aufstampfen mit den Hufen und lautem Wiehern. Paul bekam mit den jeweiligen Nationalflaggen beklebte Boxen mit Tierfutter vorgesetzt und wählte in sechs aufeinanderfolgenden Spielen die Box mit der Flagge des späteren Siegers. Mann könnte Krake Paul die politischen Entscheidungen etwa so vorlegen, wie man ihm heute die Prognosen über das nächste Fußballspiel vorlegt. Es gibt zwei Behälter, etwa mit den Bildern der ehemaligen Notenbankpräsidenten Alan Greenspan und Paul Volcker, von denen der erste für Inflationspolitik und der zweite für Inflationsbekämpfung steht. Wenn Paul die Muschel aus dem Greenspan-Behälter holt, dann bedeutet das, dass die Zinsen gesenkt werden müssen, wenn er sie aus dem Volcker-Behälter holt, dann sollen sie erhöht werden.

Ob Krake Paul, dem man eine Ahnungslosigkeit in geldpolitischen Fragen unterstellen darf, schlechter abschneiden würde, als die gigantischen Zentralbankapparate mit ihren Legionen von Ökonomen, kann man gut begründet bezweifeln. Genauso könnte Paul sich zu Steuererhöhungen, zusätzlicher Kreditaufnahme und Rettungspaketen äußern. Natürlich wird auch das große Orakel oft falsch liegen, aber er wird wohl schwerlich so lange und so konsequent falsch liegen wie die von bewussten und unbewussten Interessen getriebenen „Experten“. Das ergibt sich schon aus den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Vielleicht würde man dann über die Epoche von Pauls Regentschaft in ferner Zukunft folgendes in den alten Schriften lesen können:

Denn es begab sich zu der Zeit, als Deutschland von einem weisen Oktopus regiert wurde. Im großen und ganzen waren die Menschen damals zufrieden, denn etwa 50 Prozent der Entscheidungen, die das Orakel Paul getroffen hatte, waren richtig. Das ist eine größere Trefferquote als je ein Herrscher vor oder nach ihm erreicht hatte. Da der weise Krake weder Neid, noch Rachsucht, noch krankhaften Ehrgeiz, noch Selbstdarstellungsdrang und Eitelkeit kannte – wie es bei den meisten Herrschern ohne Zweifel der Fall ist – und da er weder Schmeicheleien, Bestechungen und Drohungen, noch irgendetwas anderes außerhalb seines Wasserbehälters wahrnahm und davon beeinflusst werden konnte, war es fürwahr ein goldenes Zeitalter.

Dieser Text ist zwar ausnahmsweise einmal eine Glosse, aber wenn ich darüber nachdenke, ob ich lieber von den Experten der Zentralbanken, der Umweltschutzverbände und der Gewerkschaften, unserer werten Kanzlerin oder Herrn Gabriel regiert werden möchte, oder von Krake Paul in Oberhausen, komme ich doch beim Verfassen des Textes ein wenig ins Grübeln. Der eine oder andere Leser wird diese Verunsicherung vielleicht nachvollziehen können, die sicherlich noch weiter zunehmen wird, sollte Paul auch morgen und übermorgen wieder recht behalten.

 

Information:

Okrakel Paul: Video auf Youtube

09. Juli 2010

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