27. Juli 2010

Egoismen Die Brutstätten der Moral

Ein Essay

Egoismus 1.0: Das Gruppen-Ego

Im Juli 2009 wurde in Saudi Arabien eine Misswahl veranstaltet. Die besonderen Anforderungen an die zu kürende Miss bestanden jedoch nicht darin, überdurchschnittlich schön und attraktiv zu sein, nein, die Kandidatinnen hatte vielmehr nur dann eine Chance, die Wahl zu gewinnen, wenn sie fromm und fügsam waren. Drei Monate lang prüfte die Jury die Charakterfestigkeit der insgesamt 275 zum Casting angetretenen jungen Frauen. Gehorsam gegenüber Eltern, Familie und Gesellschaft war das Hauptkriterium des Ausleseverfahrens. Die 18 jährige Aia Ali el Mulla bestand die kulturellen, sozialen und psychologischen Tests am besten und ging schließlich als Siegerin hervor.

Nach Aussage von Khadra al-Mubarak, der Organisatorin dieser Tugendshow, repräsentieren die Gewinnerinnen des Castings die Kultur der saudiarabischen Gesellschaft und deren hohen islamischen Sitten am besten. 

Was hat dieser Event mit dem Thema Egoismus zu tun? Gar nichts. Egoismus gehört nämlich in diesen Kulturkreisen zu den größten Sünden überhaupt und ist damit von vornherein tabu.

Mit dem Verlangen nach Eigensinn, Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit lebt es sich gefährlich in islamischen Gesellschaften. Am stärksten gefährdet sind Frauen. Vor allem, wenn sie in Afghanistan oder in Somalia leben. Sie riskieren Leib und Leben, wenn sie sich nicht an die dort geltenden Sitten halten. Die Mullahs führen ein strenges Regiment. Wer nicht gehorcht, wird gezüchtigt, verstümmelt oder zum Tode verurteilt. Aber auch Männern drohen harte Sanktionen. Insbesondere, wenn sie sich anschicken im Iran Geisteswissenschaften zu studieren oder gar wie der reformislamistische Politstratege Said Hajjarian als Professor an der Universität von Teheran Soziologie zu lehren und sich dabei zu intensiv mit den deutschen Vordenkern Jürgen Habermas und Max Weber zu beschäftigen.

Was sagt uns das? Der Islam ist individualismusfeindlich. Aber nicht nur er, sondern sämtliche Kulturen und Gesellschaften, in denen es an Wohlstand, Bildung und Mobilität mangelt. Hinter dieser ausgeprägten Individualismusfeindlichkeit steckt eine nüchterne Logik: Von Beginn der Menschheitsgeschichte an ist das Individuum auf den Schutz einer intakten Gemeinschaft angewiesen. Starke Gemeinschaften retten vor Gefahr, lindern Not und bannen Angst. Deshalb ist der Zusammenhalt untereinander so wichtig. Egoismus kann bei diesen gesellschaftlichen Strukturen nicht geduldet werden, er wäre lebensgefährlich. Diese Gefährdungslage prägte die Ethik und Moral von Clan- und Sippenkulturen und gilt dort auch noch bis heute. Ehebruch, Scheidung, Abtreibung, Empfängnisverhütung, Selbstbefriedigung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Geiz und Eitelkeit schwächen jede Gemeinschaft. Sexuelle und narzisstische Triebregungen stören den sozialen Frieden und müssen daher unterdrückt werden. 

Immer wieder haben es Gruppen jedoch mit einzelnen Mitgliedern zu tun, die ausbrechen wollen, weil es ihnen zu eng und zu rigide hergeht oder der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit übermächtig wird. Das kann sich eine Gruppe jedoch nicht gefallen lassen, will sie nicht riskieren, auseinander zu brechen. Bei Ehebruch oder Republikflucht drohen drakonische Strafen. Ein jeder hat an seinem Platz zu bleiben, keiner schert aus. Ob im Falle der ungehorsamen Ehefrau oder der abtrünnigen Schwester, ob im Falle Tibets oder Tschetscheniens, auf Emanzipations- oder Separationsbewegungen wird mit familiärer Gewalt oder militärischer Härte geantwortet.

Auch wenn dies nicht so scheinen mag, ein solches Verhalten ist extrem egoistisch. Allerdings haben wir es hier nicht mit einem übermächtigen Individual-, sondern mit einem dominanten Gruppenego zu tun. Weshalb ich diese Erscheinungsform des Egoismus als Variante 1.0 bezeichne: Den Gruppenegoismus. 

Jede Gruppe hat ihren eigenen Kodex. Weil jedoch sämtliche Gruppen dasselbe Ziel verfolgen, nämlich stark und mächtig zu werden und auch zu bleiben, sind die Regeln überall dieselben:

Die Gruppe muss zusammenhalten. Keiner schert aus. Wer dennoch ausschert, wird hart bestraft. Alles, was die Gruppe schwächt, ist Sünde. Alles, was die Gruppe stärkt, ist tugendhaft. Wer sein Leben für die Gruppe opfert, ist ein Held. Wer den Mitgliedern der eigenen Gruppe bei Gefahr nicht beisteht, ist ein Feigling. Wer die Gruppe kritisiert, beleidigt sämtliche Mitglieder. Die Gruppe bestimmt, was wahr ist und was falsch. Wer anderer Meinung ist, ist ein Verräter. Einer für alle, alle für einen.

Das ist stark vereinfacht der Ethos von Clan- und Sippengesellschaften, von Familiendynastien, aber auch von sozialistischen Kollektiven.

Egoismus 2.O: Die Egozentrik der Ellenbogengesellschaft

Am 7. Februar 2005 wurde die Kurdin Hatun Sürücü mit mehreren Schüssen in den Kopf und den Oberkörper an einer einsamen Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof niedergestreckt. Die tödlichen Schüsse fielen aus nächster Nähe. Sie wurden von Hatuns eigenem Bruder, dem 18-jährigen Ayhan abgefeuert. Dieser Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen „Ehrenmord“, an dem wohl die gesamte Familie beteiligt gewesen ist. Grund war der westliche Lebensstil, zu dem sich die in Berlin aufgewachsene Hatun hingezogen fühlte. Mit Fünfzehn Jahren war sie in der Türkei mit ihrem Cousin zwangsverheiratet worden, hielt es dort jedoch nicht lange aus und kehrte nach kurzer Zeit schwanger nach Berlin zurück. Sie weigerte sich standhaft, ein Kopftuch zu tragen und floh nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Eltern und den Brüdern in ein Mutter-Kind-Heim. Dort holte sie ihren Hauptschulabschluss nach und begann mit einer Ausbildung zur Elektrotechnikerin. Zwischendurch hatte sie ein paar Liebschaften, auch mit deutschen Männern. Diese Schande war dem Clan zu viel. Über Hatun wurde das Todesurteil verhängt und der jüngste Bruder musste es vollstrecken. Hier haben wir es mit einem klassischen Fall der Egoismus-Variante 1.0 zu tun. Hatun war dem Gruppen-Egoismus ihres Clans zum Opfer gefallen, genauso wie Günter Litfin, Roland Hoff, Rudolf Urban, Bernd Lüsser und mindestens 121 andere ostdeutsche Bürger, die die Flucht vor dem Gruppenegoismus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik nicht überlebten. Oder nehmen wir die 27-jährige Neda Agha-Soltan. Sie wurde, so wird zumindest von Augenzeugen behauptet, während der Unruhen im Gefolge der iranischen Präsidentschaftswahlen von einem Angehörigen der paramilitärischen Bassidsch-Miliz erschossen. Ein Handy-Video, das ihren Tod dokumentierte, ging um die Welt. Ihr wurde zum Verhängnis, dass sie sich nicht mehr mit den Machenschaften der Teheraner Politikerkaste identifizieren konnte und deshalb für die Ablösung dieses Regimes auf die Straße ging. 

Was bewegte all diese Menschen gegen ihre Familie, den eigenen Staat, das Regime aufzubegehren und trotz Gefahr für Leib und Leben die Geborgenheit, aber auch die Enge der Gemeinschaft zu verlassen und ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu suchen? Sie haben ihr eigenes Ich, ihr eigenes Ego entdeckt. Und damit sind wir beim Egoismus der Variante 2.0 angekommen. Hier haben wir es nicht mehr mit einem Gruppen-, sondern mit einem Individual-Ego zu tun. Das ist genau das Ego, vor dem alle Priester und Moralisten der Welt immer wieder gewarnt haben. Das Individual-Ego hat sich, so scheint es, entgegen aller drastischen Versuche einen fortschreitenden Individualisierungs-Prozess zu unterbinden, schlussendlich durchgesetzt. Zumindest in unseren Breitengraden. Der Kampf war hart und verlustreich. Aber er hat sich gelohnt. Es will wohl niemand mehr ernsthaft die Verhältnisse zurück haben, wie sie in der DDR oder in der Sowjetunion herrschten. Aber dennoch, es sind noch viele nicht in der Individualwelt angekommen.

Ein stabiles Individual-Ego ist nicht, wie viele meinen, ein Geschenk Gottes, sondern das Ergebnis eines Reife- und Entwicklungsprozesses, der im Einzelfall unterschiedlich abläuft und auch unvollendet bleiben kann. Genau hierin liegt das Problem. Das individuelle Ich muss sich zuerst formen und entwickeln, bevor es seine eigentliche Aufgabe erfüllen kann: Nämlich uns allen zu helfen, den Alltag und die Herausforderungen eines Lebens außerhalb der schützenden Gemeinschaft von Familien, Clans oder Kollektiven zu meistern.

In jedem von uns steckt ein unzerstörbarer narzisstischer Kern. Dieser narzisstische Kern ist es, der unser Ego wachsen und gedeihen lässt und es mit seinen Triebenergien zur Entfaltung bringt. Es ist daher unser unausweichliches Schicksal und unsere Aufgabe, so scheint es, den eigenen, individuellen Weg zu gehen und nicht als Teil eines großen Ganzen, sondern als Einzelwesen zu wachsen und zu reifen.

Damit sind jedoch viele überfordert, denn unser Ich formt sich zunächst nur sehr zögerlich aus einem äußerst instabilen, verletzlichen und fragilen Bewusstseinsfeld. So lange sich dieses Bewusstseinsfeld nicht hinreichend gefestigt hat, lebt unser Ich in der ständigen Angst zu kollabieren oder von einem anderen, größeren Ich aufgesogen zu werden.

Damit haben wir die Gefährdungslage der Egoismus-Variante 2.0 herausgeschält: Die Angst vor dem Ego-Kollaps. Folge: Ein Ich gebärdet sich umso „egoistischer“, je instabiler und fragiler es sich fühlt. Wir haben es in diesem Fall mit einem Phänomen zu tun, das ich als Paradoxon der Egoismus-Variante 2.0 bezeichne: Je instabiler das Ego, umso „egoistischer“ verhält sich der Mensch. Dieses Paradoxon gefährdet nicht nur die Gemeinschaft, nein, es verhindert sie sogar. Denn so lange ein Ich nicht stabil ist, grenzt es sich permanent ab, es erträgt keine Nähe und geht deshalb sofort auf Distanz, wenn es sich bedroht fühlt. Die Devise lautet: Bleib mir ja vom Leib und komm mir nicht zu nah! Der Focus unserer Aufmerksamkeit ist ständig auf das eigene Ich ausgerichtet. Das Ich steht permanent im Zentrum unserer Betrachtungen, wir haben uns zu einer egozentrischen und narzisstischen Gesellschaft entwickelt.

Dieses Paradoxon ruft die Individualismuskritiker und Individualismuspessimisten auf den Plan. Sie bezweifeln, dass das Individuum je stark genug sein wird, ein freies, eigenständiges und sozialverträgliches Leben zu führen. Der Einzelne, so unken sie, wird vereinsamt und ohne jede soziale Einbindung in der anonymen Masse auf- und schließlich untergehen. Sie scheinen recht zu haben, denn der Egoismus der Variante 2.0 ist alles andere als der gelungene Entwurf einer neuen Gesellschaftsform. Deshalb wird er von linken und rechten Kräften bekämpft. Beide Seiten suchen ihr Heil in der Rückkehr zu kollektivistischen Gesellschaftsstrukturen.

Doch es gibt kein Zurück mehr. Der Prozess der Massenindividualisierung ist zu weit fortgeschritten. Er kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und zwar aus folgenden Gründen:

Wir leben in einem narzisstischen Zeitalter. Die freigesetzten narzisstischen Triebenergien sind inzwischen so gewaltig, dass sie sich weder verdrängen noch regulieren lassen. 

Durch die Faktoren Wohlstand, Bildung und Mobilität ist es immer mehr Menschen möglich, allein und ohne Unterstützung von Familie oder Kollektiv ein freies und unabhängiges Leben zu führen. Ein solches Leben wird stets einem von Abhängigkeiten und Einschränkungen begleiteten Dasein vorgezogen.

Halten wir an dieser Stelle also fest, dass die vorherrschende westliche Gesellschaftsstruktur eine individualistische ist.

Eine solche Gesellschaftsstruktur gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Das ist absolut einmalig. Deshalb gibt es für diesen Zustand auch noch keine allgemein gültigen Regeln und Standards, weshalb ich diesen Zustand als unkultivierten Individualismus bezeichne. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass sich diese Gesellschaftsform noch keine Regeln gegeben hat. Sie hat durchaus ihre eigenen Spielregeln entwickelt.

Diese Regeln dienen, wie die in der kollektivistischen Epoche auch, der Abwehr einer Gefährdungslage. Ging es in der vorindividualistischen Phase darum, die Gruppe zu stärken und sie zusammen zu halten, so müssen die Regeln des unkultivierten Individualismus zwangsläufig dem Überleben des Individual-Egos dienen. Der einzelne Mensch muss sich aus den Abhängigkeiten von anderen Menschen und Instanzen lösen, er muss sich emanzipieren. Wie also sichert sich ein instabiles Ego davor ab, nicht zu kollabieren?

Es geht zunächst zu allem und jedem auf Distanz. Es definiert sich über seine Andersartigkeit und seine Einmaligkeit. Im Gegensatz zum Kollektivismus wird nicht das Einende, die Solidarität untereinander, sondern das Trennende (über-)betont. Das bedeutet, dass sich zwangsläufig anstatt einer Strategie des Miteinander (gemeinsam sind wir stark), eine Strategie des „Jeder gegen Jeden“ durchgesetzt hat. Diese Strategie führte auf direktem Weg in die Ellenbogengesellschaft.

Um alleine überleben zu können, braucht man vor allem eines: Geld. Geld ist der Schlüssel zu Freiheit und Unabhängigkeit. Ohne eigenes Geld sind und bleiben wir von der Familie oder dem Kollektiv abhängig.

Der Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und Einmaligkeit ist tief in uns verankert. Die Sehnsucht nach einem freien und unabhängigen Leben wird von unserem narzisstischen Kern gespeist. Er ist der Stachel in unserem Fleisch, der auch dann nicht ruht, wenn wir scheinbar schon alles haben. Also dreht sich in dieser Phase alles um Gott Mammon. Nur Geld und individuelle Stärke schützt uns vor dem Rückfall in die archaischen Zeiten des Kollektivs und der Abhängigkeit von Überlebensgemeinschaften.

Daraus lässt sich folgender Ethos für die Ellenbogengesellschaft (unkultivierter Individualismus oder Egoismus der Variante 2.0) ableiten:

Sei stets dein eigener Herr. Nur Reichtum sichert deine individuelle Freiheit und Unabhängigkeit. Halte alles und jeden auf Distanz, vermeide Nähe und lass niemanden an dich ran. Schwäche, Armut, mangelnder Ehrgeiz, Dummheit, Naivität, Inkompetenz, Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, Treue, Krankheit und Alter sind bedrohlich und gefährlich. Ehrgeiz, Durchsetzungsvermögen, Macht- und Gewinnstreben, Skrupellosigkeit, Fitness, Cleverness, Geiz und Risikobereitschaft sind überlebensnotwendig. 

Ein solcher Ethos führt dazu, dass es nur wenige Gewinner und viele Verlierer geben wird. Er ist absolut unsozial, anarchistisch, marktradikal und egomanisch und schafft damit eine neue Gefährdungslage: Den Kollaps der Wirtschafts- und Sozialsysteme. Damit wäre die wichtigste Grundvoraussetzung für eine individualistische Gesellschaftsform extrem gefährdet: allgemeiner Wohlstand. Aus dieser Gefährdungslage heraus muss sich eine neue Überlebensstrategie, ein neuer Egoismus, ein Egoismus der Variante 3.0 entwickeln. Sollte dies nicht gelingen, droht ein Rückfall in kollektivistisch geprägte Gesellschaftsstrukturen. 

Egoismus 3.0: Die Ichstärke des kultivierten Individualismus

Wie bereits beschrieben, schützt und stärkt der Egoismus der Variante 1.0 die Gruppe und verhindert das Abweichen der einzelnen Mitglieder von den Gruppennormen.

Der Egoismus der Variante 2.0 sorgt dafür, dass sich das Individuum von der Gruppe lösen und seinen eigenen Entwicklungsweg gehen kann. Egoismus der Variante 2.0 stellt also nicht die Gruppe, sondern das individuelle Ich in den Mittelpunkt (Egozentrik). Das erfordert eine komplett andere Sozialstruktur und eine andere Ethik.

Um sich von Macht und Einfluss der Gruppe zu emanzipieren, muss das individuelle Ich lernen, sich abzugrenzen und eine stabile Eigendrehung zu entwickeln. Die gesamte Kraft und Energie muss auf die Ausformung und Entwicklung der Egostrukturen gerichtet werden. Gemeinschaft wird nicht gesucht, sondern gemieden. Das Trennende wird überbetont, um die eigene Identität zu finden und zu definieren. So lange das Ich mit einem labilen Gleichgewichtszustand zu kämpfen hat, lebt es in der ständigen Angst vor einem Kollaps oder dem Rückfall ins verschlingende Bewusstseinsfeld eines Kollektivs.

Nähe wird während dieser Phase automatisch als bedrohlich empfunden. Das geht auf Kosten der Solidarität und der Hingabefähigkeit und hat zur Folge, dass Familien sowie andere Solidar- und Überlebensgemeinschaften den Rückhalt ihrer Mitglieder verlieren und auseinander fallen.

Genau dieser Prozess spielt sich gegenwärtig ab. Das hat seine Vor-, aber auch Nachteile. Wer stark genug ist, der findet seinen Weg alleine und kann sich gut behaupten. Doch was ist mit den Schwachen? Was ist mit jenen, die während der kollektivistischen Phase im Schutze der Gruppe ihr Auskommen und ihre Nische gefunden haben, nun aber immer mehr den Rückhalt der Gemeinschaft verlieren? Sie fühlen sich überfordert und allein gelassen, denn sie haben sich ja nicht freiwillig dieser Entwicklung anvertraut. So, wie es Menschen gibt, die zwangsweise in Gemeinschaften leben müssen und sich nicht einfach aus dem Staub machen können, so gibt es Menschen, die unfreiwillig für sich alleine sorgen müssen, weil sich keiner um sie kümmert. Sie gehören zu den Verlierern des Individualisierungsprozesses. Aber auch jene, die scheinbar stark und autark ihre Bahnen ziehen, erleben diese Situation mitunter als unbefriedigend. Nähe, Wärme, Solidarität, Mitgefühl, all das kann nicht gelebt werden, die Gesellschaft fällt immer mehr auseinander und droht zu verrohen.

Mit dieser Feststellung haben wir die Gefährdungslage des Egoismus der Variante 3.0 definiert. Die aktuelle Bedrohung besteht also darin, dass sich die moderne Gesellschaft zwar ganz bewusst und aus guten Gründen für eine Individualkultur entschieden hat, jedoch für eine solche Gesellschaftsform noch keine allgemein gültigen Regeln entwickelt werden konnten.

Der durch Überlebensgemeinschaften gewährleistete Schutz kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Er lässt sich auch nie mehr zurück gewinnen. Jeder ist auf sich allein gestellt. Die vereinzelten Mitglieder der Gesellschaft haben als Antwort darauf die Ellenbogen ausgefahren. Im Kampf jeder gegen jeden fallen die letzten Skrupel. Wir sind einander auf allen Lebensfeldern zu Rivalen und Konkurrenten geworden. 

Wo liegt die Rettung? Im Zurück zum Kollektiv? Das liegt nahe, wird auch vielfach vehement von den linken (aber auch rechten) Kräften unserer Gesellschaft eingefordert, scheitert aber daran, dass ihren Appellen keiner mehr so richtig folgen will. Die Furcht jedes einzelnen Individuums vor dem Egokollaps entzieht den klassischen Solidargemeinschaften und Kollektiven Kraft und Substanz. Die Angst vor Nähe ist zum Massenphänomen geworden. Sie zersetzt jede Form von Gemeinschaftssinn. Den Rest erledigt die narzisstische Triebenergie. Ohne sie wäre der individuelle Reifeprozess nämlich gar nicht möglich.

Einen Weg zurück gibt es also nicht. Damit liegt die Richtung fest. Es kann nur nach vorne gehen. Keiner will mehr seine mühsam gewonnene Egostruktur wieder in den kollektiven Sumpf zurücksinken lassen. Das individuelle Ich ringt mit aller Macht um seine Existenz. Es versucht krampfhaft sich zu behaupten und zu festigen. Nicht abschwächen, sondern stärken, heißt daher die Devise für unser Bedürfnis nach Einmaligkeit, Freiheit und Unabhängigkeit. Wir müssen unsere Individualität kultivieren. Wir brauchen einen starken und belastbaren, wir brauchen einen kultivierten Individualismus.

Nur ein starkes Ego, das sich seiner selbst sicher ist, kann Nähe zulassen. Die Angst vor Hingabe muss überwunden werden und einer selbstbewussten Begegnungs- und Beziehungskultur weichen. Das Ego der Variante 3.0 ist sich also seiner selbst bewusst. Es ist gefestigt, kultiviert und beziehungsfähig. Repräsentiert der Egoismus der Variante 2.0 noch eine sehr unkultivierte Form des Individualismus, so entwickelt sich der Egoismus in der Variante 3.0 zu einer Individualkultur auf hohem Niveau, zu einem kultivierten, einem „high level“ Individualismus.

Die Tugenden des kultivierten Individualismus lesen sich folgendermaßen: Ganzheitlichkeit, Eigenständigkeit, Souveränität, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Offenheit, Hingabefähigkeit, Ehrlichkeit, Lauterkeit, Selbstbewusstsein, Bildung, Höflichkeit, Mitgefühl, Toleranz, umfassende Kompetenz, Gerechtigkeitssinn und Zivilcourage.

Zu den Sünden zählen: Gier, Macht- und Dominanzstreben, Herrschsucht, Selbstsucht, Skrupellosigkeit, Habsucht, Intoleranz, Unehrlichkeit, Heuchelei, Arroganz, Neid, Eifersucht, Geiz, Maßlosigkeit, Dummheit, Ignoranz, Vergeudung, Grausamkeit, Aggression, Heimtücke, Gemeinheit, Vertragsbruch, Gleichgültigkeit. 

Wer auf seine Gesundheit achtet, wer in der Lage ist, für sein Auskommen selbst zu sorgen, wer über einen geschulten Intellekt verfügt, wer seine emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz zur Entfaltung gebracht hat, wem ein tragfähiges Welt- und Menschenbild Halt und Orientierung gibt, der verfügt über eine starke Ichstruktur, der hat ein stabiles Selbstwertgefühl. Der kann es sich leisten, tolerant, großzügig, souverän, offen, mitfühlend, hilfsbereit, couragiert und verlässlich zu sein. Wer unter gravierenden Defiziten zu leiden hat, wird viel eher nach den Regeln der Ellenbogengesellschaft handeln. Er wird im anderen meist den Rivalen und Konkurrenten sehen, er wird sich aus Angst vor dem Verlust der eigenen Identität abgrenzen und absondern, gleichzeitig jedoch den Mangel an Nähe und Solidarität beklagen. Es ist an der Zeit, für eine neue Form von Egoismus. Pflegen wir künftig einen kultivierten Egoismus, indem wir für uns selbst die volle Verantwortung übernehmen. Wenn es uns gelingt, gesund zu bleiben, unser eigenes Geld zu verdienen, unseren Intellekt zu schulen, unsere Beziehungen zu pflegen und ein tragfähiges Welt- und Menschenbild zu entwickeln, dann erreichen wir einen hohen Freiheits- und Individualisierungsgrad.

Das Entscheidende daran ist, dass nur wir selbst dies erledigen können. Diese Arbeit an unserer individuellen Stärke kann uns niemand abnehmen. Wir können das nicht delegieren. Ich kann Ihnen jedoch allen versichern: Es lohnt sich. Die Welt wird dadurch besser und schöner.


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Autor

Wolfgang Baumbast

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