31. Juli 2010

Das überkommene Ernährungsparadigma (Teil 2) Austausch von Kohlehydraten zugunsten von Fett

Der moderne Mensch isst, was ihn nur langfristig töten kann

Das Schimpansengehege im Zoo von Hannover ist eine schöne Attraktion. Die lustigen Burschen machen Spaß, insbesondere wenn Fütterungszeit ist. Wenn die Pflegerin leckere Karotten in die Runde werfen will, winken die Schimpansen und fangen ihr Futter geschickt auf. Weniger schmackhaftes Gemüse wird zuerst mit den Händen und Füssen gehortet, vor allem dann, wenn die Pflegerin wieder Mohrrüben zu vergeben hat, was mit wildem Gestikulieren begrüßt wird. Zu den wichtigsten Erkenntnissen gehört, dass die Schimpansen nur selten mit Bananen oder anderem Obst gefüttert werden. Dieses ist zu zuckerreich. „Die Schimpansen werden dick davon“, erklärt die Zoo-Angestellte. Es ist beachtlich, dass Tierpfleger wissen, dass Kohlehydrate Menschenaffen dick machen, während die Mehrzahl der Menschen und ihre Pfleger, die Ernährungsforscher, glauben, dass Fett sie dick macht.

Menschen sind wie Schimpansen keine Herbivoren sondern Allesfresser. Die Beobachtungen im Zoo von Hannover können zwar die im ersten Teil erläuterte Hypothese, dass Kohlehydrate und nicht übermäßiger Fettkonsum dick machen, nicht beweisen, aber doch ein Indiz für ihre Richtigkeit sein. Kohlehydrate nehmen einen ganz beachtlichen Anteil an der menschlichen Ernährung ein. Für den westlich-modernen Menschen kann man von einer durchschnittlichen Aufnahme von 2300 Kalorien pro Tag ausgehen. Davon stammen rund 20 Prozent aus einfachen Zuckern. Mindestens 20 Prozent der Kohlehydrate stammen aus Mehl. Die Vereinigung Getreide-, Markt- und Ernährungsforschung (GMF) geht für die Deutschen gar davon aus, dass 25 Prozent des täglichen Nahrungsenergiebedarfs aus Mehl stammen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) veröffentlicht Referenzwerte für den Energiebedarf. Danach soll die Aufnahme von Kohlehydraten 45 bis 60 Prozent der gesamten Energieaufnahme betragen. Der Anteil der Kohlehydrate aus weiteren Produkten wie Gemüse, Reis und Früchten beträgt dann zwischen 5 und 20 Prozent, der Einfachheit halber werden im Folgenden 15 Prozent angenommen. Der Anteil der Fette soll nach der DGE bei rund 30 Prozent liegen. Daraus ergibt sich dann ein Referenzwert für einen Proteinanteil von 15 Prozent. Es ergibt sich folgende Reihung: Einfache Zucker 20, Mehl 20, andere Kohlehydrate 15, Fette 30 und Proteine 15 Prozent.

Zucker und Mehl enthalten keine Vitamine und keine essentiellen Fettsäuren, die folgerichtig aus den übrigen 60 Prozent der Ernährung kommen müssen. Eine kohlehydratarme Ernährung kann daher im Wesentlichen durch den Austausch von Zucker und Mehl realisiert werden. Es klafft eine Lücke in der täglich erforderlichen Energiezufuhr von 40 Prozent des Tagesbedarfs. Das selbst geschaffene Loch muss mit anderen Nahrungsmitteln gefüllt werden. Mehr Reis, Gemüse und Früchte zu essen würde bedeuten, nichts anderes zu tun als auf andere Kohlehydratquellen auszuweichen. Erhöht werden muss daher der Fett und Proteinanteil. Vorzugswürdig ist eine starke Erhöhung des Fettanteils der Nahrung auf 65 bis 70  Prozent, gefolgt von 20 bis 25 Prozent Proteinen und maximal 10 Prozent Kohlehydraten.

Der menschliche Körper kann Zucker und Stärke selbst produzieren. Sie treiben die Zellen an. Manche Bakterien und primitive Einzeller können nur Energie aus Glukose aufnehmen. Evolutorisch gesehen ist die Fähigkeit, Energie in Fettdepots zu speichern und diese bei Bedarf wieder aufzulösen deutlich anspruchsvoller. Die Ausbildung dieser Fähigkeit bei Tieren war ein großer evolutorischer Vorteil. Fett hat eine wesentlich höhere Energiedichte als Kohlehydrate. Mit einer Energiedichte von 38,1 kJ/g (= 9,1 kcal/g) ist Fett der wichtigste Energielieferant. Eiweiße (Proteine) sind nicht so energiereich wie Fette. Ihre Energiedichte beträgt 17,2 kJ/g (= 4,1 kcal/g). Auch der Energiegehalt von Kohlehydraten liegt wie der der Eiweiße bei 17,2 kJ/g (= 4,1 kcal/g). Mobile Lebewesen sind darauf angewiesen, die benötigte Energie in der transportabelsten Weise zu speichern. Fettgewebe besteht nicht zu 100 Prozent aus Fett und erreicht einen Brennwert von etwa 29 kJ/g (7 kcal/g). Man kann davon ausgehen, dass der Organismus des omnivoren Menschen gelernt hat, das Fett von Beutetieren zu seinem Vorteil zu nutzen.

Hinzu kommt der Umstand, dass der Mensch die längste Zeit seiner Existenz nicht wie der moderne Mensch im Nahrungsüberfluss gelebt hat. Er war in einem viel stärkeren Maße auf die Fähigkeit zur Speicherung von Energie zur späteren Nutzung angewiesen. Zu späteren Nutzung von als Fett gespeicherter Energie (Fettoxidation) kommt es jedoch nicht, wenn der Körper Kohlehydrate aufnimmt. Die Insulinausschüttung bewirkt im Gegenteil, dass momentan nicht gebrauchte Energie als Fett eingelagert wird. Während dieses Prozesses ist die Aktivierung von Fett als Energiequelle erschwert. Studien zufolge verringert eine kohlehydratreiche Ernährung durch den höheren Insulinausstoß die Fettoxidation um bis zu 35 Prozent. Das kann noch sechs bis acht Stunden nach einer Mahlzeit der Fall sein.

Auf das gespeicherte Fett kann der Körper zugreifen, indem er das Fett zunächst in Fettsäuren aufspaltet. Durch Oxidation dieser wird im Fettstoffwechsel Energie bereitgestellt. Übergewichtige sowie Patienten mit Insulinresistenz und Diabetes mellitus II besitzen eine eingeschränkte Fettstoffwechselkapazität.

Übergewichtigkeit als verbreitetes modernes Phänomen wird wie Diabetes gern als Zivilisationskrankheit, als Wohlstandskrankheit bezeichnet. Richtigerweise ist es keine Krankheit des Wohlstands, sondern der Armut. Im Zuge der neolithischen Revolution erfand der Mensch den Ackerbau und die Nutztierhaltung. Sie waren die Antwort auf die Nahrungsmittelknappheit in den an Zahl und Größe wachsenden Gesellschaften der paläolithischen Jäger und Sammler. Der Ackerbau ist jedoch keine ausreichende Antwort auf die Herausforderungen der Nahrungsmittelversorgung, wenn er zu einer kohlehydratreichen Kost führt. Wie der altsteinzeitliche Mensch in einer Welt des Nahrungsmangels lebte, so lebt der neusteinzeitliche beziehungsweise der moderne Mensch in einer Welt der ungesunden, zweitklassigen Nahrungsquellen. Der Altsteinzeitmensch musste alles essen, was kalorischen Wert hatte, das ihn nicht sofort tötete oder vergiftete. Der moderne Mensch isst, was ihn nur langfristig töten kann. Sichtbar wird dieses Problem erst durch die in diesem Zeitalter wegen des medizinischen Fortschritts zunehmende Lebenserwartung. Gleichwohl handelt es sich um ein Problem der anhaltenden menschlichen Armut und der fortgesetzten Unzivilisiertheit, das erst durch weiteren Kapitalaufbau beseitigt werden kann.

Quellen:

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