12. August 2010

Neues Deutschland Willkommen im Prenzlauer Berg

Paranoia, der neue deutsche Geisteszustand?

Vor ein paar Wochen war ich in der Marienburger Straße. Vor dem Wohnhaus zwischen dem Kaiser’s und meiner Postfiliale plötzlich ein Riesenaufgebot an Einsatzkräften: Feuerwehr, Gasag (Berliner Gasversorger) und Polizei – und zwar richtige Polizei mit Kampfuniform und Maschinenpistolen. Auch ein Kamerateam war schon da.

Was ist hier los? Die Anwohner sind ratlos, aber ein Pressesprecher der Polizei klärt auf. Mit einem Grinsen im Gesicht berichtet er von einem jungen Mann, der die Polizei gerufen hat, weil in seinem Hausflur fremde Männer mit arabischem Aussehen Zündleitungen verlegt haben. Die vermeintlichen Terroristen sind in eine Wohnung gegangen und haben dort vermutlich eine Bombe vorbereitet, mit der sie das ganze Haus in die Luft sprengen wollen. James-Bond-mäßig ist der Augenzeuge aus seiner Wohnung im ersten Stock auf die Straße gesprungen und ins nächste Ladengeschäft gerannt. Schnell, rufen Sie die Polizei, da sind arabische Terroristen in meinem Haus, die haben Zündleitungen...

Die Polizei ist angerückt und hat die Gas-Leute gleich mitgebracht, weil die Gefahr bestand, dass Gas austritt, falls es zur Explosion kommt. Das Vorauskommando stürmte ins Haus, fand aber keine Araber. Keine Zündleitungen. Und keine Bombe. Dafür betraten die Beamten auch die Wohnung des Augenzeugen und durchsuchten sie. Dort fanden sie eine Menge harter Drogen, deren Konsum Paranoia auslösen kann. Der „Augenzeuge“ hat Halluzinationen gehabt. Willkommen im Prenzlauer Berg!

Jeder hat schon mal von diesem grünen Ökobezirk gehört, in dem sich angeblich „Deutschland neu erfindet“, wie es in der sagenhaft guten Reportage „Bionade-Biedermeier“ aus der „Zeit“ von vor drei Jahren so schön hieß, und in dem angeblich die hohen Geburtenraten erzielt werden, die im Rest des Landes vermisst werden, was so nicht stimmt. Die Grünen waren hier bei der Bundestagswahl stärkste Partei.

Und mitten in diesem Prenzlauer Berg war zu Beginn dieser Woche Strahlenalarm! Ausgerechnet hier. Im Ökozentrum. Schnell waren all die anderen gegenwärtigen Naturkatastrophen wie Feuer in Russland und Überschwemmung in Pakistan vergessen. Die Gefahr ist näher, als wir alle denken! Bei einer Routineuntersuchung wurde am Sonntag eine erhöhte Strahlung an einer Stelle in der Stargarder Straße festgestellt. Der höchste gemessene Wert betrug zehn Millisievert. Das ist eine hohe Dosis, aber keine tödliche Gefahr.

Trotzdem war die Stadt und vor allem die Leute im Bezirk den ganzen Tag aus dem Häuschen: Im Radio und in Zeitungen wurde den ganzen Tag über das Tschernobyl im Miniformat berichtet. Zunächst wurde das Auto abtransportiert, das an der Stelle stand, wo die Strahlung auftritt. Dann kam eine Bleiplatte über die Stelle. Später kam ein Katastrophenkommando und stellte ein großes Zelt auf. Die Polizei und das THW sperrten die Straße ab, als ich vorbeikam, um einen Freund zum Essen abzuholen, der in der Stargarder Straße wohnt. Der Freund war gelassen, aber so manch ein Anwohner war verängstigt. Ich sah eine Mutter, die fast in Panik ihre Tochter zu sich rief, als sie offenbar von Passanten erfahren hatte, was dort los war. Lea-Sophie, komm sofort her. Mutter und Tochter verließen unverzüglich den Schauplatz des Geschehens.

Dort wurde der Asphalt aufgerissen. Am Ende holten die Einsatzkräfte ein Metallröhrchen aus dem Erdreich, das so lang ist wie eine Zigarette und als Messgerät dient. Es hat Cäsium 137 abgestrahlt (wie Tschernobyl) Niemand weiß, wie es in die Straße gekommen ist. Jemand hat es verloren – oder es wurde vor zig Jahren mit Bauschutt zusammen dort abgekippt. Wirkliche Gefahren für die Anwohner oder Passanten haben kaum bestanden.


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