13. August 2010

Schreiben Keine Sozialarbeit, sondern ein Geschäft

Jörg Fauser gehört in den Gegenkanon bundesrepublikanischer Literatur

Heinrich Böll, Günter Grass, Siegfried Lenz und Martin Walser: Diese Namen stehen für die Nachkriegsliteratur in der Bundesrepublik Deutschland. Thorsten Hinz hat in seinem Bändchen „Literatur aus der Schuldkolonie“ vor kurzem interessante Überlegungen angestellt, wie eine andere Literaturgeschichte Westdeutschlands hätte aussehen können. Hinz nennt in diesem Zusammenhang Gerd Gaiser und Ernst von Salomon als mögliche Alternativen. An eine Renaissance dieser beiden mittlerweile weitestgehend vergessenen Autoren ist allerdings nicht zu denken.

Als mögliche Alternative zu den deutschen Dichtern des Schuldkults – für die vor allem Böll und Grass stehen – fällt mir ein Name ein, den Hinz mit Sicherheit nicht auf dem Zettel hat. Es handelt sich um Jörg Fauser. Er hat in einem Metier geglänzt, in dem deutsche Autoren sich nicht unbedingt Meriten verdient haben. Fauser hat mit „Der Schneemann“ und „Das Schlangenmaul“ exzellente Kriminalromane der harten angelsächsischen Schule vorgelegt.

Als pilsliebender Westfale habe ich mich bei der sommerlichen Lektüre von Fausers autobiographischem Roman „Rohstoff“ nicht nur an dem Satz delektiert „Ein Tag ohne Bier zählte einfach nicht“, in dem viel Wahrheit steckt. Fausers Alter Ego Harry Gelb benennt in „Rohstoff“ auch seine literarischen Vorbilder Charles Bukowski, Eric Ambler, Ross Thomas, Len Deighton und Graham Greene. Im Gegensatz zu diesen echten Erzählern waren die deutschen Romanschreiber nur „geschwätzige Langweiler“.

In „Rohstoff“ beschreibt Fauser den Drogenrausch am Bosporus, als Anarchist in den Kommunen von Berlin und als Hausbesetzer in seiner Heimat Frankfurt am Main. Dies mag auf den ersten Blick nicht unbedingt der Stoff sein, der Libertäre oder Konservative in Ekstase versetzt. Großen Spaß macht aber, wie der Nonkonformist Fauser gegen alles Spießige, Bornierte und Verengte anschreibt, das den deutschen Linken nicht nur in der untergegangenen BRD zueigen war. So findet Gelb LSD, sexuelle Libertinage und den Beat-Poeten William S. Burroughs ganz nett. Doch nebenbei schätzt er auch die Lektüre der („rechten“) Illustrierten „Quick“, zwei kleine Helle, ein Schnitzel und die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden-Württemberg.

Zuwider sind dem Möchtegernschriftsteller Gelb diese „Love&Peace-Früchtchen mit ihren Schlafsäcken, ihren Gitarren, ihrem dummen Gefasel von Woodstock, Togetherness, Karma“: „Ich habe diesen Typen nie über den Weg getraut. Sie waren alle nur hinter billigen Ficks her, besonders die, dies es ständig mit dem Bewusstsein hatten. Om. Mit Vaters Scheck durch die ‚Dritte Welt’, finanziert von Karies, Standard Oil und der Rüstungsindustrie, und dann aber über die Askese predigen, den Sojakeim, Ying-Yang und die kosmischen Strahlen.“

Fauser legt offen, wie sich diese linke Spinnerszene seit den sechziger Jahren an den Fleischtöpfen der deutschen Sozialstaats- und Kulturbürokratie laben konnte. Frühere Happening-Künstler veranstalten Meditationskreise und Schweigeübungen, um die Aggressionen in der Drogenszene abzubauen. „Die Stadt gibt was dazu, wir sitzen da öfter mit dem Kulturdezernenten zusammen“, heißt es in „Rohstoff“. Wer einmal in das x-beliebige Veranstaltungsprogramm einer mit unserem Steuergeld alimentierten Volkshochschulen geschaut hat, kommt zu der Erkenntnis, dass sich augenscheinlich nichts geändert hat am linken Schmarotzertum auf Staatskosten.

Linkes Weltverbesserertum entpuppte sich damals wie heute oft als blanker Kommerz und als kulturelle Gschaftlhuberei. Gelb merkt schnell, dass diese „swingenden Jungunternehmer im Underground-Mileu eben auch nur zeitgenössische Ausgaben jener archetypischen kleinkapitalistischen Pfennigfuchser waren, die diesem spießigen Mittelgebirgsland seinen Mief verpasst hatten“.

Und wer denkt nicht an all die über die GEZ-Zwangsgebühr fett gefütterten Funktionärsgesichter von ARD und ZDF, wenn ein arroganter bleicher langhaariger Redakteur mit Eulenaugen in Diensten des Dritten Programms des Hessischen Fernsehens beschrieben wird, der es direkt aus einem akademischen Elternhaus über das Adorno-Seminar in ein „Kulturbonzen-Büro“ geschafft hat und mit einem Gesicht versehen ist, „das nicht eine Spur echter Lebenserfahrung zeigte“? Die Welt der Drogenärzte, der Spezialkliniken, Therapeuten und Sozialarbeiter, Psychologen und Kurpfuscher und ihren Zuarbeitern von den Dezernaten mag auf die Bundesrepublik der 60er und 70er Jahre zugeschnitten sein. An den Zuständen an sich hat sich aber bis heute nichts geändert. Die Sozialarbeiter und Sozialstaatsverfechter sitzen weiterhin wie die Made im Speck ihres Sozialstaats.

Der Diogenes-Verlag hat „Rohstoff“ dankenswerterweise mit einem Interview angereichert, das Hellmuth Karasek und Jürgen Tomm in der Sendung „Autor-Scooter“ am 25. September 1984 mit Fauser geführt haben. Es trägt den schönen Titel „Schreiben ist keine Sozialarbeit“. In diesem Interview macht Fauser deutlich, dass die deutsche Literatur mehr als das ist, „was nach 1945 hier hochgespielt wurde und sich als große Weltklasseliteratur ausgegeben hat“. Bücher wie die „Blechtrommel“ hätten seiner Generation die literarischen Mythen über eine lange Zeit ausgetrieben: „Da saß man als junger Mensch vor diesem Klops und fand es nicht nur ab Seite 250 zum Gähnen langweilig, sondern es hatte außerdem mit dem, was man selbst erlebt, nichts zu tun“.

Auf die Frage von Karasek, ob er sich als Publizist bezeichne, antwortete Fauser: „Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle, und das ist ein Geschäft. Writing ist my business.“ Böll, Grass und die anderen Moralisten haben sicher viel mehr Geld mit ihren Büchern verdient als der früh verstorbene Fauser. Doch sie hätten nie zugegeben, dass sie Schreiben als normalen Broterwerb betrachten. Für sie bestand Schreiben vor allem in der Daueranklage des deutschen Volkes, mit der sich hierzulande so trefflich Geld verdienen lässt. Jedes Land hat den Literaturkanon, den es verdient. Also, Fauser lesen. Und dazu ein Schnitzel und ein Bier.


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