Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Gesundheitssystem: Patientenquittung? Nie gehört

von Ronald Gläser

Die Bürokratie weiß alles, der Kranke bekommt nichts mit

Kürzlich hatte ich ein längeres Gespräch mit einem höheren FDP-Funktionär. Er war sehr besorgt, weil die Partei so abschmiert, machte sich aber auch keine Illusionen, warum das so ist: Selbst schuld, lautete seine Diagnose. Wer so hohe Erwartungen weckt und dann nach der Wahl nichts tut, um seine Vorschläge (Steuersenkung/-reform) auch umzusetzen, der darf sich nicht wundern, wenn ihm die Wähler von der Fahne gehen.

Eine Klientel, die immer zu den Anhängern der FDP gehört hat, sei besonders enttäuscht: die Mediziner. „Dort hatten wir schon früher immer 15-20 Prozent. Aber jetzt brauchst du denen nicht mehr mit der Partei zu kommen.“ Was wünschen sich denn die Ärzte? „Vor allem Bürokratieabbau – das ist längst wichtiger als Geld“, meint er. Meine eigenen Erlebnisse bestätigen diesen Eindruck: Überall in unserem Gesundheitswesen türmt sich ein Berg an Bürokratie auf. Gerade in Kliniken ist das spürbar. Schon bei der Aufnahmeprozedur werden Formulare ausgefüllt, Erklärungen unterschrieben, Zettelchen ausgedruckt, was das Zeug hält. Wer dann von einem Arzt behandelt wird, der erlebt oft einen Mediziner, der öfter auf den Bildschirm starrt, als dass er seinen Patienten anschaut, weil er dort Kästchen anklicken und das Patientengespräch dokumentieren muss. Oft vergeht mehr Zeit damit als mit Anamnese, Diagnose und Therapie. Dabei ist das Gespräch mit dem Patienten ganz wichtig. In vielen Fällen hilft es dem Patienten, gibt ihm das Gefühl in guten Händen zu sein und bald wieder gesund zu werden. Doch für solche Überlegungen scheint kein Platz zu sein in der modernen Gesundheitsbürokratie.

Die Bürokratie weiß alles, der Patient umso weniger. Zumindest wird er über die Kosten nicht informiert. Da er die Leistungen nicht selbst vergütet – nicht einmal vorübergehend – und darüber nicht informiert wird, hat er keine Ahnung von den echten Kosten. Wie soll sich da ein Bewusstsein entwickeln, das den Patienten sorgsam mit seiner Gesundheit umgehen lässt. Er ist in der Regel zwangsversichert und wird in Unkenntnis gelassen, welcher Arzt, Physiotherapeut, Orthopäde etc. für welche Leistungen welches Honorar von der Kasse bekommt. Zyniker würden sagen: Er wird dumm gehalten.

Gestern war ein bemerkenswerter Beitrag im Berliner Boulevardblatt „BZ“. In „Fragen Sie doch mal Ihren Arzt nach der Quittung!“ rief die Autorin ihre Leser auf, sich Patientenquittungen ausstellen zu lassen, was angeblich problemlos möglich sei. Nur zwei Prozent der Patienten machen davon Gebrauch. Achtzig Prozent wissen noch nicht einmal, dass das überhaupt möglich ist.

Ich habe da so meine Zweifel, dass es wirklich problemlos möglich ist, die Kosten zu erfahren. Ich weiß, dass beispielsweise die Berliner Charité, jene renommierte Berliner Uniklinik, ihre Patienten nicht darüber informiert, auch dann nicht, wenn sie das im Aufnahmegespräch in dem vorgesehenen Formular ankreuzen und später explizit nachfragen. Warum auch immer: Da steckt Methode dahinter. Meine Vermutung ist, dass sich in diesem Milliardenspiel niemand so gerne in die Karten schauen lässt und daher möglichst wenige Informationen durchsickern sollen. Je größer der Klinikkonzern, desto größer die Geheimhaltungsstufe.

Im Übrigen ist es so, dass der Euro-Betrag auf der Quittung nicht identisch ist mit dem Betrag, den der Chirurg, der HNO-Arzt oder die Klinik am Ende erhält. Wegen der Budgetbegrenzungen fallen die Überweisungen am Ende oft niedriger aus. Was für ein verrücktes System: Die Ärzte erfahren nicht, wieviel Geld sie am Ende für eine erbrachte Leistung bekommen. Die Patienten erfahren nur dann, wieviel Geld ihre Leistung kostet, wenn sie hartnäckigst nachhaken. Aber die Bürokratie weiß alles oder versucht zumindest, alles zu wissen.

Wer sich das ausgedacht hat, kann nicht ganz richtig gewesen sein. Eigentlich ein Fall für den Nervenarzt.

19. August 2010

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