26. August 2010

Sarrazin Das Geheimnis seines Erfolges

Weckruf für eine frische konservativ-liberale Bürgerbewegung?

Am Anfang der Woche sah es noch so aus, als könnte die Buchvermarktung floppen und Sarrazins neuste Provokation als Rohrkrepierer enden. Nach all den vielen Vorstößen, die dieser Mann in den letzten Jahren gemacht hat, besteht ja schon die Gefahr, dass er irgendwann den Status des Hofnarren bekommt und nicht mehr ernst genommen wird. Aber diese Ängste waren unbegründet: Auf die Pawlow’schen Reflexe bei den Merkels, Roths, Becks und Kramers ist noch immer Verlass – und auf die Betroffenheitsduselei der Zwangsbezahlmedien sowieso. Sarrazins neues Buch wird dank der kostenlosen Werbung nun zum ganz großen Erfolg werden.

Was macht den Mann so sympathisch? Warum ist er so erfolgreich damit, die PC-Sklaven auf die Palme zu bringen? Vermutlich sind es drei Punkte, die Thilo Sarrazin zu der Ausnahmefigur machen, die er in der deutschen Politik geworden ist:

1. Er spricht Liberale an. Mit seiner dezidierten Kritik am Sozialstaat und dessen negativen Auswirkungen berührt er ein liberales Kernanliegen. Darüber hinaus appelliert er an freiheitliches Denken, wenn er sich gegen die PC ausspricht oder die Klimawandel-Religion in Frage stellt. Was kümmert uns das Klima in 500 Jahren, wenn die Deutschen in 300 Jahren ausgestorben sind?, fragt er in seinem Buch.

2. Er spricht Nationalkonservative an. Gleichzeitig plädiert er für die Familie, die Nation und das Christentum. Das Überleben des deutschen Volkes liegt ihm am Herzen, was von den meisten anderen deutschen Spitzenpolitikern nicht gesagt werden kann. Sarrazin hat den Sozialstaat als Totengräber der Nation ausgemacht. Wer über Demographie spricht, der werde in die völkische Ecke gedrängt, klagt Sarrazin. Genau so erging es einem konservativen Bevölkerungswissenschaftler namens Robert Hepp in den 80er Jahren. Dabei hat der nur das gesagt, was Sarrazin jetzt wiederholt.

Ergo: Sarrazin ist die fleischgewordene Komposition dessen, was André F. Lichtschlag immer wieder fordert und herbeisehnt, nämlich ein Zusammengehen der Konservativen und Liberalen, die im modernen Wohlfahrtsstaat endlich ihren gemeinsamen Gegner erkennen müssen. Nur wenn der Gender-Mainstream-Hartz-IV-GEZ-Elterngeld-Bildungschipkarten-Rentenversicherungszwangsbeglückungssteuerstaat auf das Notwendige reduziert wird, hat dieses Land wieder eine Zukunft vor sich.

3. Sarrazin war und ist langjähriger Sozialdemokrat und wahrscheinlich spricht er sogar an der SPD-Basis eine Menge Leute an. Auf jeden Fall ist es unmöglich, ihn als Faschisten zu brandmarken, auch wenn es von Linksaußen jetzt immer wieder versucht wird. Aber diese Botschaft wird vom Publikum nicht geschluckt. Genau so gut könnten sie dieser Tage in der „Heute“-Sendung erzählen, Hamburg wäre schneebedeckt oder Zahnarztbesuche würden Spaß machen – es würde ihnen niemand glauben.

Der einzige Vorwurf, den Sarrazin sich machen lassen muss, ist der, dass er nicht früher etwas gemacht hat. „Wo war Sarrazin in den letzten zwanzig Jahren?“, fragte Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky etwas polemisch. Natürlich kennt er die Antwort selbst ganz genau: Sarrazin hat als Beamter und dann als Senator an entscheidender Position mitgewirkt. In seiner Zeit als Senator – das müssen wir Sarrazin zugute halten – hat er jedoch angefangen, den Umverteilungsstaat zu attackieren und sich einen Namen als Sparkommissar gemacht. Sarrazin hat den Berliner Haushalt saniert und die Neuverschuldung der Stadt allen Problemen zum Trotz auf null zurückgefahren. Vielleicht ist es auch deshalb unmöglich, ihn als Hofnarren abzustempeln.

Sarrazin ist in all dem nicht nur ein Sprücheklopfer wie die meisten anderen Politiker. Ihn nehmen die Leute ernst. Auch andere Politiker äußern sich manchmal in die gleiche Richtung wie er, aber niemand schenkt ihnen noch Vertrauen. Selbst unter Sarrazins Genossen finden sich immer mal wieder Leute, die „populistische“ Gedanken hinausposaunen, ohne dass daraus irgendwelche Folgen resultieren. Denken wir an Kurt Beck, der einem Punker geraten hat, sich zu waschen und zu rasieren. „Dann finden Sie auch einen Job.“ Oder Klaus Wowereit, der ehrlicherweise angemerkt hat – und jedes normale Elternpaar stimmte ihm insgeheim zu – dass er seine Kinder nicht auf „so eine“ Schule in Kreuzberg schicken würde, wo niemand richtig deutsch spricht. Oder nehmen wir Guido Westerwelle mit seiner Kritik am Hartz-IV-Umverteilungssystem. Groß war die Aufregung, null war die Wirkung. Inzwischen werden die Regelsätze erhöht und neue Sozialleistungen eingeführt (Bildungschipkarten). Die Deutschen haben es satt, von Sprücheklopfern an der Nase herumgeführt zu werden. Sie wollen Taten sehen und endlich fundamentale Kritik an den offensichtlichen Fehlentwicklungen des Sozialstaates hören. Die kommt von Sarrazin. Deswegen kommt er so gut an.


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