02. September 2010

Sozialstaat Superwurfprämie und andere Sarrazin-Vorschläge

Rezepte aus der sozialdemokratischen Mottenkiste

Sarrazins Buch ist grandios. Jeder Absatz ein Kracher, jeder neue Gedanke ein Knüller. Es war und ist eine Illusion zu glauben, dass sich die demographischen Probleme Deutschlands durch Einwanderung lösen lassen. Ebenso ist der drohende Abschied der Deutschen aus der Weltgeschichte eine Sache, über die gesprochen werden muss. Und dass Intelligenz zu einem erheblichen Teil erblich ist – nur Idioten können diese offensichtliche Tatsache leugnen.

Auch deswegen habe ich noch keinen „normalen“ Menschen getroffen, der nicht begeistert war von den Thesen Thilo Sarrazins. Kritiker aus dem einfachen Volk mag es geben, aber es sind nur wenige. Ganz entgegengesetzt ist die Haltung der Leute, die zum politisch-medialen Komplex gehören. Selten wurde der Gegensatz zwischen dem Mann auf der Straße und den so genannten Eliten dieses Landes so offenbar wie in der causa Sarrazin.

Bei der ganzen Freude über „Deutschland schafft sich ab“ geht aber unter, dass ein Teil der Lösungsvorschläge, die er unterbreitet, nichts taugen. Eigentlich hält Sarrazin sich mit Vorschlägen weitgehend zurück, nur in der Bildungspolitik wird er sehr konkret. Seine Frau ist Grundschullehrerin und vermutlich ein Wörtchen dabei mitzureden gehabt. Sarrazin erwähnt mehrfach, dass sie ihm mit Rat und Tat beiseite stand.

Das macht es nicht besser, wenn er Dinge wie verpflichtende „Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten“, in denen „unentgeltliches Mittagessen“ ausgegeben wird, vorschlägt (Seite 406). Dumme Kinder sollen eine verbindliche Sonderförderung erhalten – natürlich vom Staat. Neben einem Kopftuchverbot schwebt ihm eine Schuluniform vor. Kurzum: „Die Bildungs- und Erziehungsaufgabe verlagert sich vom Elternhaus in die öffentlichen Erziehungseinrichtungen“, schreibt er auf Seite 190. Mehr Staat, weniger bürgerliche Familie so sehen seine Rezepte aus.

Dabei wäre es doch viel unkomplizierter die Anreize des Sozialstaates für Einwanderer mit einem Schlag zu beseitigen, dann müsste sich niemand mehr den Kopf über Integration derselben zu zerbrechen. Hier gehen seine Ideen schon in die richtige Richtung. Trotzdem: Das große Paradoxon bei Sarrazin ist, dass er selbst erkannt hat, wie kontraproduktiv der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat ist, und dennoch mit dem Sozialstaat die Probleme lösen will. Als Therapie schlägt er eben eine andere Dosis Sozialstaat vor. Das ist alles.

Wenn wir uns schon überlegen, wie der Sozialstaat effektiver gestaltet werden kann, dann ist dieser Vorschlag noch einer der interessanteren: Sarrazins schlägt vor, nur noch solche Akademikerinnen Kindergeld zu bezahlen, wenn sie ihr Kind vor dem 30. Geburtstag bekommen. Dann sollten sie aber gleich auf einen Schlag sage und schreibe 50.000 Euro erhalten.

Hört sich erst mal wie eine gewaltige Summe ab, ist aber gar nicht so viel. In 25 Jahren kassiert eine Mutti heutzutage pro Kind über 55.000 Euro, wenn sie 184 Euro pro Monat erhält. Das ist der augenblickliche Satz. Mit der hohen Einmalzahlung würde ein echter Anreiz geschaffen, das Kind tatsächlich früher als bisher zu bekommen, denn das Durchschnittsalter der Frau bei der ersten Schwangerschaft dürfte die magische Grenze von 30 bereits überschritten haben. Akademikerinnen liegen meistens weit darüber. Dieser Anreiz würde natürlich nicht für die deutsche Hartz-IV-Mutti aus dem Plattenbau oder die Kopftuchmädchen produzierende Importbraut aus dem Nahen Osten gelten, weil die kein abgeschlossenes Studium haben. Wenigstens wäre der Staat vom Prinzip Gießkanne abgerückt.

Skepsis, dass die wenigen sinnvollen Vorschläge Sarrazins in die Tat umgesetzt werden, ist erlaubt. Wenn überhaupt, dann nur jene, die mit der politischen Korrektheit in Einklang stehen und auf noch mehr Staat ausgelegt sind. Damit aber wäre niemandem geholfen.


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