Adorján F. Kovács

ist Gesichtschirurg und Publizist.

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Migrationsdebatte: Medienverhalten und Integration

von Adorján F. Kovács

Die türkische TV-Parallelgesellschaft

Wenn die Integration von Türken in Deutschland zur Sprache kommt, bleibt die Diskussion oft im Ungefähren. Daher einige harte Zahlen: Es gibt fast 3 Millionen Menschen mit türkischer Herkunft in Deutschland, davon sind über 700.000 deutsche Staatsbürger. Aus soziologischer Sicht sagt das gar nichts, weil sich die Mentalität nach der Einbürgerung nicht ändert. Interessieren sich diese Menschen türkischer Herkunft für das Land, in dem sie leben, oder doch mehr für die Angelegenheiten der Türkei? Einen Hinweis könnte ihr Medienverhalten geben.

Die Auflage türkischer Zeitungen in Deutschland beläuft sich auf knapp 120.000 Exemplare („Hürriyet“ 40.000, „Zaman“ 40.000, „Türkiye“ 20.000, „Sabah“ 13.000, „Milliyet“ 5.000). Wie auch bei deutschen Zeitungen, sind diese Auflagen rückläufig, da die digitalen Medien den Zeitungen den Rang ablaufen. Dennoch wird man in aller Regel sagen können, dass jemand, der täglich eine türkische Zeitung liest, sich nicht primär mit Deutschland identifiziert.

Neben ausschließlich aus Deutschland sendenden türkischsprachigen Programmen sind hierzulande via Kabel und Satellit inzwischen Dutzende türkischer Fernsehprogramme zu empfangen – wie etwa Kanäle des staatlichen Senders TRT und des Dogan-Medienkonzerns (Euro Star, Euro D, CNN Türk), Privatsender wie Samanyolu, Fox, ATV, Show Türk, TV8, Kanal 1, NTV, SKY Türk und Haber Türk. Über die Einschaltquote dieser Sender ist wenig bekannt. Die Stiftung "Zentrum für Türkeistudien" in Essen hat vor einem Jahr im Auftrag des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Integration eine umfassende Studie zur Mediennutzung von türkischstämmigen Migranten in Deutschland zusammengestellt. Die Studie zeigte, dass zwar die überwiegende Mehrheit der türkischstämmigen Migranten sowohl deutsches als auch türkisches Fernsehen schaut, 55 Prozent der türkischen Fernsehnutzer (in NRW sogar 58 Prozent) jedoch mehr türkische als deutsche Programme. Laut Ministerium ließ sich erkennen, dass das türkische Fernsehen und türkische Medien insgesamt heute häufiger genutzt werden als noch vor einigen Jahren. Mehr als 50 Prozent, das sind etwa 1,5 Millionen Menschen, die sich innerlich nicht so weit von ihrem Herkunftsland oder dem Herkunftsland ihrer Vorfahren gelöst haben, dass sie das Fernsehprogramm des Landes, in dem sie leben, bevorzugen würden. Bei echten Einwanderern noch aus sentimentalen Gründen verständlich, muss dies bei Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, befremden. Hier kann etwas nicht stimmen.

Zu behaupten, dass die meisten Türkischstämmigen türkischsprachige Medien aus kulturellen Gründen bevorzugten und daher die politische Brisanz nicht überbewertet werden dürfe, wie der zu diesem Problem befragte Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez sagt, befriedigt nicht. "Das führt nicht zwangsläufig zur Parallelgesellschaft", meint Hafez, und hat recht: Nicht zwangsläufig – aber eben doch immer mehr. Zudem scheint Hafez nicht ganz unparteiisch zu sein, meint er doch auch herausgefunden zu haben, dass ARD und ZDF einseitig und negativ über den islamischen Glauben berichten würden, aus Gewohnheit, aber auch unter Zwang. Wie dem auch sei: Wer sich nicht nur mit der Politik, sondern auch mit der Kultur des Landes, in dem er lebt, nicht identifiziert, ist nicht integriert.

06. September 2010

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