Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Hegels großer Antipode: Arthur Schopenhauer – der düstere Liberale

von Gérard Bökenkamp

Eine kurze Lesereise durch sein Werk

23. September 2010

Heute ist über den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860)  gemeinhin noch bekannt, dass er Pessimist und Misanthrop war, dass er Nietzsche und Richard Wagner beeinflusste und das er über Frauen wenig Charmantes zu sagen hatte. Doch wenig beleuchtet sind die Berührungspunkte zwischen Schopenhauer und dem klassischen Liberalismus. Es ist wohl Schopenhauers düster anmutender Pessimismus und sein negatives Menschenbild, die davor zurückschrecken lassen, ihn ohne Zögern in einem Atemzug mit Adam Smith und Ludwig von Mises zu nennen. Dabei waren es wohl gerade diese düsteren Züge, die sein Denken gegen die großen kollektivistischen Irrtümer seiner Epoche immunisiert haben.

Der Historiker Ralph Raico schreibt in seinem Buch „Partei der Freiheit“, in dem er die Geschichte des deutschen Liberalismus behandelt:  „Von den großen Systembildnern in der deutschen Philosophie nach Kant kann der Liberalismus im folgenden Jahrhundert – wenn man den jungen Fichte außer Acht lässt – nur Arthur Schopenhauer für sich in Anspruch nehmen. Schopenhauer war unbeugsam in seinen liberalen Anschauungen, die jenen von Humboldts ‚Ideen’ nahe kam.“

Tatsächlich folgte Schopenhauers Auffassung vom Staat und dem Recht weitgehend den Auffassungen des klassischem Liberalismus. So legte er dar:

„Wer von der vorgefassten Meinung, dass der Begriff des Rechts ein positiver sein müsse, und nun ihn zu definieren unternimmt, wird nicht damit zu Stande kommen: denn er will einen Schatten greifen, verfolgt ein Gespenst, sucht ein Nonens. Der Begriff des Rechts ist nämlich, wie eben auch der der Freiheit, ein negativer: Sein Inhalt ist eine bloße Negation. Der Begriff des Unrechts ist der positive und ist gleichbedeutend mit Verletzung im weitesten Sinne. Eine solche kann nun entweder die Person, oder das Eigentum, oder die Ehre treffen. (…) Ein Recht zu etwas, oder auf etwas haben, heißt nicht weiter, als es tun, oder aber zu nehmen, oder benutzen können, ohne dadurch irgendeinen Anderen zu verletzten: Das Einfache ist das Kennzeichen des Wahren.“

Nach heutigen Kategorien war Schopenhauer Ultraminimalstaatler im Sinne von Robert Nozick („Anarchie, Staat, Utopia“). Hegels Staatsverehrung war ihm suspekt. Er war allerdings davon überzeugt, dass die Monarchie dem Menschen die einzig angemessene Staatsform biete. Der Staat war jedoch für Schopenhauer „bloße Schutzanstalt“ gegen äußere und innere Angriffe:

„Hieraus folgt, dass die Notwendigkeit des Staats im letzten Grunde, auf der anerkannten Ungerechtigkeit des Menschengeschlechts beruht: Ohne diese würde an keinen Staat gedacht werden; da niemand Beeinträchtigung seiner Rechte zu fürchten hätte und ein bloßer Verein gegen die Angriffe wilder Tiere oder der Elemente nur eine schwache Ähnlichkeit mit einem Staat haben würde. Von diesem Gesichtspunkt aus sieht man deutlich die Borniertheit und Plattheit der Philosophaster, welche in pompösen Redensarten den Staat als den höchsten Zweck und die Blüte des menschlichen Daseins darstellen und damit eine Apotheose der Philisterei liefern.“

Staatsphilosophie war für Schopenhauer ein Schimpfwort und das staatliche System der akademischen Ausbildung hielt er für einen Hort der Indoktrination: 

 „Da kann es geschehen, dass aus einem Priester der Wahrheit ein Verfechter des Truges wird, der eifrig lehrt, was er selbst nicht glaubt, dabei der vertrauensvollen Jugend die Zeit und den Kopf verdirbt, auch gar mit Verleugnung allen literarischen Gewissens zum Lobredner einflussreicher Pfuscher, z.B. frömmelnder Strohköpfe, sich hergibt, oder auch, dass er, weil vom Staat und zu Staatszwecken besoldet, nun den Staat zu apotheosieren, ihn zum Gipfelpunkt alles menschlichen Strebens und aller Dinge zu machen, sich angelegen sein lässt, und dadurch nicht nur den philosophischen Hörsaal in eine Schule plattester Philisterei umschafft, sondern am Ende, wie z. B. Hegel, zu der empörenden Lehre gelangt, dass die Bestimmung des Menschen im Staat aufgehe – etwa wie die Biene im Bienenstock.“

Die wenigen Stellen, in denen Schopenhauer sich über Ökonomie geäußert hat, sind mehr als dürftig. Schopenhauer war kein Ökonom. Dennoch zeigte er bei der Einschätzung der wirtschaftlichen Folgen der Industrialisierung eine Hellsichtigkeit, die seinem Zeitgenossen Marx und den modernen Fortschritts- und Konsumkritikern und Verelendungstheoretikern abgeht. Er machte keinen Hehl daraus, dass er technischen Fortschritt, Arbeitsteilung und Luxus bejahte, ja sogar als Grundlage für Freiheit und den Aufstieg der Zivilisation ansah. Die Mechanismen wirtschaftlichen Wachstums erkannte er besser als selbst viele moderne Autoren im historischen Rückblick.

„Ein Volk von Bauern würde wenig entdecken und erfinden: Aber müßige Hände geben tätige Köpfe. Künste und Wissenschaften sind selbst Kinder des Luxus, und sie tragen ihm ihre Schuld ab. Ihr Werk ist jene Vervollkommnung der Technologie in allen ihren Zweigen, in den mechanischen, den chemischen und den physikalischen, welche in unsern Tagen das Maschinenwesen zu einer früher nie geahnten Höhe gebracht hat und namentlich durch Dampfmaschine und Elektrizität Dinge leistet, welche frühere Zeiten der Hilfe des Teufels zugeschrieben haben würden. Da verrichten jetzt in Fabriken und Manufakturen jeder Art, mitunter auch im Feldbau, Maschinen tausendmal mehr Arbeit, als die Hände aller jetzt müßigen Wohlhabenden, Gebildeten und Kopfarbeitenden jemals vermocht hätten und als mithin durch die Abstellung alles Luxus und die Einführung eines allgemeinen Bauernlebens je erreicht werden könnte. Die Erzeugnisse aller jener Betriebe kommen keineswegs den Reichen allein, sondern Allen zu Gute. Dinge, die ehemals kaum zu erschwingen waren, sind jetzt wohlfeil und in Menge zu haben, und auch das Leben der niedrigsten Klasse hat an Bequemlichkeit viel gewonnen.“

Er illustriert diesen Fortgang von der Armut zum Wohlstand über den Weg der Arbeitsteilung und Industrialisierung mit verschiedenen Beispielen. Besonders bildhaft ist das folgende:

„Im Mittelalter erborgte einst ein König von England von einem seiner Großen ein Paar seidene Strümpfe, um damit angetan den französischen Gesandten Audienz zu erteilen, sogar die Königin von England war hocherfreut und überrascht, als sie 1560 das erste Paar seidener Strümpfe als Neujahrsgeschenk erhielt: Heut zu Tage hat jeder Handlungsdiener dergleichen.“

Schopenhauer selbst stand wie Hegel in der Tradition des deutschen Idealismus, aber er schlug auf der Basis des Kant’schen Denkens einen ganz eigenen Weg ein. Er ging als Idealist von der Einheit von Subjekt und Objekt aus: Ohne Erkennendes auch kein Erkanntes. Er übernahm von Immanuel Kant den Begriff vom „Ding an sich.“ Kant glaubte, dass wir niemals wissen könnten, wie die Welt jenseits unserer Anschauung aussieht. Wir wissen nicht, was von der Welt bleibt, wenn wir sie nicht sehen, fühlen, schmecken, riechen. Schopenhauer ging darüber einen Schritt hinaus. Das „Ding an sich“ ist bei ihm der blinde Lebenstrieb, der sich in der Welt objektiviert. Diesen Lebenstrieb nennt er den „Willen“, und dieser steht hinter allen Erscheinungen unveränderlich außerhalb von Zeit und Raum.  Auch, wenn man sein metaphysisches System oder auch einfach seine Schlussfolgerungen auf dieser Basis ablehnt, so ist doch die Geschlossenheit und Schlüssigkeit der Schopenhauer’schen Metaphysik ebenso beeindruckend wie die kraftvolle Prosa und die Klarheit der Argumentation, mit denen Schopenhauer dieses System vor allem in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“  vor dem Leser ausbreitet.

Der Glaube an die Unzerstörbarkeit des Lebens und dass alles Leben letztendlich Leiden ist, das hat Schopenhauer mit dem Buddhismus gemein, weshalb er und die fernöstliche Religion oft in einem Atemzug genannt werden. Schopenhauer teilt aber nicht die kindliche Auffassung vom Bäumchen-wechsel-dich, bei dem die Seele von Körper zu Körper eilt. Für Schopenhauer ist der Tod eine Fiktion, die niemals eintritt, weil wir unseren eigenen Tod niemals erleben. Das erkennende Subjekt ist wie der Wille als unerschöpflicher Lebenstrieb unzerstörbar. Der Grund des Leidens liegt seiner Ansicht nach darin, dass der in der Natur wie im einzelnen Menschen wirkende Wille niemals zu einem Ziel führen kann. Schopenhauers Pessimismus hat also einen metaphysischen Grund und darf nicht einfach gleichgesetzt werden mit dem, was wir in der Alltagssprache darunter verstehen. Sein metaphysischer Pessimismus unterscheidet Schopenhauer sowohl von den Utilitaristen als auch von den radikalen Aufklärern. Er glaubte weder an den Hedonismus noch an die Allmacht der Vernunft. Für Schopenhauer war der „Verstand“ nur eine Laterne, die dem Willen in dunkler Nacht vorausleuchtete.

Schopenhauers metaphysischer Entwurf führt zu der Einsicht, dass die Unzufriedenheit der Menschen nicht in der Lage irgendeines Früh- oder Spätkapitalismus begründet ist und durch „Sozialreformen“ beseitigt werden könnte, sondern in der menschlichen Natur selbst. Menschen sind niemals zufrieden, ihre Bedürfnisse werden nur kurzfristig gestillt. Sobald der Mensch sein Ziel erreicht hat, tritt neue Unzufriedenheit ein, und er strebt nach neuen Zielen. Dies ist ein unendlicher Prozess, der nie zum Stillstand kommt, es sei denn der seltene Fall von einem unter 100 Millionen tritt ein, dass der Mensch ganz sein eigenes Wesen verleugnet, den „Willen“ in sich selbst verneint, um als Asket schließlich seinen Lebenstrieb gänzlich abzutöten und ins Nirwana einzugehen.

Schopenhauer hätte über Keynes’ Sorge, dass zu wenig konsumiert werden könnte, weil die Grundbedürfnisse befriedigt seien, nur Spott übrig gehabt. Die mechanische Vorstellung von Bedürfnisbefriedigung ist Schopenhauers metaphysischem Konzept vom unstillbaren Lebenstrieb gerade entgegengesetzt. Kommunismus, umfassender Wohlfahrtsstaat und ein utopisches „Ende der Geschichte“ bietet keine „Lösung“, sondern ist aus seiner Perspektive allenfalls eine Wahnvorstellung. Nach Schopenhauers Darlegung ist der Kommunismus nach dem Credo „jeder nach seinen Bedürfnissen“ nicht nur nicht erreichbar, sondern überhaupt nicht wünschbar:

„Aber, wenn alle Wünsche, kaum entstanden, auch schon erfüllt wären; womit sollte dann das menschliche Leben ausgefüllt werden, womit die Zeit zugebracht werden? Man versetze dies Geschlecht in ein Schlaraffenland, wo alles von selbst wüchse und die Tauben gebraten herumflögen, auch jeder seine Heiß-Geliebte alsbald fände und ohne Schwierigkeiten erhielte – Da werden die Menschen zum Teil vor Langeweile sterben, oder sich aufhängen, zum Teil aber einander bekriegen, würgen und morden und so sich mehr Leiden verursachen als jetzt die Natur ihnen auferlegt.“

Konsequent ergibt sich aus Schopenhauers System, dass es weder einen Zustand allgemeiner Bedürfnisbefriedigung, noch Grenzen des Wachstums geben kann, da das menschliche Streben niemals einen Abschluss findet. Wenn man sich die Frage stellte, welches Wirtschaftssystem seiner Metaphysik wohl am ehesten entsprechen würde, ist die Antwort ohne zu zögern die Marktwirtschaft. Dies ergibt sich schon daraus, dass er Eigentum ohne wenn und aber bejahte und das Recht als rein negatives definierte, aber es ergibt sich auch daraus, dass die Dynamik des Marktes eine friedliche Form bietet, in der der Mensch in Bewegung bleiben und sich immer neue Ziele setzen kann, und genau darin besteht der Grundzug des irdischen Daseins.

Das Dasein habe „wesentlich die beständige Bewegung zur Form, ohne Möglichkeit der von uns stets angestrebten Ruhe. Es gleicht dem Laufe eines bergab Rennenden, der, wenn er stillstehen wollte, fallen müsste und nur durch Weiterrennen sich auf den Beinen erhält; – ebenfalls der auf der Fingerspitze balancierten Stange; – wie auch dem Planeten, der in seine Sonne fallen würde, sobald er aufhörte, unaufhaltsam vorwärts zu eilen. – Also Unruhe ist der Typus des Daseins.“

Es waren Schopenhauers philosophischer Sonderweg und sein an Verschrobenheit grenzendes Einzelgängertum, die ihn davor bewahrte, den Irrtümern seiner Zeit zu folgen und wie Hegel und Marx Staat und Kollektiv in den Rang einer Gottheit zu erheben. Denn Schopenhauers pessimistischer Idealismus ist mit sozialistischen Utopien und gesellschaftspolitischen Heilslehren schlicht nicht kompatibel. Das Leiden gehört  nach Schopenhauers Überzeugung zum Urgrund der Welt, und keine messianische Bewegung, weder Nationalismus noch Sozialismus, können daran etwas ändern, allenfalls können sie es noch ins Ungeheure vergrößern.

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie entstand erst nach Schopenhauers Tod. Carl Menger Buch „Die Grundsätze der Volkswirtschaftlehre“ erschien erst im Jahr 1871. Das heißt, Schopenhauer konnte es nicht kennen. Aber es ist offensichtlich, dass seine metaphysische Auffassung von der permanenten Unzufriedenheit der menschlichen Existenz und die Theorie vom subjektiven Grenznutzen ohne Probleme miteinander vereinbar sind. Die Aussage, dass ein Gut für den Besitzer an Wert verliert, umso mehr er davon besitzt, hätte er ohne Zweifel unterschrieben. Es gehörte zum Kern seiner Auffassung vom menschlichen Streben, dass ein erreichtes Glück aufhörte, als Glück empfunden zu werden. Auch sein konsequenter Individualismus stellt eine Parallele zum methodischen und ethischen  Individualismus der Österreichischen Schule dar. So schrieb er:

„Nicht das Schicksal der Völker, welches nur in der Erscheinung da ist, sondern des Einzelnen entscheiden sich moralisch. Die Völker sind eigentlich bloße Abstraktionen: Die Individuen allein existieren wirklich.“

Oder an anderer Stelle: Nicht das Menschengeschlecht, sondern „nur Individuen und ihr Lebenslauf“  seien real, „die Völker und ihr Leben bloße Abstraktionen (…) In Wahrheit hat nur der Lebenslauf jedes Einzelnen Einheit, Zusammenhang und wahre Bedeutsamkeit: Er ist als eine Belehrung anzusehen, und der Sinn der derselben ist ein moralischer.

So gibt es für die Bewältigung der eigenen Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt auch keine kollektive Lösung, und erst recht keine gesellschaftspolitische, sondern nur eine individuelle Antwort. Auch für Schopenhauer ist jeder Mensch seines Glückes Schmied oder in seinem Fall wohl besser gesagt, privater Sachwalter seines persönlichen Unglückes. Schopenhauer hat in seinem Werk verschiedene Wege der Erlösung aus dem irdischen Jammertal oder wenigstens Möglichkeiten der Linderung diskutiert:

Der konsequenteste Weg ist bei ihm der Weg des Asketen, der sich frei macht von allem Streben und schließlich mit seinem Selbst im Nirwana verlöscht. Man kann sich auch kurzzeitig von Sorge und Plackerei erlösen, durch die Versenkung in der Schönheit und vor allem in Kunst und Musik, und schließlich kann man sich für einen „heroischen Lebenslauf“ entscheiden, an dessen Ende man sich als redlicher Mann an den Widrigkeiten der Welt und den Gemeinheiten der anderen erschöpft hat und schließlich verdient und von allen Lebensgeistern verlassen ins  Nichts eingeht und von der Last der Existenz befreit ist.

Die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ hat Schopenhauer für die große Mehrheit der Menschen verfasst, denen das Ziel der Erlösung zu hoch gesteckt ist und es stattdessen mit der Bejahung des Lebens versuchen wollen. Auch dort weist er darauf hin, dass Glück – soweit er es für möglich hielt – vor allem in sich selbst zu suchen ist:

„Was uns aber, von jenen Allen, uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: Denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist, hat allemal Ursache es zu sein: nämlich eben diese, dass er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen, während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, schön, reich und gelehrt, so fragt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter sei: Ist er hingegen heiter; so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder pucklich, arm oder reich sei, er ist glücklich.“

Dafür dass Schopenhauer zur Geschichte des liberalen Denkens gehört, dafür lässt sich also wie geschildert einiges ins Feld führen:  Sein negativer Freiheitsbegriff;  seine Definition des Rechts als Abwehrrecht; die Überzeugung, das jeder Mensch sich selbst gehört; das Konzept vom Ultraminimalstaat; die Ablehnung der Staatsphilosophie; der konsequente Individualismus und die Ablehnung des Kollektivismus; der Verweis auf individuelle Bewältigung des menschlichen Leidens durch Erkenntnis, Askese und einen „heroischen Lebenslauf“, statt auf politische Lösungen zu warten; die Lehre, dass jeder Genuss nur vorübergehender Natur ist und alsbald durch neue Ziele abgelöst werden muss; die Bejahung von technischem und wissenschaftlichen Fortschritt und Arbeitsteilung. Alles zusammengenommen, ergibt das – bei allen Einschränkungen – ein durchaus vollständiges Bild.

Die meisten liberalen Denker kamen durch die Beschäftigung mit den Problemen der Ökonomie und des Rechts zum Liberalismus, Schopenhauer über eine pessimistische Metaphysik mit fernöstlichen Anklängen. Nichtsdestotrotz war der einsame, zurückgezogen lebende Mann mit dem Pudel ein Leuchtturm in einer Zeit, als sich Sozialismus und die religiöse Verklärung von Staat und Kollektiv auszubreiten begannen. Für Schopenhauer war die Welt ein Jammertal, aber ein Jammertal, in dem es sich unter den Bedingungen von Freiheit, Recht, Eigentum und wirtschaftlichen Fortschritt noch am besten leben ließe. Wenn man sich die Denker von Adam Smith bis Milton Friedman und Hayek als (oft zerstrittene) liberale Familie vorstellt, dann ist Schopenhauer wohl so etwas wie der düstere Onkel.

 Literatur:

 Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit

Arthur Schopenhauer: Pareiga und Paralipomena

 Ralph Raico: Die Partei der Freiheit. Studien zur Geschichte des deutschen Liberalismus, Stuttgart 1999.

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