Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Vom Marxismus zum Idealismus: Die Crux der Bewusstseinspolitik

von Gérard Bökenkamp

Über Moralismus und Meinungsfreiheit

Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Das ist die Grundannahme des herrschenden Diskurses in der Bundesrepublik. Journalisten, Intellektuelle, Politiker, Pädagogen und Lehrer sehen sich in der besonderen Pflicht, Bewusstsein zu schaffen. Bewusstsein für Umweltzerstörung, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung und vieles mehr. Im Grunde handelt es sich um einen deutschen Konsens: Die Vorstellung, dass das Sein vom Bewusstsein bestimmt wird, also die Umkehrung des berühmten Diktums von Marx, ist die unausgesprochene Prämisse fast aller öffentlichen Debatten. Daraus ergibt sich die Gleichung „Meinung gleich soziale Wirkung“. Und so ist erklärlich, warum Minderheitenmeinungen in diesem Lande so extrem attackiert werden.

Denn dieser naive gesellschaftstheoretische Idealismus hat drastische Folgen für den Stellenwert der Meinungsfreiheit. Es wird umso intoleranter auf andere Meinungen reagiert, je stärker jemand von der realen Wirkung von Meinungsäußerungen ausgeht. Wenn man daran glaubt, dass allein die Wirksamkeit bestimmter öffentlich geäußerter Meinungen für die Probleme der Gesellschaft verantwortlich ist, dann ist der Schritt zu der Überzeugung, dass man diese Meinungen bekämpfen und unterbinden muss, ein sehr kleiner. Wer wirklich davon ausgeht, dass die Welt nur gerettet werden kann, wenn alle an die Erderwärmung glauben, für den ist jeder Kritiker, der seine Meinung öffentlich kundtut, nicht nur ein intellektueller Gegner, sondern der Feind der ganzen Menschheit. Wer daran glaubt, dass Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen tatsächlich nur dadurch entstehen, dass Menschen über die Gegensätze zwischen diesen Gruppen reden, für den sind solche Äußerungen eine reale Gefahr für den Frieden. Meinungsfreiheit ist aus der Perspektive dieses naiven Idealismus nur ein störendes Hindernis auf dem Weg zur guten Gesellschaft. Und wer auf seinem gegenteiligen Standpunkt besteht, der ist ein Störenfried.

Naiver Idealismus und extremer Moralismus sind eng miteinander verknüpft. Wer die Welt nicht von sozialen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und materiellen Zwängen geprägt, sondern durch die Bildung von Bewusstsein bestimmt sieht, dem wird es weniger darum gehen, die kausalen Zusammenhänge zu erklären, sondern darum, die Konsequenzen moralisch zu be- und verurteilen.

Die öffentlich zur Schau getragene moralische Entrüstung und Verurteilung wurde so zum zentralen Instrument der Gesellschaftspolitik erhoben. Sachliche Auseinandersetzungen werden dadurch immer schwieriger, da alle relevanten Fragen auf eine moralische Ebene gezogen und ein Problem auf die Frage der – apodiktisch gesetzten und selbst nicht mehr hinterfragbaren – Moral reduziert wird. In einem solchen Diskurs sind Tatsachenbehauptungen nicht richtig oder falsch, sondern gut oder böse. Sie können daher auch nicht mit Argumenten begründet oder widerlegt, sondern nur nach der Vereinbarkeit mit der gesellschaftspolitischen Agenda überprüft und bewertet werden. Nicht Wahrheit, sondern Wünschbarkeit wird zum zentralen Kriterium.

Eine Mischung aus naivem Idealismus und extremer Abwehrhaltung gegenüber Andersdenkenden und Abweichlern wird man in dieser Kombination sehr häufig antreffen. Der gesellschaftstheoretische Idealist wird hinter allen negativen Phänomenen immer moralische Schuld wittern, die in falschem Bewusstsein zu verorten ist. Für denjenigen, der zu der Erkenntnis gelangt ist, dass sich das Lohnniveau in einem Marktprozess aus Angebot und Nachfrage ergibt, ist die Lohnhöhe keine moralische, sondern eine ökonomische Frage. Für diejenigen aber, die in der Lohnfestsetzung einen Willensakt sehen, der die Folge eines bestimmten „gesellschaftlichen Bewusstseins“ ist, für den ist das Lohnniveau eine moralische Frage. Der Lohn für Geringqualifizierte ist von diesem Standpunkt aus betrachtet nicht deshalb niedrig, weil ein großes Angebot von Arbeitskräften auf eine begrenzte Nachfrage stößt, sondern weil die Unternehmer sich unmoralisch verhalten.

Neben den Koordinaten von rechts und links gibt es auch jene von Idealismus und Materialismus, also die Frage, wie groß man die Wirkung materieller Zwänge und ökonomischer Gesetzmäßigkeit auf den Lauf der Dinge beurteilt und wie hoch der Einfluss von Ideen, Diskursen und Denken von Einzelnen eingeschätzt wird. Der gesellschaftstheoretische Materialist tendiert eher dazu, die ökonomischen und allgemein materielle Einflüsse zu betonen, der Idealist eher dazu, die Ideen und das gesellschaftliche Bewusstsein für ausschlaggebend zu halten. Nicht nur, aber gerade auch auf der Seite der Linken hat sich ein Wandel hin zu einem radikalen Idealismus vollzogen, der in den 80er Jahren abgeschlossen war und in den Grünen auch seinen politischen Ausdruck fand. So wie man in früheren Zeiten in breiten Bevölkerungsschichten davon überzeugt war, dass man durch das Gebet Berge versetzen könne, so ist man heute in der Bundesrepublik der Überzeugung, dass man durch „gesellschaftliche Diskussionen“ die Welt verändern kann. Die zentrale Forderung als Reaktion auf Schwierigkeiten lautet deshalb immer, man brauche eine gesellschaftliche Debatte: Reden verändere die Welt.

Naiv ist dieser gesellschaftstheoretische Idealismus deshalb, weil er in den meisten Fällen uneingestanden von bestimmten Wirkungsmechanismen ausgeht, die bei genauerem Hinsehen alles andere als besonders plausibel oder gar zwingend sind.

Der Bewusstseinswandel hat sich im Wesentlichen auf der Linken eingestellt, sich dann jedoch weit über das Lager der „Neuen Linken“ ausgebreitet. Der orthodoxe Marxismus ging noch davon aus, dass die gesellschaftliche Entwicklung von ihrer sozioökonomischen Basis her bestimmt wird. Religion, Kultur, Ideologie seien lediglich ein Überbau der ökonomischen Basis. Die Feudalgesellschaft bringe bestimmte Klassen wie den Adel und die Bauern und der Kapitalismus bestimmte Klassen wie das Proletariat und die Bourgeoisie hervor. Eigentlich gebe es keine Meinungen, sondern nur Klassenstandpunkte. Diese ergäben sich fast notwendig aus der materiellen Basis der Gesellschaft und spiegelten Konflikte wider, die ebenfalls fast notwendig aus der materiellen Basis der Gesellschaft folgen. Die Zukunft werde daher ursächlich nicht davon bestimmt, welche Ideen und subjektiven Überzeugungen sich bilden, sondern vom historisch notwendigen Wandel des Produktionsprozesses. Wie unschwer zu erkennen ist, lässt sich aus einer solchen Sichtweise die Relevanz gesellschaftlicher Diskurse nur schwer herleiten. Doch dies ist heute weder die bei der intellektuellen Linken noch in der Gesamtgesellschaft vorherrschende Sichtweise.

Diese ursprüngliche marxistische Sichtweise ist in ihrer kruden Form natürlich falsch. Das Gegenteil von etwas Falschem ist aber deshalb noch lange nicht richtig, sondern oft ebenso falsch. Die Vorstellung von der Allmacht der materiellen Verhältnisse wurde durch die Vorstellung von der Allmacht der Diskurse abgelöst. Man ist von einem Extrem ins andere Extrem verfallen. Heute werden viele Debatten so geführt, als wäre das richtige Bewusstsein alles und die Welt der Fakten, ökonomischen Zwänge und der Materie nichts. Spätestens in den 80er Jahren hatte sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: Gramsci, Foucault, Habermas, Freud, Judith Butler sind nur einige Stichwortgeber, die das Denken dieses Grundverständnisses prägten, welches schließlich auch von konservativen Intellektuellen als Ausdruck von Modernität angesehen und übernommen wurde. Die Glaubenssätze des neuen „postmodernen“ Paradigmas lauteten: Wirklichkeit ist konstruiert, objektive Methoden zur Annäherung an die Realität gibt es nicht. Der Verweis auf Logik und Empirie ist an sich rückwärtsgewandt und reaktionär. Also kann man den Diskurs nur nach moralischen Kriterien und nicht nach Wahrheitskriterien beurteilen.

All das ging einher mit der Übertragung der Methoden der Psychoanalyse vom Individuum aufs Kollektiv. Für die Therapie setzt sich der Patient auf eine Couch und redet über das Problem. Indem darüber gesprochen wird, verschwindet das Problem, so die Annahme. Das nennt man dann „Aufarbeitung“, und dieses Prinzip wurde nun auf die Gesamtgesellschaft übertragen. Man identifiziert ein gesellschaftliches Problem, dann wird darüber gesprochen, und indem darüber gesprochen wird, wird das Problem gelöst. Es verschwindet quasi durch die Bearbeitung des kollektiven Unterbewusstseins und die Schaffung eines kollektiven Konsenses. In der Realität der Mediendemokratie bedeutet das, dass sich eine Runde von Personen mit einem Moderator zusammensetzt und redet. Eine Kamera wird daraufgehalten und dieses Schauspiel dann in Millionen von Haushalten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk transportiert. Das, was dort diskutiert wird, gilt als der herrschende gesellschaftliche Diskurs und ihm kommt dann etwa die Funktion zu, die im Mittelalter einem Konzil oder der päpstlichen Bulle entsprochen hätte. Die Folge ist, dass der Diskurs nicht mehr offen sein kann, denn das Ziel ist es gerade nicht, kontroverse Meinungen abzuwägen, sondern vielmehr einer vorgegebenen, als gesellschaftlich wertvoll deklarierten Agenda zu dienen. Für den Diskurs gilt: Es darf viel geredet werden, aber es muss feststehen, was am Ende dabei herauskommt.

Viele Meinungsmacher, Journalisten, Moderatoren und Politiker handeln deshalb aus ihrem subjektiven Verständnis heraus verantwortungsbewusst, wenn sie in der Berichterstattung ihren Zuschauern und Lesern bestimmte Fakten vorenthalten und andere Meinungen unter den Tisch fallen lassen. Wenn sie es nicht täten – so glauben sie –, würde die Ordnung aus den Fugen geraten und das Böse schließlich triumphieren. Diese Einstellung beruht jedoch auf nicht reflektierten Prämissen über die Wirksamkeit solcher Diskurse, die genau betrachtet auf sehr fragwürdigen, zwar oft postulierten aber nie wirklich bewiesenen Annahmen beruhen – nicht zuletzt auf krasser Selbstüberschätzung der Medienmacher und Intellektuellen. Linke und Rechte kämpfen um eine „kulturelle Hegemonie“, die langfristig jedoch möglicherweise gar nicht der alles entscheidende Einflussfaktor ist. Denn die zugrundeliegende Theorie setzt eine Sender-Empfänger-Ableitung voraus und eine absolute Koppelung von persönlicher Einstellung und Verhalten. So stellt man sich offenbar diesen Prozess vor: Jemand äußert eine Meinung, sie strahlt über die Medien aus zu den Menschen im Land, diese nehmen diese Meinung schließlich als ihre an und verändern aufgrund dieser Meinung ihr Verhalten. Ohne eine solche Theorie wäre die hysterische Reaktion auf bestimmte Meinungsäußerungen überhaupt nicht nachvollziehbar: Gute Meinungen führen demzufolge zu gutem Verhalten, schlechte Meinungen führen zu schlechtem Verhalten. Darum muss man gute Meinungen in den Medien gebetsmühlenartig wiederholen und schlechte Meinungen außen vor lassen oder vor aller Welt als schlechte Meinungen brandmarken. Dahinter ist das unausgesprochene Ziel erkennbar, dass es möglichst nur noch gute Meinungen geben soll und alle schlechten Meinungen möglichst verbannt gehören. Dies folgt dem Grundsatz: „Gut ist, wer Gutes sagt“ und beruht auf dem naiven Glauben, dass gesellschaftliches Bewusstsein wichtiger ist als technologischer Fortschritt, ökonomische Gesetzmäßigkeiten, internationale Machtkonstellationen und reale Interessenkonflikte.

Es gibt die Geschichte vom kleinen Jungen, der gegen eine Laterne schlägt. In dem Augenblick fällt der Strom in der ganzen Stadt aus und der kleine Junge glaubt, er habe all das verursacht. Möglicherweise verhält es sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung ganz ähnlich. Der „Tagesspiegel“ glaubte zum Beispiel fest daran, dass der kleine Junge die Kraft hat, die Energieversorgung zu unterbrechen. In dem Blatt wurde die Befürchtung laut, es könne in Zukunft eine rechtspopulistische Partei erfolgreich sein: „Es geht längst nicht mehr um reale Fehlentwicklungen, auf die auch Sarrazin zurecht hinweist, sondern um irrationale Ängste, die der umstrittene Buchautor mit seinem biologistischen Weltbild vor allem schürt.“ Da haben wir sie wieder, die Konstruktion von Wirklichkeit: Wenn eine politische Bewegung entsteht, dann liegt das nicht an einem zugrundeliegenden realen Interessenkonflikt, sondern daran, dass Herr Sarrazin ein Buch geschrieben hat. Konflikte sind aus dieser Perspektive nicht real, sie werden herbeigeredet und herbeigeschrieben: Es ist der kleine Junge, der gegen die Laterne schlägt, der für den Stromausfall verantwortlich ist.

Schuld ist also der Überbringer der schlechten Botschaft. Auf die Frage, ob die Bundesregierung um das Ansehen der Bundesbank fürchte, sagte der Sprecher der Bundesregierung Steffen Seibert, Sarrazins Äußerungen seien vor allem „überhaupt nicht hilfreich“ bei der „großen nationalen Aufgabe“, mit der „Integration voranzukommen“. Da „müsste ein ganz anderer Ton angeschlagen werden“. Hier ist er wieder, der gesellschaftstheoretische Idealismus. Worte schaffen Bewusstsein, Bewusstsein löst Probleme. Integration ist keine Frage von Markt- und Umverteilungsmechanismen oder realen Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen, sie ist eine Frage des guten Tons. Wir leben alle im Traumland. Wenn die Welt nur schön geredet und schön geschrieben wird, dann ist sie auch schön.

Nicht Meinungsäußerungen an sich, aber die Resonanz auf Meinungsäußerungen hat etwas mit Realität zu tun. Der Erfolg bestimmter Positionen ist die Folge realer Entwicklungen. Hätte Thilo Sarrazin ein Buch über die Gefahr des Buddhismus geschrieben statt über den Islam, dann hätte auch die „schweigende Mehrheit“ nur den Kopf geschüttelt. Wäre der Keynesianismus in den 70er Jahren nicht so offensichtlich gescheitert, dann hätten Milton Friedman und die Vordenker des Thatcherismus nicht erfolgreich sein können. „Neoliberale“ gewinnen in der Regel dann an Überzeugungskraft, wenn die Umverteilung an Grenzen stößt und das Kind in den Brunnen gefallen ist – sprich Inflation und Staatsverschuldung als Probleme nicht mehr zu leugnen sind. Intellektuelle haben Einfluss, aber nur wenn ihre Ideen auf eine Resonanz treffen, die von einer materiellen Realität bestimmt wird.

Der naive Idealismus, der (Aber-) Glaube an die Macht der Diskurse und die damit verbundene Bewusstseinspolitik haben dazu geführt, dass in regelmäßigen Abständen in der öffentlichen Debatte die Verhältnismäßigkeit vollkommen außer Kraft gesetzt wird. Eine ungenaue Formulierung hier, eine ungeschickte Äußerung dort, eine kontroverse These – sie können zur Folge haben, dass man keinen Sender einstellen, keine Zeitung aufschlagen, sein Startportal im Internet nicht öffnen kann, ohne dass einem die ziemlich überflüssige Frage entgegentritt, ob man dies oder jenes sagen darf oder nicht. Es wird dann mit einer Aufregung über ein Buch berichtet, das noch kaum jemand gelesen hat, als seien gerade die Zwillingstürme des World Trade Center zusammengebrochen.

Könnte es aber nicht sein, dass das alles einfach nur übertrieben wird und dass die Welt nach der Buchveröffentlichung im Grunde dieselbe geblieben ist wie vor der Buchveröffentlichung? Könnte es nicht sein, dass es sich bei dieser ganzen Vorstellung vom umkämpften gesellschaftlichen Konsens einfach um kollektivistischen Nonsens handelt? Dass die Fragen, wie viel Einwanderung es in die Bundesrepublik gibt, welche Konflikte sich daraus ergeben, wie viele Kinder geboren werden oder was die Finanzmärkte nächste Woche tun, und überhaupt: wie sich die Welt im ganzen entwickelt, denkbar wenig mit dem zu tun haben, was im Fernsehen läuft, im Feuilleton steht oder in Talkshows verhandelt wird, aber viel mit individuellen Interessen, dem Fortschritt der Technologie, Umverteilungsmechanismen, demographischen Einflüssen und der inneren Systemlogik von Organisationen, veränderten Machtkonstellationen, veränderten Arbeitsbedingungen, sprich: auch viel mit sozioökonomischen Rahmenbedingungen, ist kaum von der Hand zu weisen.

Es wäre ja durchaus möglich, auch sehr entspannt mit kontroversen, ja sogar mit extrem kontroversen oder sogar offensichtlich falschen und irrigen Positionen umzugehen, wenn man davon ausgeht, dass jede Meinungsäußerung immer nur die Meinungsäußerung eines einzelnen ist, die richtig oder falsch sein kann, und die in einer pluralistischen Gesellschaft vielen anderen Meinungen gleichgeordnet ist. Das Paradoxe ist, dass kontroverse Persönlichkeiten oft angegriffen werden, weil ihnen eine Relevanz für den Lauf der Welt unterstellt wird, die sie möglicherweise gar nicht besitzen. Der naive Idealismus, der sich seit den 80er Jahren durchgesetzt hat, ist ebenso eine intellektuelle Sackgasse wie ein reduzierter Materialismus. Er versagt als Erklärungsmodell genauso wie als Leitprinzip einer öffentlichen Auseinandersetzung. Der naive Idealismus schafft einen enormen Gesinnungsdruck und Dauerhysterie, er vergiftet den menschlichen Umgang und er führt dazu, Diskurse zu behindern und nicht dazu, sie zu befördern. Er verschließt die Augen vor Fakten und verdrängt die Realität:

Denn es gibt ökonomische Gesetzmäßigkeiten, politische Zwänge, soziale Tatsachen und reale Konflikte, unabhängig davon, was im Fernsehen gesendet wird und was in der Zeitung steht und unabhängig davon, was man moralisch für wünschbar erachtet. Früher oder später holt die Wirklichkeit den Diskurs über die Wirklichkeit ein – selbst dann, wenn man allen den Mund verbieten könnte.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 106

29. September 2010

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