Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker und Publizist.

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Margaret Thatcher wird 85: Die bedeutendste Frau des 20 Jahrhunderts

von Gérard Bökenkamp

Anmerkungen zur Eisernen Lady

Die meisten Menschen haben keinen Einfluss auf den Gang der Geschichte. Einige haben etwas Einfluss auf den Gang der Geschichte, und wenige verändern den Lauf der Geschichte. Von den britischen Premierministern des 20. Jahrhunderts wird man sich in hundert Jahren wohl nur an drei erinnern: An David Lloyd George, an Winston Churchill und an Margaret Thatcher. Es gehört zu den Ironien der europäischen Nachkriegsgeschichte, dass die erste Frau, die eine westliche Demokratie anführte, eine Konservative war, deren ideelles Fundament nicht in der modernen Frauenbewegung, sondern in den Moralvorstellungen des Viktorianischen Zeitalters lag. (Auch das hat die Linke ihr nie verziehen)

Ihr Biograph John Campbell sieht den politisch und persönlich prägenden Einfluss in dem Verhältnis zu ihrem Vater, dem Ladenbesitzer und Lokalpolitiker Alfred Roberts. Er verkörperte alles, wofür Thatcher später politisch kämpfen sollte, nämlich freies Unternehmertum und die vom Methodismus bestimmten protestantischen Werte. Schon als junges Mädchen lernte sie durch ihren Vater die Politik auf lokaler Ebene kennen. Als Chemiestudentin war sie engagiert für den Jugendverband der Konservativen. Ihr Ehemann, der wohlhabende Geschäftsmann Dennis Thatcher, stütze das politische Engagement seiner Frau finanziell und privat.

Ideologisch verband sie konservative und radikalliberale Elemente in ihrem Denken. Beides war im Thatcherismus so stark ineinander verwoben, dass man es kaum klar voneinander trennen kann. Es ist schwer zu sagen, welche dieser Elemente für ihren politischen Erfolg den Ausschlag gegeben haben. Einwanderungsbeschränkungen und Falklandkrieg gehörten aber ohne Zweifel zu den Wahlschlagern, die auch Stimmen aus dem Lager der traditionell Labour wählenden Arbeiterschaft angezogen haben. Ihre Marktreformen waren eng mit dem Anspruch verbunden, England zu „retten“, und ihr Appell an den Patriotismus sollte die Mehrheit für eben diese Marktreformen sichern. Ihr fast religiöses Sendungsbewusstsein kam durch ihre Rhetorik zum Ausdruck, so zitierte sie vor dem Einzug in die Downing Street den heiligen Franz von Assisi.

Unter normalen Umständen hätte eine Frau von dem charakterlichen Zuschnitt Margaret Thatchers keinen Erfolg haben können. Es war die Krise, welche die Frau, die den Konsens verabscheute wie der Teufel das Weihwasser, an die Macht trug. Großbritannien, das Mutterland des wirtschaftlichen Liberalismus, war spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem semisozialistischen Staat geworden. Einkommenssteuersätze von bis zu 90 Prozent, die Allmacht der Gewerkschaften, Inflationsraten von bis zu 25 Prozent im Jahr und der Niedergang der staatlichen Industrien brachten das Land in eine Abwärtsspirale. Das Vereinigte Königreich war auf Kredite des IWF angewiesen und musste damit Eingriffe in seine Souveränität hinnehmen. Nicht einmal zwei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit der meisten Kolonien sah sich das Königreich selbst auf das Niveau eines Entwicklungslandes herabgestuft. Einige Ökonomen glaubten, dass die DDR Großbritannien wirtschaftlich überholen könnte, was sowohl etwas über die Qualität dieser Ökonomen als auch über die Qualität der britischen Wirtschaft aussagt.

Wie Dominik Geppert in seinem brillanten Buch „Thatchers konservative Revolution“ beschreibt, hatte sich schon früh eine kleine Gruppe von Anhängern des freien Wettbewerbs um Friedrich August von Hayek organisiert, um Alternativen zum herrschenden wirtschaftspolitischen Konsens auszuarbeiten. Anders als Thatcher selbst es darstellte, war ihr Patriotismus und ihr Konservatismus zuerst da, der Marktliberalismus war eine Kredenz späterer Jahre. Erst unter dem Einfluss ihres politischen Ziehvaters Keith Joseph hat sie sich zu einer Anhängerin marktwirtschaftlicher Theorien entwickelt. Thatcher war eine Frau, die von der Praxis her dachte und an Wissenschaft vor allem ihres Gebrauchswertes wegen interessiert war. Im Gegensatz zu Keith Joseph, der ein wirklicher Intellektueller war, besaß Thatcher jedoch die Fähigkeit, die Ideen, die an den wirtschaftsliberalen Denkfabriken wie dem IAE und dem CPS ausgearbeitet wurden, politisch durchzusetzen. Nachdem Joseph sich als Folge einer Medienkampagne zum Rücktritt entschlossen hatte, nahm Thatcher den Machtkampf in der Partei auf und setzte sich gegen den damaligen Parteivorsitzenden Edward Heath durch.

Die Bezeichnung Eiserne Lady entstand in der Oppositionszeit. Eigentlich von der sowjetischen Soldatenzeitung „Roter Stern“ zur Abwertung der Kalten Kriegerin in die Welt gesetzt, erwies sich dieses Bild als imagetechnischer Glücksfall. Das Image der Eisernen Lady erlaubte die Widersprüche der konservativen Politikerin in einem archetypischen Bild aufzulösen. Thatchers Werdegang und Auftreten vereinigten nicht länger unvereinbare Gegensätze wie Weiblichkeit und Führungskraft, sondern bildeten die Zutaten für die Schaffung des Bildes einer politischen Revolutionärin – quasi einer modernen Jean d’Arc. Vor Thatchers Machtübernahme herrschte bei den Torys ein Denken vor, das sich in einer damals verbreiteten Redensart findet: „Wir sind hier nicht politisch – Wir sind Konservative.“ Mit Thatcher ging der Anspruch revolutionär zu sein von der Linken zu den Torys über.

Die englische Mittelschicht blieb ihr ideeller und politischer Bezugspunkt. Dort lagen nicht nur ihre Wurzeln, der Lebensstil der englischen Mittelschicht blieb auch ihr politisches Ideal und Modell für die Zukunft Großbritanniens. Thatcher bediente nicht nur die Wünsche und Vorurteile ihrer Anhängerschaft wie viele andere Politiker der Konservativen, sie selbst teilte sie. Eine der ersten dokumentierten, politischen Forderungen der glühenden Churchill-Anhängerin betraf die Wiedereinführung der Prügelstrafe für jugendliche Gewalttäter. Ziel ihrer Politik war die Verbreiterung der mittelständischen Basis. Dazu gehörte als zentrales Element die groß angelegte Privatisierung von staatlichem Haus- und Wohneigentum, um eine Mehrheit der Briten zu Haus- und Wohnungsbesitzern zu machen und damit, so ihre These, gegen den Sozialismus zu immunisieren. Neben der Verbreiterung der Schicht der kleinen und mittleren Privateigentümer stand die Ausbreitung des freien Unternehmertums im Zentrum ihrer Politik.

Kennzeichnend für ihre Amtszeit war die Durchsetzung einer schmerzhaften Reformpolitik gegen die „Wets“, konservative Konsenspolitiker, die die Mehrheit im Kabinett stellten. Thatcher stützte sich auf eine kleine Gruppe von „echten“ Thatcheristen. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Die Abwendung von der Inflationspolitik beschleunigten den Strukturwandel und brachten alte, morsche Strukturen zum bersten. Die Arbeitslosigkeit stieg, und in mehreren britischen Städten kam es zu gewaltsamen Aufständen ethnischer Minderheiten. Um den Haushalt zu sanieren, schreckte die radikale Staatskritikerin auch nicht vor Steuererhöhungen zurück. Erst nach der Wiederwahl wurde eine große Steuerreform in Angriff genommen, und die ersten Erfolge der Konsolidierungspolitik wurden sichtbar: Die Produktivität stieg und die Schuldenlast war gemessen an der Wirtschaftsleistung stärker gesunken als bei den anderen westlichen Industriestaaten. Thatcher ließ damals berechnen, wie lange diese Politik fortgesetzt werden müsste, bis Großbritannien schuldenfrei wäre.

Für die Wiederwahl Margaret Thatchers war der Falklandkrieg von entscheidender Bedeutung. Erst der Sieg über die Argentinier gab Thatcher eine Aura, wie sie seit Winston Churchill kein britischer Premierminister gewinnen konnte. Wieder so ein Treppenwitz der Geschichte: Ein imperialer Anachronismus rettete die wirtschaftliche Erneuerung. Der Thatcherismus zielte im Kern eigentlich auf die Abstreifung der kolonialen Bürde zugunsten der Wohlstandssicherung und Konsolidierung auf den Heimatinseln. Dazu gehörte militärpolitisch der Abbau der überdimensionierten Flotte. Nach dem Triumph der britischen Seestreitkräfte konnte davon keine Rede mehr sein. Die Wiederwahl gab Thatcher die Möglichkeit, gestärkt in die Konfrontation mit den Gewerkschaften zu gehen. Die Bergarbeitergewerkschaften versuchten die Regierung Thatcher mit einem einjährigen Streik in die Knie zu zwingen, doch die Eiserne Lady hatte den längeren Atem. Der Triumph über die Bergarbeitergewerkschaft des linksradikalen Gewerkschaftsführers Arthur Scargill veränderte das Kräfteverhältnis dauerhaft und war ein Einschnitt von historischer Dimension.

Es ist nicht schwer, Fehler und Versäumnisse der Thatcher-Jahre aufzulisten. Doch solche Auflistungen haben etwas Irreales. Thatcher war ohne Zweifel, was Intelligenz, Nervenstärke, Arbeitseinsatz, und Durchsetzungsfähigkeit anging, eine herausragende Figur der politischen Nachkriegslandschaft. Im Europa der Nachkriegszeit findet man ähnliche Qualitäten wohl nur bei De Gaulle und Adenauer, aber beide waren keine überzeugten Marktwirtschaftler, sondern reine Machtpolitiker. Um das Land zu reformieren, ging Thatcher bis an die Grenze ihrer eigenen psychischen und physischen Leistungsfähigkeit. Es fällt schwer, sich den liberalen Superhelden vorzustellen, der in 80er Jahren mehr durchgesetzt hätte als sie und das auch noch ohne die unschönen Begleiterscheinungen. Besonders wenn man sich das übrige politische Personal damals und heute betrachtet. Der einzige, der noch als plausible Alternative in Frage gekommen wäre, war Keith Joseph, und der musste schon 10 Meter vor dem Start die Segel streichen.

Thatcher Kritiker haben natürlich mit vielen ihrer Vorwürfe recht. Thatcher war eitel und selbstverliebt, chauvinistisch, rechthaberisch und leidenschaftliche Gegnerin der Wiedervereinigung (was schon leicht paranoide Züge annahm). Aber trotz allem ist sie die bedeutendste Frau des 20. Jahrhunderts.

Literatur:

Margatet Thatcher: The Grocer’s Daughter (Vol.1)

Margatet Thatcher: The Grocer’s Daughter (Vol.2)


Thatchers Konservative Revolution

Margaret Thatcher’s Revolution: How It Happened and What It Meant

13. Oktober 2010

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