21. Oktober 2010

Ökonomie Wozu Dichter gut sind

Ein volkswirtschaftlicher Vorschlag

Eine rein ästhetische Lektüre von Dichtern ist auch eine verharmlosende. Besonders im Fall Friedrich Hölderlins, der nun wirklich kein Ökonom war, sich aber sehr wohl tiefgreifende Gedanken gemacht hat zu einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse von Grund aus, zu einer revolutionären Zeit, in der unsere heutige Wirtschaftsordnung entstand, aber noch verschiedene Optionen hatte, von denen seither vielleicht nicht die besten ergriffen worden sind.

Der kürzlich auf ef-online erschienene Beitrag Paul Greens zum Römerbrief zeigt, wie eine Stelle im Neuen Testament für die heutigen politischen Probleme produktiv erfasst werden kann. Matthäus XII 25 steht: "Ein jeglich Reich, so es mit sich selbst uneins wird, das wird wüste...". Davon ausgehend, überlegt der Hölderlinherausgeber Dietrich E. Sattler, übrigens als ehemaliger Werbeleiter und Marketingberater gut mit der Materie vertraut, wie der Widerspruch zwischen privaten Interessen ("zwar produktive, tendenziell jedoch unsoziale Energien des Eigennutzes") und denen des Gemeinwesens ("soziale, tendenziell jedoch kontraproduktive Energien des Verwaltungsstaates") aufgehoben werden könnte.

In einer bereits 1999 erschienenen, in hohem Maße anregenden Denkschrift namens "Der Satz des Pythagoras" diagnostiziert Sattler das "Fehlen einer stimmigen Strukturformel" in der Ökonomie der Staaten, weil sie eine "durchgängig defizitäre Bilanz" haben. Dem ist kaum zu widersprechen. Nun sollen die ökonomischen Verhältnisse von Grund aus neu gedacht werden. Dazu ist zweierlei Umdenken nötig: Nicht nur den ertragsabhängigen (a), sondern auch den ertragsfreien (b) Leistungen innerhalb des Gemeinwesens wird zukünftig wertschöpfende Qualität zuerkannt, und der "substitutive Geldbegriff" als bislang tiefstes Fundament unseres Gemeinwesens wird, da als "Zwangsvorstellung" erkannt, in Zukunft zumindest relativiert (nicht Zweck, sondern Mittel).

Aufgrund dieser Gedankenfehler der Ökonomie würden bisher gemeinnützige, also im doppelten Sinne "unverdiente" Leistungen nicht aus dem Gesamtumsatz c hoch 2, der neben der privaten auch die soziale Produktivität b hoch 2 enthält, bezahlt, sondern dem privaten Umsatz a hoch 2 "als durchlaufender Posten zugeschlagen" und dann durch eine absurde Besteuerung wieder entzogen. Sattler schreibt: "Bei diesem die Preise verdoppelnden Vorgang entsteht durch Begünstigung, Kapitalflucht und Betrug ein Steuerschwund, der nur durch hochverzinste, in der Regel von den Verursachern gewährte Kredite auszugleichen ist. Gleichzeitig ergibt sich durch Einsparung des „Kostenfaktors Mensch“ erhöhter Sozialbedarf, der das Defizit "im sozialen Budget" vergrößert und das Steueraufkommen nochmals reduziert. Da nach der Swift’schen Regel der Steuerbetrug mit der Steuerprogression anwächst und die kumulativen Defizite nicht mehr aus eigener Kraft auszugleichen sind, muss die soziale Tätigkeit gegen Null und das Profitprinzip gegen unendlich gehen."

Inwieweit Überschneidungen mit Analysen sozialer Ziele durch z. B. Gerhard Colm bestehen, muss hier nicht diskutiert werden. Jedenfalls soll das private und öffentliche Budget durch ein "Äquivalenzgesetz" (a hoch 2 = b hoch 2) in eine ausgewogene Relation gebracht werden, über das in Deutschland das um einen Ältestenrat erweiterte Amt des Bundespräsidenten, das Verfassungsgericht, der Rechnungshof und die Bundesbank wachen würden. Das "Interesse der Gemeinwesen beschränkt sich auf den Erhalt der inneren und äußeren Lebensordnungen sowie auf die diskrete Akzentuierung ihrer Besonderheit", bietet also so wenig Staat wie eben nötig.

Die Denkschrift spielt dann einige Konsequenzen der oben genannten Neuordnung durch. Kern ist der Satz des Pythagoras, nach dem "der selbständige [öffentliche] Haushalt b hoch 2 im Gesamthaushalt c hoch 2 enthalten" ist; "der [private] Haushalt a hoch 2 kann demgemäß von Steuern und Sozialabgaben entlastet werden. Dadurch halbieren sich Preise und umlaufende Geldmenge." Die weiteren Ausführungen sollen an dieser Stelle nicht referiert werden, um zur Lektüre der Denkschrift anzuregen, die auch den schönen Vorschlag enthält, den spekulativen Wertpapierhandel dem Spielbankengesetz zu unterwerfen.

Die von Hölderlin geglaubte Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten trifft sich beispielsweise mit der auf diesen Seiten immer wieder diskutierten Neuordnung der Finanzen von Grund aus: etwas so zu denken, als würde es zum ersten Mal gedacht. Dazu kann insbesondere die Lektüre Hölderlins anregen; in welche speziellere Richtung dann gedacht wird, ist dem Leser überlassen. Eine neue Auffassung von Revolution ist diese auch darum, weil zwischen die eingefahrenen und ausgetretenen Pfade der Extreme, die in diesem Fall einmal nicht die interessanten, sondern die langweiligen, konventionellen, ja schlimmer noch: falschen Lösungen sind, eine Schneise neuer Gedanken geschlagen wird: Nicht also der neoliberale, egoistische und seit der letzten Finanzkrise ohnehin gescheiterte Pseudokapitalismus und nicht der pseudosozialistische, bürokratische Alptraum eines alles und alle bevormundenden Staates, sondern eine ausgleichende, beide Seiten ohne Zorn vermittelnde Konzeption. Im Zentrum steht ein wirklich freies Denken jenseits der herrschenden und von den Herrschenden für richtig erklärten Irrtümer.

Literaturhinweise:

D. E. Sattler: Der Satz des Pythagoras, Neue Bremer Presse 1999

Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente, hrsg. v. D. E. Sattler, Luchterhand Literaturverlag 2004


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