30. Oktober 2010

Atomenergie Mit wehenden Fahnen

Der Kampf um den Ausstieg vom Ausstieg

Kaum ein Thema weckt in der deutschen Öffentlichkeit so viele Emotionen wie die Atomkraft. Im Kampf gegen sie fand eine ganze Generation ihre Identität. In der zweiten Hälfte der 80er, nach dem Unfall in Tschernobyl, war der Aufkleber der Anti-Atom-Bewegung mit der Aufschrift „Atomkraft? Nein, danke!“ hierzulande fast so präsent wie das Hakenkreuz fünfzig Jahre zuvor.

Kein Wunder, dass der Ausstieg aus dem Atomausstieg, den die Bundesregierung beschloss, die alten Kämpfer wieder auf den Plan ruft. Die Zeitschrift „Stern“ schreibt im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen die Kernkraft sogar vom „Krieg“ und orakelt, nun würden neue Schlachten geschlagen.

Dabei sind die Zeiten schlecht für eine allgemeine Mobilmachung gegen die Kernkraft. Seit dem Beschluss des Atomausstiegs im Jahr 2000 veränderten sich nämlich die Rahmenbedingungen grundlegend. Der größte Feind aller Grünen ist nun der Klimawandel und vor allem der Grund allen Übels: das CO2. Da passt es gerade nicht sonderlich ins Konzept, dass Kernkraftwerke kein CO2 ausstoßen und sich nun Seite an Seite mit so löblichen und umweltfreundlichen Einrichtungen wie den Wind-, Wasser- und Solarkraftwerken wiederfinden. Noch ärgerlicher: Das große Vorbild aller Weltverbesserer und ihr Messias schlechthin, Barack Obama, beschloss jüngst, eine „Generation neuer, sauberer und sicherer Atomkraftwerke“ zu bauen.

Die Deutschen stehen mit ihrer Atomphobie in Europa recht alleine da. In anderen Ländern geht man mit der Kernkraft pragmatischer um. Während wir lediglich 23 Prozent unseres Energiebedarfs durch den Atomstrom decken, sind es bei unseren Nachbarn wesentlich mehr: in Tschechien 34 Prozent, in Belgien 53 Prozent und in Frankreich sogar 75 Prozent. Auch weiter weg von der Grenze hat man vor Atom weniger Angst als bei uns. Nur die Österreicher, die nie ein eigenes Kernkraftwerk besaßen, haben sich von den Deutschen beeinflussen lassen. 1999 schrieben sie sich den Kampf gegen die Kernkraft sogar in die Verfassung hinein – ein in der Welt einzigartiger Vorgang.

Auch die Ergebnisse der regenerativen Energien rufen nicht gerade nach weiteren Straßenprotesten. Beim Beschluss des Atomausstiegs wurde die Zielvorgabe ins Auge gefasst, im Jahr 2010 12,6 Prozent des Energiebedarfs durch „die Regenerativen“ zu decken. In den vergangenen Jahren wuchsen zwischen Kiel und Passau die Windkrafträder wie Pilze aus dem Boden, das Dach fast jeder zweiten Scheune ziert mittlerweile eine Solaranlage. Wir haben uns wieder einmal selbst übertroffen: Statt der erwarteten 12,6 Prozent steuern Sonne, Wind und Wasser mittlerweile fast 18 Prozent unseres Energiebedarfs bei.

Trotzdem gingen neulich wieder mehrere Tausend Menschen gegen die Atomenergie auf die Straße.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 107


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