02. November 2010

Islam Ist sein Untergang unabwendbar?

Hamed Abdel-Samads düstere Prognose

Dossierbild

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad hat ein Buch mit dem überraschenden Titel "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" geschrieben, das eine andere Sicht auf die islamische Welt bietet als sie gewöhnlich in den hiesigen Medien vermittelt wird. Der Islam wird hierzulande als eine gesunde, starke Gemeinschaft geschildert. Für Abdel-Samad ist sie krank und schwach. Gerade dies heißt aber, dass sie gefährlich ist, weil sie sich ihrer Schwäche schämt und aggressiv wird. Und es könnte für Europa letztlich dasselbe bedeuten wie ein starker Islam: Der Autor prognostiziert eine aus Chaos und Zerfall resultierende Völkerwanderung nach Europa.

Das Buch ist formal eine etwas lose Sammlung von Kurzessays und Beobachtungen; diese jedoch von einer ausgesprochen großen Klarheit und Schärfe, vollkommen unprätentiös, aber mit Autorität geschrieben. Der wohl der Einfachheit halber so gewählte Titel ist nicht ganz korrekt: Es geht Abdel-Samad vor allem um die arabisch-islamische Welt plus Iran und Afghanistan, mit einiger Betonung auf Ägypten, weil der Autor aus Ägypten stammt. Das macht das Buch glaubwürdig, beginnt es doch damit, wie Abdel-Samad als Student in Deutschland zunächst selber von der antiwestlichen "Paranoia" erfasst wurde, die offenbar viele muslimische Migranten befällt, weil sie den Spagat zwischen der westlichen Moderne mit ihrem Materialismus, der sie gleichzeitig fasziniert und erschreckt, und der Erstarrung des eigenen religiösen Denkens, das keinerlei Aufklärung kennt, nicht vollbringen. "Konsum ohne Kant führt zur Verwirrung", fasst Abdel-Samad diese "Schizophrenie" zusammen, die entweder in Fanatismus oder kultureller Verwahrlosung mündet – "oder gar in beides zugleich". Die Lektüre Spenglers führte bei ihm schließlich zu seiner "kopernikanischen Wende": einem spirituellen Islam ohne Scharia und Dschihad. Er prognostiziert einen Untergang des Morgenlandes, dem noch ein letztes Aufbäumen vorangeht, und fragt sich, was der Weltkultur eigentlich fehlen würde, ginge die islamische Welt unter – seine Antwort ist ehrlich: wenig bis nichts.

Die islamische Welt sei unfähig, aus der Geschichte zu lernen, also eigenes Versagen zu analysieren und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Geschichtsklitterung schon in der Schule: Abdel-Samad demonstriert an ägyptischen Geschichtsbüchern, wie islamische Brutalität verharmlost und pausenlos antichristliche und antiwestliche Propaganda betrieben wird. Dass Juden als Affen und Christen als Schweine bezeichnet werden, ist dann nicht überraschend. Dass die arabische Welt mehr unter dem türkischen Imperialismus als unter den Kreuzzügen oder dem Kolonialismus gelitten hat, wird negiert, weil die unterjochenden Türken Moslems waren. Wissenschaft und Kultur werden als praktisch ausschließlich islamische Produkte dargestellt. Diese völlige Selbstbezogenheit, man kann auch sagen: dieser Größenwahn, und eine vollkommene geistige Isolation, ja Inzucht führten zu einer Scham, da die islamische Welt durch den Kontakt mit dem freien Westen entdecke, dass sie in Wirklichkeit rückständig ist. Diese Scham beleidige das Selbstbild und darum entstehe eine "Furcht vor der Freiheit" (Erich Fromm), ein völliger Rückzug ins Schneckenhaus.

Ein historischer Rückblick Abdel-Samads auf die Entstehung des Islam zeigt einige gravierende "Geburtsfehler": Welche Rolle etwa die Gewalt dabei spielte, die damit grundsätzlich akzeptabel wurde, da der Islam ihr seinen Erfolg zu verdanken hatte. Weil der Prophet nie Wunder vollbracht hat, wurde der Koran zu einem Wunder stilisiert: zu Gottes unantastbarem Wort. Wortwörtlichkeit ist eigentlich Fundamentalismus, bedeutet aber bei den Muslimen "Rechtgläubigkeit". Jeder Kontakt mit Nichtmuslimen, seien es Mongolen, Kreuzfahrer, Kolonialmächte, habe zu einem neuen Rückzug geführt, einer Verschärfung dieses Sich-Einigelns, dieses Fundamentalismus, dessen heutige Ausprägung, so Abdel-Samad, eben nur eine weitere Welle dieser altbekannten Reaktion der islamischen Welt auf die Begegnung mit anderen Kulturen sei. Hemmungsloser Konsum an westlichen Gütern, die man selber nicht herstellen kann, und der boomende Sextourismus zeigten die Ambivalenz und Doppelmoral nur besonders grell: Man nimmt Güter und Geld gerne, verachtet aber Hersteller und Kundin. Das könne als "Amerikanisierung der Moderne" (A. Meddeb) bezeichnet werden, "die es Menschen ermöglicht, an der Konsumgesellschaft teilzuhaben, ohne ihre Seele zu reformieren."

Politische Reformen seien im islamischen Raum auch deshalb gescheitert, weil sie praktisch immer von oben verordnet und despotisch waren (Abdel-Samad nennt Muhammad Ali Pascha, man kann auch an Atatürk und Nasser denken). Der Autor weist nach, dass "Moderne" im Arabischen negativ konnotiert ist; höher stehen Eigenheit, Tradition, Orthodoxie. Wegen des beschriebenen circulus vitiosus des Fundamentalismus glaubt der Autor auch nicht daran, dass Zeit allein das Problem des Islam mit der Moderne löst. Die von Apologeten oft beschworene Toleranz des Islam in Andalusien hält er – historisch richtig – für einen Mythos, denn seit dem 8. Jahrhundert war der Islam mal mehr, mal weniger intolerant. Schon der Prophet habe den "Reinheitswahn" des Islam begründet, der die Intoleranz zementierte. Ferner war das System Staat von Anfang an, endgültig ab dem 13. Jahrhundert, mit dem Glaubenssystem Islam so verbunden, dass den Untertanen kaum ein Freiraum blieb, der ihnen ein Aufbegehren ermöglicht hätte. Die Despotie ist laut Abdel-Samad dem Islam insofern eingeschrieben, als der Herrscher bis heute der "Schatten Gottes auf Erden und Vollstrecker seines Willens" sei, also eine Art Gottesgnadentum bis heute bestehe. Der Islam habe auch nie Alternativen entwickelt. In den reichen Ölstaaten am Persischen Golf sieht Abdel-Samad den islamischen Größenwahn sogar in unverblümten Rassismus und arabisches Herrenmenschentum münden. Dem entspräche eine Furcht vor jedem Individualismus.

Das hat natürlich Auswirkungen bis in die Familie und intime Beziehungen. Abdel-Samads Beschreibungen individueller Frauenschicksale in Ägypten sind erschütternd, ebenso die Unterdrückung bzw. Fehlleitung besonders der männlichen Sexualität, was zu Frustration und Gewalttätigkeit führt. Aber weil keine intellektuelle und industrielle Revolution stattgefunden habe, würden isolierte Gesetze nichts an der islamischen Geisteshaltung ändern, die zu einem "ungeschriebenen Abkommen zwischen dem System und seinen Untertanen führt" mit der Beibehaltung des Status quo. Jede Veränderung in Richtung weg vom tradierten Islam würde auch von den Untertanen als Bedrohung erlebt und abgelehnt. Darum erschienen vielen Muslimen despotische Gottesstaaten wie Afghanistan, der Iran, Saudi-Arabien, Nigeria, Somalia und der Sudan immer noch als attraktive Option, lautet die erschreckende Schlussfolgerung des Autors.

Was kann getan werden? Bildung? Ja, aber welche, fragt Abdel-Samad. Schulreformen blieben in Äußerlichkeiten stecken; stattdessen würden allein in Saudi-Arabien radikale Prediger mit jährlich 3 Milliarden US-Dollar gefördert. Das Resultat sei eine Halbbildung, die noch schlimmer als Unbildung ist. Sogenannte Wissenschaftler scheuen vor jeder kritischen Fragestellung zurück. Erfolgreiche Heimkehrer aus dem Ausland wie El-Baradei oder der Chemie-Nobelpreisträger Zewail würden in ihrer Heimat Ägypten komplett blockiert. Kann eine Änderung von Europa ausgehen? Auch hier ist Abdel-Samad skeptisch. Die europäischen Muslime seien eher noch fundamentalistischer als diejenigen in den Herkunftsländern, weil in der Fremde der Glaube zum Ersatz für die Heimat bzw. die Umma wird. Die Migration würde zum Exil mystifiziert und die, ohnehin als überlegen gesehene, islamische Identität jeder anderen vorgezogen. Die Freiheit im Westen würde daher nur dazu genutzt, um mit demokratischen Mitteln die Demokratie zu unterwandern. Selbst die säkularen oder indifferenten Muslime "kritisieren nie, was Muslime anderen Muslimen antun, sondern erheben ihre Stimme nur, wenn jemand den Islam angreift." Die Wiederkehr der Verschleierung und des Kopftuchs ist für Abdel-Samad ein Zeichen für die tiefe Verunsicherung der Muslime in der Begegnung mit dem Westen und der Moderne. Er diagnostiziert einen "Holocaustneid", also den absurden Versuch, die Situation der Muslime in Europa mit der der Juden im neunzehnten Jahrhundert oder im Dritten Reich zu vergleichen.

Für unabdingbar beim Versuch, den islamischem Fundamentalismus zu überwinden, hält der Autor darum Islamkritik, sei sie nun Selbstkritik oder Kritik von außen. Die einzige und letzte Chance des Islam sieht Abdel-Samad in dessen Versöhnung mit dem Atheismus. Der Koran müsse aus dem politischen Diskurs verbannt werden, er habe im 21. Jahrhundert nichts zu suchen. Es brauche mehr Atheisten, mehr Abweichler, mehr Häretiker, die die Zweifler, die es sehr wohl gäbe, bestärkten. Das Internet, besonders Facebook, sieht Abdel-Samad als hilfreich bei diesem Prozess, um eine untergründige Bewegung entstehen zu lassen. Gleichzeitig sieht er die islamische Welt aber realpolitisch vor einer weitgehenden Islamisierung. Der Einfluss Saudi-Arabiens und Ägyptens auf die Türkei, Indonesien und Malaysia sei wesentlich größer als umgekehrt. Diese Islamisierung wird, so die Prognose, mit dem Ende der Ölreserven und angeheizt von der Klima- und Umweltkatastrophe im ehemals fruchtbaren Halbmond zum Zusammenbruch noch in diesem Jahrhundert führen, mit Krieg, Chaos, Migrationswellen. Aus dieser „Insolvenz“, wie er es nennt, – ist es nicht eher eine Apokalypse? – kann dann vielleicht etwas Neues erwachsen. Zunächst aber gilt: "Wir gehen schweren Zeiten entgegen." Da hat er wohl recht.

Das Buch liest sich wie eine Ansammlung von Gedanken, die ich zum Islam hatte, aber nie zu äußern wagte. Ein Buch, das vor unkorrekten Ansichten nur so strotzt – Abdel-Samad nennt das "wenig beleuchtete Facetten". Klar, dass es nur von einem Araber und Moslem geschrieben werden konnte. Jeder Deutsche, der es gewagt hätte, sich so zu äußern, wäre des Rassismus geziehen worden. Die Spiegel-Journalisten haben dem Autor denn auch im Interview zum Buch Übertreibung und Einseitigkeit vorgeworfen und ihn schon zum Vorzeige-Moslem der Konservativen erklärt. Damit versuchen Linke, die den Islam und die Verhältnisse im Nahen Osten natürlich besser als Abdel-Samad kennen, unangenehme Wahrheiten zu verunglimpfen. Das Buch selbst ist durch die Sarrazin-Debatte kaum beachtet worden, allerdings passt es nicht in die Schablone der Systempresse, was sowieso ein Totschweigen zur Folge gehabt hätte. Auch wer seine Analyse und Schlussfolgerung nicht in letzter Konsequenz teilt, wird Abdel-Samad doch dankbar sein für seine Hilfestellung beim (vorwiegend einseitigen) Diskurs mit einem Islam, der sich um jede Kritik drückt. Man könne sehr wohl von DEM Islam als politischer Ideologie und Geisteshaltung sprechen, führt Abdel-Samad gegen die beliebte Rhetorik von den vielen Schulen des Islam an, die man angeblich nicht vergleichen könne, und er brandmarkt diese theologische Vielfalt des Islam als Beliebigkeit, bei der jeder sich bedienen könne mit dem, was ihm in den Kram passt, unter anderem mit Terror, dessen Wurzeln er überwiegend im Islam sieht, der – entgegen der linken Rhetorik – auch für die sekundären Ursachen des Terrors wie Diktatur, Armut und Rückständigkeit in der Region des Nahen Ostens verantwortlich sei.

Abdel-Samad ist ein mutiger Mann, kein Zweifel. Er will wie mit seiner Autobiografie (Mein Abschied vom Himmel) mit diesem Buch in Ägypten auf Lesereise gehen. Es will nicht nur hier in Deutschland gut leben, er will auch in seinem Herkunftsland etwas bewirken. Schade, dass man engagierte, aufgeklärte Muslime wie ihn noch mit der Lupe suchen muss.

Literatur:

Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt: Eine Prognose, Droemer, München 2010

Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam, Unionsverlag, Zürich 2007


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Islam

Mehr von Adorján F. Kovács

Über Adorján F. Kovács

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige